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6. März 2010 - So geht es mir jetzt als katholischer Priester

So geht es mir jetzt als katholischer Priester

Seelsorge war für mich immer das kostbarste Vermächtnis Jesu an seine Kirche. Er hat seinen Lebensgeist menschlichen Gebärden verliehen. Als amtlicher Priester soll ich das in der Kirche heilig halten und lebendig, was das Amt alle Christen an ihren Lebensorten ist: Vertrauen in einer misstrauischen Welt auferstehen zu lassen; Vergebung mehr Gewicht zu geben als dem Bösen; Annahme an Kindes statt zu bringen in einer Welt, die Kinder und Jugendliche aus Familien verstößt und kind- und jugendgerechten Bildungsentwicklungen fernhält.

Mir war die Berufung, diese wunderbare Alternative amtlich lebendig zu halten, nie eine Frage. Ich habe mich darauf verlassen, dass es auch Mitbrüdern im priesterlichen Dienst keine Frage ist. Ich habe mich fest darauf verlassen, dass die Bischöfe und Ordensoberen ihrerseits verlässlich darüber wachen, dass dieses Heilige gehütet wird und Fehlverhalten entsprechend ahnden.
Darin bin ich enttäuscht worden. Dass sich einzelne Priester oder Ordensleute an Kinder und Jugendliche vergriffen haben, ekelt mich sowieso schon an. Dass die Kirche aber jetzt offenbart, wie sie damit umging, lässt mir den Atem stocken. Ich höre, dass es oftmals die Opfer selbst sind, die um Geheimhaltung gebeten haben, damit sie selber nicht rechtfertigen müssen. Trotzdem frage ich mich als Priester an der Basis, ob es da nicht dennoch Wege gegeben hätte, offener von diesen Sündenfällen Einzelner zu sprechen.

Dennoch: Um meine Kirche mache ich mir keine Sorge. Sie hat schon schlimmere Übeltäter überstanden und im Laufe ihrer Geschichte haben einzelne ihrer Vertreter schon auf ganz andere Weise Menschen zu Opfern werden lassen. Sie steht darin anderen Institutionen in nichts nach. Das Priesteramt habe ich ja geradezu deswegen auf mich genommen, weil ich an einen Gott glaube, der wenigstens an einer Stelle dieser Welt durch seine Kirche  ein Hoffnungszeichen gegen alle Sünde ins Spiel der Welt halten will. Ich weiß, wie das provoziert: Dass ich als Priester einen Gott vertrete, der sich nicht fernhält, wenn Menschen versagen. Und wenn seine Kirche versagt.

Was mich angefochten hat, ist die schleppende Art und Weise, mit der klar gemacht wurde, was Sache ist. Wenn Kardinal Lehmann erst kürzlich tönt, es sei Verleumdung, wenn man behauptet, es habe eine systematische Vertuschung gegeben, kennt er vielleicht doch nicht alle Fälle. Oder: Natürlich braucht Deutschland einen Runden Tisch, an dem sich alle gesellschaftlichen Gruppierungen treffen, denen sich Kinder und Jugendliche gern anvertrauen, um Prävention und Früherkennung in den eigenen Reihen zu fördern. Aber nach der Manier „erst dann, wenn alle“  nicht damit anzufangen, sich an einen solchen Tisch zu setzen, halte ich für eine vertane Chance; der deutsche Fußballbund und andere brauchen noch etwas länger. Auch kann ich nicht verstehen, dass sich einige Bistümer und so mancher Orden schwer tut, eine unabhängige Stelle zu benennen, - gern etwa evangelisch, aus der Kirche ausgetreten oder nie in der Kirche gewesen - , damit sich Opfer leichter einfach mal Luft verschaffen und vor Anker gehen können. So sehr ich einen gesamtdeutschen Ansprechpartner unter den  Bischöfen begrüße, so sehr frage ich, wie einladend sein Büro arbeiten können wird, wenn es  inmitten der Zentrale der Verwaltung der Bischofskonferenz in Bonn eingerichtet ist.

Damit der Raum des Vertrauens, den ich in Jesu Namen als Priester anbiete, weiter sinnvoll angeboten werden kann, ist es richtig, dass die Kirche jetzt zur Kämpferin gegen jeden Anschein der Verheimlichung in Sachen sexuellen Missbrauchs wird. Es braucht dringend Signale, wie ernst wir es meinen mit der Anwaltschaft für die Opfer. Wo Bischöfe oder Ordensobere wider besseren Wissens Täter nicht der Justiz übergeben haben, müssen sie zurücktreten; der Abt von Kloster Ettal ist ein ermutigendes Zeichen. Und auch wenn Geld nicht glücklich macht: Ein ernstes Angebot finanzieller Art könnte für manches Opfer ein spürbarer Ausdruck der Entschuldigung sein, die mehr als nur ein Wort sein will.

Die Institution, in der und aus der ich Priester bin für die Menschen, muss jetzt transparente Verfahrensweisen entwickeln und sich unabhängiger Kontrolle unterwerfen, was ihren Umgang mit Fehlern ihrer Priester und anderer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angeht. Ich sehe meine Kirche auf einem guten Weg. Die Stärke, mit der sie die Fehler jetzt angeht und ausmerzt, die sie gemacht hat im Umgang mit Tätern wie Opfer, gibt auch mir neue Kraft, mit Freude Priester zu sein.

FNP vom 6. März 2010 (diese Fassung des Textes wurde der Redaktion von mir nach einer ersten Fassung übergeben. Die erste Fassung wurde jedoch abgedruckt)

Br. Paulus Terwitte

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