Das Portal zum Menschen Bruder Paulus
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Kapuzinerbruder Paulus weiß, wie man in Würde alt werden kann

Bruder Paulus Terwitte (51) ist Guardian (Leiter) des Kapuzinerklosters Liebfrauen. Für die FNP-Serie schreibt er über seinen persönlichen Umgang mit dem Älterwerden.

Das Gespräch mit den älteren Brüdern war mir immer schon wichtig. Ich sorge dafür, dass ich gesprächsbereit bin. Im Blick auf meine schwindenden Kräfte möchte ich gut zwischen Tun und Lassen balancieren. Die Marke 50 ich habe bewusst überschritten. Ich mache mir nicht vor, dass ich noch viel Neues beginnen kann. Jetzt ist eher dran, weiter zu bauen, anzuknüpfen, das Netzwerk zu nutzen. Jedes Jahr räume ich auch etwas mehr weg von den Erinnerungsstücken meines Lebens. Aus fünf Fotoalben wird eines. Aus dem Regal verabschiede ich jedes Vierteljahr ein Buch, einen Krug oder den Stein von einer längst vergangenen Reise.. Ich nehme mir vor, genussvoll von Jahr zu Jahr zu schreiten – als wäre Altern das Gehen durch die Weinkeller meines Lebens. Dort lasse ich mich mit den Gefährten der Erinnerung nieder. Dies jedoch nicht zu lange. Zur Würde meines noch jungen Alterns gehört auch das Tageslicht. Meine Jahre dürfen sich sehen lassen.

Wie wird man richtig alt? Seniorenclub, Gymnastik, Arzttermine und Enkelaufsicht – wer sich darin einspannen lässt, kann nur folgern: Altern stresst. Hinzu kommt: Die Jungen fehlen. Deshalb Rente mit 67. Viertes Berufsalter nennen Zukunftsforscher das. Wer 70 geworden ist, hat erneut die Ärmel hoch zu krempeln. Irgendwie muss es ja weitergehen.

Falsch gedacht. Denn es geht auch ohne einen weiter. Das zu erkennen ist schmerzlich. Demütigend. Das anzuerkennen ist weise. Macht milde. Die Würde des Alters beginnt mit dem Durchblick: Aus dem, was man alles erlebt hat, kann nur dieser Schluss gezogen werden: Alles hatte seine Zeit. Und meine Zeit erfüllt sich nun.

Würde kommt da auf, wo man sich vom Tod nicht vor den Kopf stoßen lässt; dem kann sowieso keiner entgehen. Wie sinnvoll, dass uns die Natur den Blick auf unser sicheres Ende verwehrt: Wir können unseren Tod nicht denken. Würde kommt aus dem Bewusstsein, ein Leben voller Höhen und Tiefen durchschritten zu haben. Die Aufgabe des Alters besteht darin, das anzuerkennen. Zu staunen: Das ist also geworden. Zu trauern: Dies habe ich nicht geschafft. Sich zu versöhnen: Ich bin im Frieden mit dem, was wurde. Ein würdiges Alter ist nicht zu messen in den Kilometern, die man noch walken kann. In Liedern, die man noch singen kann. In Reisen, die man sich noch erlauben kann. Die Würde im Alter kommt aus der gelassenen Annahme dessen, was nun doch nicht mehr zu ändern ist. Kaum einer kann sich das selber sagen. Wer altert, braucht die junge Nachbarin, den fleißigen Mitmenschen im Zenit seines Schaffens.

Zur Würde des Alters gehört, eingebunden zu bleiben im Netzwerk der Familie, der Nachbarschaft, der Gemeinde. Generationenübergreifende Veranstaltungen sind das Gebot der Stunde. Wohnformen, die Jung und Alt zusammenbringen. Feste, bei denen jedes Alter gefragt ist. Denn eine reife Gesellschaft aller Lebensalter weiß: Jeder altert. Und jeder sollte dem anderen ermöglichen, es in Würde zu tun.

Frankfurter Neue Presse, 13. November 2010

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