2. Alumni Tag der Johann Wolfgang Goethe-Universität am 30.06.2007 in Frankfurt am Main
Unser erster Interviewpartner war Bruder Paulus Terwitte, Kapuzinermönch. Er hat eigene Sendungen auf N24, SAT1 und HR4 Radioladen.
1. Was heißt Verantwortung für Sie persönlich? Gibt es einen Unterschied zu der Verantwortung in Ihrer beruflichen Rolle?
Für mich heißt Verantwortung, dass ich Gott eine Antwort gebe auf seinen Auftrag, für ihn in dieser Welt tätig zu sein. Verantwortung ist immer etwas Persönliches und Persönlichkeit entsteht durch Beziehung. Meine Beziehung zu Gott und meine Beziehung zu den Menschen verstehe ich als Antwort auf die Grunderfahrung; Gott ist wertvoll, der Mensch ist wertvoll, die Welt ist wertvoll und daraus ergibt sich für mich, ich habe diesen Wert zu beachten und meine Antwort darauf zu finden. Mit einem Wort: Verantwortung meint, man lebt nicht auf sich hin und für seine Bedürfnisse, sondern in Sorge und dieses alte Wort sei einmal gewagt, in Liebe zu Gott, dem Nächsten mit der ganzen Welt.
Es gibt dann keinen Unterschied in meiner Verantwortung als persönlicher, privater Mensch und in meiner beruflichen Rolle. Ich habe verschiedene Gegenüber, verschiedene Klienten, verschiedene Menschengruppen, da gibt es immer unterschiedliche Grade, welche Verantwortung ich, wie wahrnehme. Aber verantwortlich sein, ist eine Haltung, die mein ganzes Leben durchzieht.
2. Worin besteht die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen?
Die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen besteht darin, dass kein Unternehmen so wirtschaften darf, dass die gesamte Wirtschaft gefährdet wird. Das kann ökologisch oder auch ökonomisch verstanden werden. Wirtschaften bedeutet immer, im Dienste der ganzen Gesellschaft den Markt gestalten, ein Produkt gestalten, den Menschen dienen wollen, nicht nur hier sondern in der ganzen Welt. So gibt es also eine lokale, eine nationale und internationale Vernetzung und auch einen entsprechenden Grad der Verantwortung, die ein Unternehmen wahrzunehmen hat. Darüber hinaus hat ein Unternehmen selbstverständlich die Verantwortung, dem Menschen in seiner Würde ein Arbeitender sein zu dürfen, zu dienen. Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen und Arbeit zu schaffen, ist eine der größten gesellschaftlichen Verantwortungen von Unternehmen.
3. Als Führungskraft muss man oft unter Unsicherheit entscheiden. Welche Konsequenzen sehen Sie für die Verantwortbarkeit von Entscheidungen?
Führungskräfte müssen immer neu entscheiden und nicht nur sie, sondern alle Menschen wissen nie, ob es ganz richtig ist. Darum ist das vier Augenprinzip gar nicht schlecht oder auch ein sechs oder acht Augenprinzip. Im Dialog wird sich die Wahrheit am besten herausstellen. Drei Leute irren weniger als einer alleine. Deswegen muss in den Führungsetagen für eine gute Gesprächskultur gesorgt werden. Nicht nur horizontal, sondern vertikal, durch das ganze Unternehmen hindurch. Eine gute Führungskraft wird immer auch auf die jüngsten und die schwächsten Mitglieder des Unternehmens hören, weil dort meistens am treffsichersten eine Diagnose über den Zustand des Unternehmens zu finden ist. Im Übrigen gilt der Satz des heiligen Franziskus über die Führungskräfte im Orden: „Wenn ein Untergebener mit einem führenden Bruder sprechen will, dann soll es so sein, als wenn ein Herr mit seinem Knecht spricht.“
4. Wo endet Ihre Verantwortung, bzw. wo liegen die Grenzen Ihrer Verantwortung?
Die Grenzen meiner Verantwortung liegen in meinem Können. Ich kann oft nicht etwas, was ich eigentlich in meiner Verantwortung für andere können sollte. Aber, ich habe körperliche, biografische, psychologische Begrenzungen und da ist auch meine Verantwortung begrenzt. Außerdem wird mir auch eine Grenze gezogen durch Gesetze, durch die Grenzen des Unternehmens, durch begrenzte Mitarbeiter. Da gibt es verschiedene Formen von begrenzt sein und das habe ich wahrzunehmen und anzuerkennen. Außerdem endet meine Verantwortung selbstverständlich da, wo die Verantwortung des Anderen dann beginnt in der gleichen Angelegenheit. Wobei ich ihn natürlich auf Fehler hinweisen muss und auf gar keinen Fall nur immer fein schweigen darf zu etwas, was ich als falsch anerkenne. Mein Gewissen steht immer über jeder Form von Obrigkeit und es zwingt mich entsprechend, auch dann außerhalb der Grenzen meiner definierten Verantwortung, manchmal tätig zu werden.
5. Können nur einzelne Personen oder auch Unternehmen Verantwortung tragen?
Ein Unternehmen kann nur im übertragenen Sinne Verantwortung für etwas haben. Im Unternehmen gibt es einfach Führungskräfte, die verantwortlich sind. Ich finde, dass die Anonymisierung von Unternehmen, wenn gesagt wird Siemens hat so und so oder Telekom hat so und so, falsch. Auch Kirche ist nicht einfach nur Kirche, sondern es kommt darauf an, dass die Personen, die in diesen Unternehmen sind, sich darstellen und erklären, wie sie verantwortlich handeln und für wen sie verantwortlich handeln. Wenn deren Bezug zu den Menschen und zur umgebenden Gesellschaft deutlich wird, kann man eher wieder Vertrauen fassen. So gilt also, ein Unternehmen hat an sich keine Verantwortung, sondern die Unternehmenden im Unternehmen haben Verantwortung zu tragen gegenüber ihren Mitarbeitern, den Produkten, den Kunden und der Gesellschaft.
Br. Paulus Terwitte, 16.Mai 2007
Bruder Paulus, geb. 1959 im westfälischen Münsterland, tritt mit 19 in den Kapuzinerorden ein, studiert Theologie und wird dann als Priester eingesetzt. Die Zusatzqualifikation in Gestalttherapie und Supervision befruchtet seine Begegnungen mit Menschen. Nach Lebens- und Arbeitsstationen in Offenburg, Stühlingen, Gera und Frankfurt/M. leitet er seit 2006 das Kapuzinerkloster Dieburg bei Darmstadt mit dem neu eingerichteten Zentrum für Berufungspastoral der Kapuziner. Br. Paulus soll junge Männer ansprechen und aktiv anregen, sich zu fragen, in welche Lebensform Gott sie ruft.
Die Sorge um den Nachwuchs verbindet er mit seinen Erfahrungen in der Medienarbeit. Mit seinen Sendungen auf N24, SAT1 und HR4 Radioladen und durch seine regelmäßigen Beiträge in verschiedenen Zeitschriften, spricht er Menschen weit über den Raum der Kirche an.
Als Mitglied im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK) arbeitet er in dessen Arbeitskreis „Pastorale Grundfragen“ mit. Er ist geistlicher Beirat im Vorstand der Gesellschaft katholischer Publizisten und engagiert sich im Leitungsteam des Audio-Visuellen-Ordenstreffs der Deutschen Ordensoberenkonferenz.
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