Eine Betrachtung zum Karfreitag von Bruder Paulus Terwitte, Kapuziner und kath. Priester, Dieburg
Er war dann mal eben weg. Zur Frühstückzeit ist er wieder da. Papa Udo stellt die Tüte mit Brötchen auf die Anrichte, die er mitgebracht hat. Mama Karin schaut an ihm vorbei. Die kleine Sarah ist unruhig. Thorsten, schon etwas größer, würdigt seinen Vater keines Blickes. Ulli, mit dreizehn der Größte von den Kindern, spricht endlich aus, was bleiern in der Luft liegt: „Warst du heute Nacht wieder bei ihr?“ Wie zur Antwort klingelt das Handy. Papa verabredet sich für heute Nachmittag mit „ihr“ zum Kaffee.
Was da ein Mann seiner Frau und den Kindern antut, füllt ganze Buchregale. Obwohl die Schäden bekannt sind, verschließt eine ganze Gesellschaft die Augen davor. Männer, ebenso auch Frauen, erklären die Wirklichkeit ihrer Entscheidung, die sie für einen Menschen einmal getroffen haben, zu einem Märchen: Früher, ja, stimmt, es war einmal … Doch dann wurden sie es überdrüssig, mit diesem einen Menschen, dem man sich einst versprochen hat, und mit nur diesen Kindern das ganze weitere Leben zu gestalten. Sie erliegen dem Wahn, sich als Götter oder Göttinnen des Ego-Glücks neu erfinden zu können. Oder gar zu müssen. Es braucht nur einen kurzen Moment im Internet, auf der Dienstreise, beim Friseur oder in der Nacht auf einem der unsäglichen „Ruf mich an“ Sendern. Vor dort dringt dann die Einflüsterung in Herz und Hirn, die in der Bibel mit der mythischen Gestalt der Schlange verbunden ist: Warum soll man dem verlockenden Schönen widerstehen? Warum sich mit der grauen Alltagsmusik begnügen, wenn der ganze Himmel voller Harfen lockt? Warum sich mit der anvertrauten Eva oder dem anvertrauten Adam zufrieden geben? Es lockt die Vorstellung, man könne aus seinen Verpflichtungen zu einem anderen springen und ihm allen Ernstes versprechen, nun sei man einer geworden, der nie mehr aus Verpflichtungen springen werde.
Solche Irrungen entstehen in den vergänglichen Stürmen der Gefühle. Sie können umso mehr ihr zerstörerisches Werk tun, je tauber man wird für mögliche Antworten auf die Frage nach dem „Warum?“ des Leides in der gewählten Liebe. Man wird blind für den Sinn eines Lebens, dem man einst eine Form gab, das aber jetzt so leer erscheint. Man kann selbst den kleinen Händen, die nach einem greifen, nicht mehr das Glück entnehmen, das man einst darin fand, Vater oder Mutter dieses und keines anderen Menschenkindes zu sein. Ihnen in Freud und Leid verlässlich treu zu sein, auf das sie einst selber verlässlich anderen die Hände reichen, bläht sich düster zu einer Zumutung auf, der man sich im Namen eines Rechts auf persönliche Entfaltung nicht mehr gewachsen fühlt. Oder fühlen will. Am Ende hofft man auf „Toleranz“, wenn man sich „dann mal weg“ macht dahin, wo das Leichtere, das Neue, das oder der oder die Andere lockt.
Früher oder später rühren sich aber dort die gleichen Fragen. Früher oder später geht einem dann die Wahrheit auf, der keiner entfliehen kann: Es gibt keine Liebe ohne Leiden. Keine Leidenschaft, die nicht auch leiden macht. Keine Passion für eine Sache ohne die Schmerzen, die sie mit sich bringt. Früher oder später taucht sie wieder auf, die Frage aller Fragen, die Frage nach dem Warum. Sie findet der jüdisch-christlichen Tradition zufolge eine Lösung, wenn sie früher oder später in dem Schrei mündet, der auch Jesus entfuhr: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Psalm 22,1)
Der Karfreitag ist dem Realismus in der Liebe geweiht. Er ist notwendiger denn je. Denn die Liebe ist es, die heute ganz und gar unter die Räder des ICH geraten ist, dass im DU eher eine Gefahr als eine Bereicherung sieht. Wenn sie nicht mehr bringt, was man sich gedacht hat oder jetzt neu denkt, wird sie weggeschoben, aufs Kreuz gelegt und schließlich nur noch verhöhnt. Man höre sich an, was heute ungestraft auf den Partyplätzen der Welt gewispert wird. Man schaue auf das, was Menschen ins Feld führen, die untreu sind. Sich selbst. Ihrem Partner oder ihrer Partnerin. Ihren Kindern. Und, dies darf man zum Karfreitag sagen: Gott. Es sei nichts mehr da gewesen von der ersten Liebe. Man habe es einfach nicht mehr ausgehalten. Der oder die „Neue“ haben einem die ganz anderen Gefühle entlockt, als der oder die „Alte. Und schließlich könne man auch den Kindern nicht eine tägliche Heuchelei zumuten. Man habe sich von ihnen „innerlich“ distanziert. Man könne nichts dafür, dass sie nun eben auch einen neuen Weg finden müssen. Aber lieben – so wird eilig hinterher geschoben – würde man sie trotzdem.
Damit man mich nicht falsch versteht: Es geht mir hier nicht um eine verallgemeinernde Anklage gegen Einzelne. Niemand ist, bis auf einige Ausnahmen, freiwillig böse gegen die Partnerin, den Partner oder die Kinder. Trotzdem haben sich Mächte breit gemacht, die das Empfinden für Recht und Unrecht vernebeln. Darin macht sich ein Menschenbild breit, das die Untreue im Kleinen wie im Großen für selbstverständlich hält und eine Standhaftigkeit gegen Lust und Gier verunglimpft. Was mich daran stört, ist das Schwinden des Nichtwissens um die Schönheit des Leidens in der Liebe, die Würde des inneren Kampfes gegen die Leidenschaften und die Freiheit, aus Liebe zu leiden und sich verwandeln zu lassen.
Der Karfreitag darf nicht dafür hergezogen werden, Frauen wie Männern zu begründen, unwürdig im Leiden stumm auszuhalten. Gerade der Karfreitag macht offenbar: Ja, es gibt Unrecht. Es gibt aber auch, dies zeigen diese Passionstage wieder neu, den Leidenden, der sich die Würde bewahrt und jene demaskiert, die sich im Namen von Gesetz und Volkes Stimme ihr Gesicht wahren wollen. Der Karfreitag warnt alle, die ausschöpfen, was gesetzlich möglich ist. Er stellt in Frage, ob alles das, was „die Leute“ sagen oder was „man heute eben so macht“, wirklich richtig ist. Der Karfreitag lehrt uns Vorsicht vor dem schnellen Urteil. Er zeigt uns am Beispiel des Gottessohnes, worin die Aufgabe der Liebe besteht.
Ihr Geheimnis besteht in der radikalen Entscheidung, sich wandeln zu lassen in der Treue zu der Wahl, die man getroffen hat. Liebe, so lehrt dieser Tag, trägt die Verheißung in sich, dass Gott sie erfüllen wird. Menschliches Leben wird nicht geschenkt mit der Garantiekarte, das alles gut läuft, glatt geht, Spaß macht oder einem gar alles etwas bringen muss. „Wenn du der Sohn Gottes bist, dann steig doch herunter!“ (Mk 15,30) wird Jesus am Kreuz verhöhnt. Und mit ihm alle, die entschlossen am Ort ihrer Wahl bleiben und ihre Aufgabe erfüllen, die sie sich gestellt haben. Interessant ist, dass ausdrücklich betont wird, das Jesus als Sohn Gottes doch alle Möglichkeiten offen standen; er steht aber seinen Mann in den Folgen seiner Wahl, die er traf: Für Gott und für die Menschen glaubte er unbeirrt an die Entwicklungsmöglichkeiten, die Gott für den Menschen hat, der treu bleibt.
Die Warum-Fragen des Menschen müssen nicht zur Flucht führen. Sie können zu einem Aufbruch führen, der die Liebe vertieft, die Bindung stärkt und der Verantwortung zu neuer Kraft verhilft.