Alles Fassade
Google Street View beunruhigt die Gemüter. Warum eigentlich? Es werden Fassaden gezeigt. Momentaufnahmen, die schon zu skurrilen Bildergalerien führten. Fotos bleiben an der Oberfläche. Wie alles im Internet.
Die wirklich wichtigen Dinge findet keine Suchmaschine. Niemand antwortet in Facebook auf die Frage, was er gerade macht, mit: Ich zahle gerade fünftausend Euro auf meine Bank ein.
Das Wesentliche unseres Tuns verbergen wir dem Internet: Niemand, der ganz bei Trost ist, lässt einblicken in seine persönliche Lage in Bezug auf Kapital, Arbeit, persönliche Beziehungen, Glauben und Gesundheit. Auch wenn zu diesen Themen mancher Manches raunt: Die Internet-Nutzer geben weniger von sich preis als viele fürchten (von Ausnahmen abgesehen, die meistens unter den Anfängern zu finden sind).
Das Private bleibt auch in der Internet-Gesellschaft privat; man muss jedoch mehr dafür tun. Natürlich wird in riesigen Algorithmen festgehalten, was ich gesucht habe und was andere auch gesucht haben: Mehr jedoch nicht. Ob ich mit Abscheu den geklickten Link verlassen habe oder ob er mein Leben verändert hat, teil sich nicht mit.
Internet ist wie eine Postkarte; dieser schon früh aufgekommene Vergleich ist bis heute gültig. Darauf schreiben wir nur sehr eingeschränkt das, was wir denken. Unsere lieben Verwandten erhalten aus dem Urlaub einen oberflächlichen Gruß. Sie verstehen ihn, weil sie mit uns herzlich verbunden sind.
Die Street View Diskussion hilft, das Internet richtig einzuordnen. Die Fotos, die darin gezeigt werden, erzählen von einem Moment, der verflossen ist. Oder von einem Eindruck, den einer machen will. Was darin boomt, sind Angebote, die einer Peep-Show gleichen; die verheißen, ein gewisses Mehr an Infos oder Einblick erheischen zu können. Sie hinterlassen den schalen Geschmack des Oberflächlichen und Flüchtigen. Internet surfen ist wie der Blick aus einem stets rollenden Auto.
Ihr
Bruder Paulus