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Sie befinden sich hier: Medien Medienresonanz 4. Dezember 2010 - Echo Online, Die Zukunft liegt im Lokalen

Die Zukunft liegt im Lokalen

Mainzer Mediendisput: Fachleute mahnen zu Qualität und guter Recherche im Journalismus - Kurt Beck gegen Einschränkung der Pressefreiheit bei Terrorgefahr

Die Zukunft der Lokal- und Regionalzeitungen liegt in der Lokalbericht-erstattung. Das ist das Ergebnis des 14. Mainzer Mediendisputs, zu dem sich mehrere hundert Medienschaffende und namhafte Referenten im ZDF-Sendezentrum in Mainz trafen.

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck hielt ein Plädoyer für die Pressefreiheit und wies Forderungen aus der CDU zurück, bei Terrorgefahr die Pressefreiheit einzuschränken. Die Medien müssten sich mit der Terrorgefahr auseinandersetzen und hätten dies bisher sehr verantwortungsvoll getan.

Das Image der Lokaljournalisten innerhalb ihres Berufsstandes sei oft schlecht, stellte Michael Grabenströhr von der Frankfurter Rundschau fest. Politik- und Wirtschaftsredakteure schauten oft abfällig auf ihre Kollegen aus dem Lokalen und der Sportredaktion hinab. Doch das könnte sich bald ändern, wie der Chefredakteur der Ruhr-Nachrichten aus Dortmund, Wolfram Kiwit, betonte. Die Zeitungen der Zukunft müssten ihre Stärken in der Lokalberichterstattung ausbauen, sich dort zu den Sprechern der Menschen machen, ihnen die Welt vor Ort erklären und sich ihrer Sorgen annehmen. Mit dem Abdruck von Vereinsberichten oder Billigjournalismus sei das aber nicht zu machen,waren sich die Podiumsteilnehmer einig. Auch und gerade in der Lokalberichterstattung erwarteten die Leser sauber recherchierte und gut gemachte Geschichten.

Die Mainzer Rhein-Zeitung setzt den Schwerpunkt für das Lokale seit einigen Wochen besonders deutlich. Wo bei anderen Zeitungen auf den ersten Seiten Politik und Wirtschaft ihren Platz haben, setzt die Rhein-Zeitung ausschließlich auf Lokales. Die überregionale Berichterstattung folgt auf den hinteren Seiten. Ob dieses Konzept Erfolg habe, müsse sich aber erst noch zeigen, so die Medienprofessorin Wiebke Möhring. Sie sagte, bereits heute würden bis zu 40 Prozent aller Journalisten im Lokalen arbeiten. Diese Zahl werde sich in Zukunft sicher weiter erhöhen. Einig waren sich die Fachleute in der Einschätzung, der immer mal wieder prophezeite Tod der gedruckten Zeitung sei noch lange nicht der Tod des Lokaljournalismus. Der Lokaljournalismus verlagere sich nur auf andere Medien, zum Beispiel in Internet-Blogs.

Die Änderung des Berufsbildes der Journalisten sei unumkehrbar. Sie müssten heute mehr können als Artikel schreiben. Onlineauftritte müssten schnell bedient werden, Redakteure müssten mit dem Fotoapparat und zur Not auch mit der Videokamera umgehen können. »Journalisten müssen in Zukunft auf allen Kanälen unterwegs sein«, glaubt Medienprofessorin Möhring, die dafür warb, Lokalredaktionen personell zu verstärken.

Um Qualität ging es auch in der Diskussion ums Fernsehen. Selbst der frühere Intendant des Westdeutschen Rundfunks (WDR), Fritz Pleitgen, kritisierte, dass Magazine und Reportagen auf Sendeplätze bis nach Mitternacht geschoben werden. Quiz, Kochen und Talk dürften nicht die Formate sein, die ausschließlich die Hauptsendezeiten füllten. »Es ist ein schrecklicher Fehler, Dokumentationen und politische Magazine zu kürzen oder von guten Sendeplätzen zu verbannen.« Bei den Privatsendern sehe das anders aus, meinte SAT-1-Nachrichtenmann Peter Limbourg. »Wir müssen zuerst einmal Geld verdienen.« Und das gehe nur mit Unterhaltungsfernsehen. Den Vorwurf Limbourgs, die öffentlich-rechtlichen Sender würden sich zu sehr dem Quotendruck beugen und deshalb ihr Programm verflachen, konterte Pleitgen mit dem Hinweis, auch die öffentlich-rechtlichen Sender könnten nicht nur Programm für Eliten machen.

Über die Frage, ob die Medien Islam-Phobien und Missbrauchshysterie schüren, diskutierten Fernsehpater Bruder Paulus Terwitte, der frühere Odenwaldschüler Tilman Jens, der Fernsehbeauftragte der evangelischen Kirche, Markus Bräuer, und Matthias Drobinski von der Süddeutschen Zeitung. Tilman Jens beklagte, die Medien hätten sich bei der Odenwaldschule zu sehr auf einzelne Missbrauchsfälle konzentriert anstatt der Frage nachzugehen, wo die Ursachen für die Missbräuche lagen. »Da wird nur noch geschrieben, was die Leute lesen wollen«, beklagte auch Bruder Paulus. Bräuer sagte, sowohl bei der Islamdebatte, als auch in der Berichterstattung über Missbrauch sei viel Hysterie geschürt worden. »Es wurde nicht analytisch berichtet, es ging vor allem um Schlagzeilen«, kritisierte Tilman Jens. Er warf den Medien vor, 1999, als erste Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule bekannt wurden, kläglich versagt zu haben, weil sie nicht nachgebohrt hätten.

Tibet Sinha, Redaktionsleiter von Cosmo TV, kritisierte die Vertreter der islamischen Organisationen in Deutschland,. Diese »Repräsentanten von vorgestern« trügen die Hauptverantwortung für das negative Erscheinungsbild des Islam in Deutschland.

ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut warnte, Tempo in den Medien, vor allem im Internet, gehe oft zu Lasten der Qualität. Die Vorsitzende der Friedrich-Ebert-Stiftung, Anke Fuchs, rief die Medien auf, sich auch sperrigen Themen zu widmen und diese sorgfältig recherchieren.

Hans Dieter Erlenbach, Echo Online, 4. Dezember 2010

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