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Sie befinden sich hier: Medien Medienresonanz 24. Februar 2010 Mainpost, Ich mache Armut zum Thema

Ich mache Armut zum Thema

 

Bruder Paulus, Kapuzinermönch im Würzburger Käppele, ist einer der zehn deutschen Botschafter der europaweiten Kampagne „Mit neuem Mut“, die sich gegen Armut und soziale Ausgrenzung wendet. Die Auftaktveranstaltung für Deutschland findet am heutigen Donnerstag in Berlin statt. Die Initiative hat vor allem zum Ziel, die Öffentlichkeit für die Nöte Bedürftiger zu sensibilisieren.

Gemeinsam mit Moderator Reinhold Beckmann, der Fechterin Imke Duplitzer, dem Schauspieler Dieter Pfaff, der Bildungsforscherin Jutta Allmendiger und weiteren bekannten Personen repräsentieren Sie die Kampagne „Mit neuem Mut“. Wie kommen Sie zu der Ehre?

Bruder Paulus Terwitte: Die Bundesregierung hat Leute gesucht, die mit ihrem persönlichen Engagement für dieses Thema stehen und gleichzeitig die breite Palette gesellschaftlicher Aktivitäten und Ressorts abdecken; vom Sport übers Fernsehen bis hin zur Sozialeinrichtung. Ich bin der Kirchenmann.

Was sind denn die Aufgaben eines Botschafters – neben Kamerapräsenz?

Bruder Paulus: Die Aufgabe des Botschafters ist es, die Inhalte des „Europäisches Jahres gegen Armut und soziale Ausgrenzung“ zu vermitteln an den Orten, wo man gerade auftaucht. Ich kann dieses Europäische Jahr ins Gespräch bringen, ich kann Menschen dazu bringen, Armut und Ausgrenzung zu ihrem Gesprächsthema zu machen. Denn es braucht die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für die Ausgrenzung auch junger Menschen. Diese müssen vielfach eingeladen werden, nochmal neu zu starten. Ich beziehe mich da auf Aussiedlerkinder, auf Kinder aus Hartz-IV-Familien. Sie brauchen besondere Fürsprache.

Welche Zielgruppen haben Sie denn im Auge, die Sie ansprechen wollen und die mit Ihrer Hilfe dann auch etwas bewirken können?

Bruder Paulus: Ich möchte das innerhalb der Kirche kommunizieren. Zum Beispiel hier in der Region die Caritas ansprechen.

Insgesamt werden im Zuge der Kampagne in Deutschland vierzig soziale Projekte gefördert. In Bayern gibt's Geld für vier Projekte, drei davon sind in München, eines ist in Regensburg. Maximal stehen pro Projekt einmalig 40000 Euro zur Verfügung. Das ist doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein . . .

Bruder Paulus: Jede Art von Förderung, die von oben herunterkommt, kann nur ein Zeichen sein. Denn die eigentliche Aktivität muss an der Basis geschehen. Ich glaube, dass wir gerade im Sozialhilfebereich noch mal ganz neu lernen müssen, dass nachbarschaftliches und soziales Engagement zuvorderst kommen. Wenn man es politisch formuliert, heißt das, dass die Kommunen viel mehr und viel besser mit Steuermitteln ausgestattet werden müssen, weil sie wissen, wo die Armen sind und wie man mit ihnen umgehen muss. Angesichts der riesigen Armutszahlen, die wir haben – jedes vierte, jedes fünfte Kind ist arm –, kann man wirklich nur sagen, dass man durch die Projektmittel dieses Europäischen Jahres nur Zeichen setzen kann, die hoffentlich in der Gesamtgesellschaft verstanden werden.

Wer sind denn aus Ihrer Sicht die Verlierer unserer Gesellschaft, wer ist am meisten am Rand und wird nicht gesehen?

Bruder Paulus: Ich sehe, dass es ganz viele Jugendliche aus schwierigen Familien gibt, die den Übergang von daheim ins berufliche Leben und in die eigene Wohnung nicht schaffen. Oft fehlt ihnen die sozialarbeiterische Unterstützung. Ihnen sollte man Hilfestellung geben durch begleitete Wohnprojekte. Diese Gruppe benachteiligter Personen liegt mir sehr am Herzen. Mit einer solchen Gruppe beschäftigt sich der „Streetwork Gera e.V“, dem ich verbunden bin durch meine Zeit in Thüringen und den ich deswegen auch in dem Videobeitrag mit mir, der bei der Auftaktveranstaltung in Berlin gezeigt wird, als meinen persönlichen Projektpartner für dieses Jahr ausgewählt habe.

Die Aktion „Neuer Mut“ ist ja nun nur eine Imagekampagne, die nicht die Armutsursachen thematisiert. Was müsste denn Ihrer Ansicht nach getan werden, um die Armut, die wir zweifelsohne in Deutschland haben, strukturell zu bekämpfen?

Bruder Paulus: Da glaube ich, braucht es eine ganz neue Wertschätzung der Hauptschule. Ich ziehe da eine Verbindung zum christlichen Menschenbild – Jesus als Handwerker ist aus dem Glaubensgut der Gesellschaft herausoperiert worden. Die Vertreibung des Christentums aus der Mitte der Gesellschaft bringt mit sich, dass die handwerkliche Arbeit, bei der man wirklich diese Welt gestaltet, gering geschätzt wird. Von daher glaube ich, strukturell gesehen, dass wir eine neue Wertschätzung der Hauptschule brauchen und außerdem eine verpflichtende Ganztagsschule, in der Kinder nicht nur beschult werden, sondern in der sie ihre kreativen Kräfte, die in ihnen schlummern, entdecken lernen.

Ihrer Ansicht nach haben wir also in Deutschland ein Bildungsproblem?

Bruder Paulus: Ja, das haben wir. Das wird sich erst ändern, wenn wir wieder die geistigen Grundlagen unserer Gesellschaft freilegen. Wir brauchen eine neue Bejahung des christlichen Menschenbildes. Aus diesem heraus wird jeder bejaht: „Du bist nicht das, was man aus dir herauspressen kann, sondern das, was in deinem Herzen zugrunde gelegt ist. Und wir wollen dir mit dem, was du bist und hast, ein auskömmliches Leben ermöglichen.“


Bruder Paulus gegen die Armut

Der Botschafter der Kampagne „Mit neuem Mut“ ist Kapuzinermönch und seit April 2009 Beauftragter für das Berufungspastoral im Kapuzinerkloster Käppele in Würzburg. Bruder Paulus wurde 1959 in Stadtlohn (Nordrhein-Westfalen) als Bernhard Terwitte geboren. Er trat 1978 in den Kapuzinerorden ein und wurde 1985 zum Priester geweiht. Bruder Paulus gilt als „Medienpriester“: Er hat eine Internetseite, moderiert auf Sat.1 die Sendung „So gesehen“ und auf N24 den Ethik-Talk „Um Gottes willen“. Um das Los der 78 Millionen armen EU-Bürger zu verbessern, hat die Europäische Union das Jahr 2010 zum „Europäischen Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung“ ausgerufen. Für die Kampagne stehen aus ihrem Etat 17 Millionen Euro bereit – davon sind etwa acht Millionen Euro für Öffentlichkeitsarbeit eingeplant. Die übrigen Gelder werden auf die 27 Mitgliedstaaten und drei Beitrittskandidaten verteilt, sodass für Deutschland maximal 750 000 Euro aus dem europäischen Fördertopf bereitstehen. Die Bundesregierung fördert das Kampagnenjahr mit zusätzlichen Mitteln. Sie gibt Geld für 40 ausgewählte Projekte gegen Armut – bis zu 40 000 Euro.

Gisela Rauch, Mainpost, 24. Februar 2010

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