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Sie befinden sich hier: Medien Medienresonanz 23. Oktober 2015, op-online "Wir haben eine aseptische Trauerkultur"

Bruder Paulus im Interview„Haben aseptische Trauerkultur“23.10.15 - 18:04Bruder Paulus Terwitte: „Ich bin kein demütiger Auf-die-Knie-Rutscher“.

 Seligenstadt - Zu ihrem 20-jährigen Bestehen hat die Hospizgruppe Seligenstadt und Umgebung den bekannten „Medien-Mönch“ Bruder Paulus Terwitte eingeladen. Er hält am 12. November einen Vortrag zum Thema „Lebendig sterben! Wie wir stark fürs Ende werden“.

Im Vorab-Interview mit OP-Mitarbeiterin Sabine Müller erklärt der 56-jährige Kapuziner, worauf es ihm dabei ankommt.

Sie wirken als Priester an der Liebfrauenkirche in Frankfurt, sind Seelsorger, Streetworker, Journalist, Autor, Referent, Moderator und häufiger Gast in Gesprächsrunden. Haben Sie überhaupt noch Zeit für ein „Memento mori“?

Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, immer seine Grenzen zu kennen, und ich mach das ja nicht immer alles gleichzeitig. Ich spüre aber, dass ich im Blick auf den Tod meine Lebenszeit sehr wertschätze und deswegen mit Bedacht einsetze. Ein Beispiel: Die Freizeit, die ich mir heute nicht nehme, die kann ich mir vielleicht später nehmen – aber vielleicht gibt es gar kein Später. Ich habe gelernt: Habe ein Ziel, aber lebe heute. „Memento mori“ verursacht bei vielen Menschen das depressive Gefühl, auf dem Friedhof zu stehen – ich werde dann aber quicklebendig. Der alte Kapuzinerspruch sagt: Kurz hier, schnell fort, ewig dort. Im Blick auf die Vollendung, die Gott mir geben will, kann ich mich hier ins Leben wagen, auch wenn ich vielleicht ahne, dass ich nicht alles vollbringen kann.

Der Titel ihres Vortrags in Seligenstadt - „Lebendig sterben“ - ist zugespitzt, lässt aufhorchen: Da wird der Medienprofi offenbar. Warum tummeln Sie sich als Geistlicher im Medienrummel?

Ich bin kein demütiger Auf-die-Knie-Rutscher. Gott hat mich geschaffen, ein aufrechter Mann zu sein, der mit seinen 1,91 Metern in der Welt aufragt. Als Jugendlicher hab ich mich oft dafür geschämt, dass ich so groß und so laut bin und so formulieren kann; ich war da schon auch im Abseits…Ich muss aber aufpassen, dass ich das nicht zur Selbstdarstellung benutze. Ich möchte gerne, dass das Wort Gottes aus mir geboren wird, und dass die Menschen zum Leben kommen…Ich beobachte die Medien sehr stark. Ich bin im Haifischbecken und muss aufpassen, dass ich nicht selber ein Hai werde und die Lust, die Medien auch machen, gut nutze. Gleichzeitig muss mich immer wieder fragen: Dient das der Menschenwürde, was wir tun, dient das der Gerechtigkeit in der Welt, dient das der Erleuchtung der Geister?

Beim Titel Ihres Vortrags frage ich mich: Muss ich jetzt auch noch in meiner Todesstunde Leistung bringen? Darf ich mich nicht zurücklehnen und mich in dieses Unausweichliche dreinschicken?

Es wäre schön, wenn Ihnen das geschenkt würde. Aber leider lässt man Sie nicht, weil die Umgebung nicht will, dass zum Leben das Sterben gehört. Darum muss über das Sterben geschwiegen werden, weil es peinlich berührt, wenn einer sagt, ich glaube, ich habe einen unheilbaren Tumor. Die Menschen berichten mir, dass sie nicht mehr angerufen werden, nicht mehr zur Weihnachtsfeier eingeladen werden. Menschen dürfen das Leben, das im Sterben sich offenbart, nicht zeigen. Und deswegen ist das mit dem ruhigen Abschied nehmen leider gar nicht mehr möglich. Man wird dann gehetzt: „Mach doch ‘ne Chemo“ und „Kopf hoch“. Lebendig sterben heißt eigentlich, dass ich mich mit meinen Angehörigen und Freunden stören lasse vom Tod, und dann wird da was ganz Lebendiges draus. Die Begleitung von Sterbenden, die ich machen durfte, waren oft fröhliche Ereignisse, wo viel gelacht und geweint wurde, wo dieses schwarze Tuch des Todes weggezogen wird. Das sind wunderbare Momente.   

Ist das auch der Grund, weshalb Hospize heute so wichtig sind und Ihr Vortrag wahrscheinlich viel Gehör finden wird?

Wir glauben, dass der Tod nicht zum Leben gehört. Das sieht man auch daran, dass Kinder von Sterbenden fern gehalten werden, das ist doch völliger Quatsch. Wenn Leben auch Abschied nehmen ist, dann kann die Lebendigkeit gefördert werden unter uns, wenn wir auch diesen Part des Lebens nicht ex-kommunizieren. Auch die Sterbenden gehören zu uns, medizinische Geräte können auch zu Hause aufgestellt werden. Ich möchte alle aufrufen, den Mut zu haben die Sterbenden nicht in Krankenhäuser, nicht mal in Hospize zu bringen - auch sie sind Ausdruck der Entfremdung. Der ambulante Hospizdienst ist das A und O, wir dürfen erfahrene Menschen einladen zu einem Gespräch am Küchentisch: Da ist jetzt eine schwere Krankheit im Raum, sagen Sie uns, worauf sollen wir achten, was sollen wir tun? Und dann sind viele total erstaunt, wenn es heißt, feiern Sie noch mal ein schönes Fest und kommen Sie noch mal zusammen und reden Sie über das, was Ihnen wichtig ist. Vereine etwa können sich bei Hospizhelfern Ideen holen, wie man sich eine wunderbare Lebenserfahrung schenken kann durch die Begleitung des sterbenden Kegelbruders. Die macht dieser auch selbst, dem nützen die schönen Reden am Grab später nämlich gar nix.

Heutzutage werden auch Urnen bemalt und bei Trauerfeiern Lieblingslieder des Verstorbenen gespielt: Ausdruck der eigenen Persönlichkeit bis in den Tod, in dem wir doch angeblich alle gleich sind. Wie bewerten Sie dies?

Es ist eine Möglichkeit, seine Trauer zum Ausdruck zu bringen. Aber ich erlebe auch, dass Trauernde unter einen neuen Stress geraten: Wie wird es jetzt ganz individuell, noch nie dagewesen? Dann sage ich manchmal: Lassen Sie mich doch das tun, was die Menschheit schon seit 2000 Jahren tut im christlichen Kontext. Vertrauen Sie sich dem Ritus an. Auch ein Foto des Verstorbenen am Sarg holt uns völlig weg von dem Augenblick, an dem wir jetzt sind. Ich hab sogar schon erlebt, dass jemand eine Powerpoint-Präsentation zeigen wollte mit den letzten Urlaubsfotos. Aber Erinnern ist im Trauern erst ein Jahr später dran. Ich würde lieber mit Ihnen zwei Tage vorher am offenen Sarg sein, die Kälte des Todes spüren. Wir haben hierzulande eine aseptische Trauerkultur eingeführt. Der Tote ist nicht mehr inmitten der Gemeinde. Dabei ist im Tauern der Schmerz deutlich, dass unserer Gesellschaft jemand fehlt. In aller Stille, im engsten Familienkreis Abschied nehmen: Das wird sich am Ende als Belastung für die Seele erweisen. Beerdigung ist gesellschaftlicher Dienst. Und ich fordere, die Gräber müssen denen kostenfrei zur Verfügung gestellt werden, die diese Gesellschaft mitgeprägt haben. Die Toten gehören zu uns. In Irland gibt es in der Fußgängerzone „funeral homes“, die Bestatter haben da ihre Läden und die Leute gehen mit der Einkaufstüte mal eben gucken, um Abschied zu nehmen von dem Mitbürger, der da gestorben ist. Ich bin dafür, dass Menschen, die im Krankenhaus sterben, nach Hause gebracht werden. Da müssen Angehörige zusammen kommen, trauern. Das dauert ein, zwei Tage, dann fängt der Tote an zu riechen, und dann ist die Seele so weit, dass wir ihn langsam loslassen können. In unserer hygienischen Kultur, wo man möglichst schnell wieder so sein muss wie immer, lässt man die Trauernden alleine.


OP-online 23.10.2015

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