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24. Juli 2011 domradio

Bruder Paulus Terwitte zu den Morden von Norwegen
„Erschrocken vor den Abgründen der menschlichen Seele“


Der Täter von Oslo soll ein christlicher Fundamentalist mit engen Kontakten zur rechtsradikalen Szene sein. Wie kann es sein, dass ein Christ, für den doch Nächstenliebe und Friede unter den Menschen der Maßstab im Leben sein sollten, so ein Massaker anrichten kann? Kapuzinerpater Paulus Terwitte versucht, Antworten zu finden.

Der Täter von Oslo soll ein christlicher Fundamentalist mit engen Kontakten zur rechtsradikalen Szene sein. Wie kann es sein, dass ein Christ, für den doch Nächstenliebe und Friede unter den Menschen der Maßstab im Leben sein sollten, so ein Massaker anrichten kann? Kapuzinerpater Paulus Terwitte versucht, Antworten zu finden.

Ein Interview mit Bruder Paulus Terwitte (Kapuzinermönch und Autor): Fundamentalismus ist eine Haltung, die deutlich macht, dass jemand kein Fundament hat (24.7.2011)

domradio.de: Bruder Paulus, wie ging es Ihnen, als Sie von diesen grausamen Anschlägen gehört haben?

Bruder Paulus: Ich war schockiert und erstarrt, dass das geschehen ist, und als dann herauskam, dass das ein Einzelner minutiös geplant und kaltblütig ausgeführt hat, da gefriert einem doch das Blut in den Adern und man fragt sich: Was ist einem Menschen eigentlich möglich? Und man steht ganz neu erschrocken vor den Abgründen der menschlichen Seele.

domradio.de: Der Täter soll ein christlicher Fundamentalist mit engen Kontakten zur rechtsradikalen Szene sein. Wie kann es denn sein, dass ein Christ heute, für den doch Nächstenliebe und Friede unter den Menschen der Maßstab im Leben sein sollten, so ein Massaker anrichten kann?

Bruder Paulus: Also ich hoffe, dass alle, die den Begriff christlicher Fundamentalist hören, die Betonung auf dem zweiten Wort erkennen. Denn Fundamentalismus ist eine Haltung, die deutlich macht, dass jemand kein Fundament hat, denn ein Fundament trägt jemanden. Und wenn man sich von Überzeugungen oder auch von Gott getragen weiß, dann wird man besonnen sein, dann wird man eben nicht auf Menschen schießen, man wird sehen, dass sie Gottes Geschöpfe sind. Und so ein Fundamentalist ist jemand, der dieses Fundament eben nicht hat, sondern sich selbst eine Welt zusammenzimmert mit kruden christlichen Motiven. Man scheut sich einfach, so jemanden christlichen Fundamentalist zu nennen, denn so jemand spricht der christlichen Lehre wirklich Hohn.

domradio.de: Er nennt sich auch einen Kreuzritter gegen den Islam. Ist er da auch ein bisschen beeinflusst von einer Medienberichterstattung, die doch sehr in Richtung Islamhetze geht?

Bruder Paulus: Er selbst hat ja mit diesem Anschlag diese Medienberichterstattung noch einmal deutlich demaskiert. Wenn man sieht, dass Europol sagt, dass es im letzten Jahr in Europa 249 Terroranschläge gab, davon hatten drei einen islamistischen Hintergrund, dann merkt man, dass die Berichterstattung ständig darauf herumhackt, dass es Islamismus sein muss, dass es gar nicht anders sein kann. Und die Medienberichterstattung macht es sich da schnell auch sehr leicht. Und ich finde, gerade diese Berichterstattung, wie wir sie um diesen Anschlag in Oslo gesehen haben, muss uns wieder neu dazu bringen, dass wir mit dem Thema Islam gemäßigter umgehen, dass wir wissen, unsere muslimischen Glaubenbrüder und -schwestern sind genauso wie wir Christen zunächst einmal eine große Mehrheit, die auf der Grundlage Gottes und des göttlichen Gesetzes in Frieden leben will, und dass es fanatische Menschen in jeder Geisteshaltung gibt - nicht nur religiöser Geisteshaltung -, das muss man leider zur Kenntnis nehmen.

domradio.de: Jetzt sind natürlich alle sehr, sehr erschrocken ob der Bilder der toten Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 17 Jahren. Und da stellt sich die Frage, wie dieser Mann über eine Stunde in diesem Ferienlager um sich schießen konnte, ohne dass jemand eingegriffen hat. Ist man dem einfach ausgeliefert?

Bruder Paulus: Der Täter hat ganz perfide die Vertrauenshaltung der Jugendlichen missbraucht, er ist in Polizeiuniform aufgetaucht. Natürlich haben die Jugendlichen zuerst Vertrauen gehabt, was gibt es denn für eine wichtige Nachricht, und er hat einfach das Feuer eröffnet. Da entsteht Panik, da läuft man um sein Leben, da kann niemand mehr richtig denken. Gleichzeitig kann uns das jedoch auch ein Anlass sein, uns zu fragen: Sind wir genügend vorbereitet auf solche Situationen der Gewalt? 600 Jugendliche und Erwachsene in diesem Lager sind plötzlich nicht in der Lage, sich zu überlegen, wie man in einem solchen Chaos doch etwas tun könnte, um den Täter vielleicht abzulenken, um im Sinne einer Zivilcourage einzugreifen. Ohne jetzt direkt auf dieses Massaker Bezug zu nehmen, für mich ist das ein Anlass, allen Eltern und Jugendlichen zu sagen: Macht Euch kundig bei der Polizei, macht Kurse mit, was man tun kann, wenn plötzlich eine Gewalttat auftaucht und man in Schockstarre ist. Da gibt es Techniken, die man lernen kann und die man auch trainieren kann, um in diese Situationen nicht hilflos diesen schrecklichen Tätern gegenüberzustehen.

domradio.de: Das ist auch ein Auftrag an die Gemeinden, oder?

Bruder Paulus: Ich glaube auf jeden Fall, dass wir auch gerade als Kirche in der kirchlichen Jugendarbeit darum wissen, dass es das Böse gibt. Es ist lange genug vom Teufel gepredigt worden, den will ich jetzt auch nicht an die Wand malen, aber man muss auch über das Böse sprechen und darüber dass Menschen sehr böse sein können. Doch wir können Strategien lernen, wie man reagiert, damit man nicht in Schockstarre einen Bösen einfach weiter wüten lässt, sondern sich ihm auch mutig entgegenstellt. Die Polizei bietet entsprechende Kurse an, man kann das wirklich lernen.Interview: Birgitt Schippers 

domradio 24. Juli 2011

 


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