Das Portal zum Menschen Bruder Paulus
« März - 2017 »
SMDMDFS
 
01
0203
04
05
060708091011
1213141516
17
18
19
20212223
24
25
26
27282930
31
 
Sie befinden sich hier: Medien Medienresonanz 7. April 2012 - Frankfurter Neue Presse: "Ich gratuliere: Du lebst!"

"Ich gratuliere: Du lebst!"

Wofür wir Ostern noch brauchen – Gedanken zu den Festtagen von Bruder Paulus

Das Leben kennt keine Gnade? Am Anfang Geburt, am Ende Tod, und dazwischen nur fressen oder gefressen werden?

Manche sagen so. Und leben so. Die anderen sagen mit Ostern: nein.

Menschsein ist mehr.

Mehr als ein Rädchen im Kreislauf von Stirb und Werde. Seit dem Auftreten des Homo sapiens schaufelt einer aus der Art der Säugetiere dem toten Artgenossen ein Grab. Verhüllt den Toten. Gibt ihm etwas Schönes mit. Wünscht ihm eine gute Reise. Stellt ein Bild auf. Trauert um ihn. Spricht mit ihm. Als sei er noch da. Als könnte er noch etwas bewirken.

Seitdem es Menschen gibt, verhalten sie sich so: Der Tote kann nicht ganz tot sein. Er überlebt im natürlichen Kreislauf. Er wird zum guten Ahnen. Oder auch zum bösen Geist.

Ob gläubig oder ungläubig: Den Toten wird Leben zugeschrieben. "Mach’s gut!" steht auf Kranzschleifen. "Eine gute Aussicht oben am Ziel!" wünschen die Kletterer ihrem Freund im Sarg. Blumen werden auf Gräber gestreut. Auf dem Gräberfeld ohne Namenstafeln brennen Kerzen, die von Lebenden angezündet werden, weil sie nicht für wahr halten können, dass Namen nur Schall und Rauch sind.

Auf den Grabfeldern für tot geborene Kinder stehen Tanzbären, als könnten sie die namenlos gebliebenen Kleinen erfreuen. Blaue Wimpel flattern Botschaft, dass sie als geliebtes Geschenk empfangen wurden, viel zu früh entrissen.

Nur die Abfallbehälter der Abtreibungspraxen unseres Landes tun so, als enthielten sie nichts von dem, was vorhin noch im Ultraschall mit den Ärmchen im Fruchtwasser ruderte. Und bei den Eltern oder einem von ihnen in Ungnade gefallen war und bei denen, die beratend und medizinisch Leben doch fördern und erhalten sollen.

Ostern sagt JA zum Leben mit all seinen Belastungen. Für werdende Eltern gilt: Keiner kann Leben retten, indem er Leben wegmacht. Auf politischer Ebene heißt das etwa: Einen Saddam Hussein oder andere Übeltäter umbringen: wie primitiv! Hinrichtungen in den Gefängnissen Japans oder Amerikas? Die staatlich Ermordeten bleiben im Gedächtnis der Menschheit.

Wer immer Leben tötet: Im Gewissen leben die weiter, die man zu Tode brachte. Auch wenn man meinte, nicht mit ihnen leben zu können: Personen können nicht ausgelöscht werden. Kinder nicht. Und Erwachsene nicht.

Protest gegen Unordnung

Ostern protestiert gegen die wahnsinnige Vorstellung, Ordnung durch Unordnung schaffen zu können.

Wir brauchen Ostern für eine Ordnung ohne solcherart lebensbedrohliche Unordnung unter uns Menschen. Christen sprechen an Ostern von Erlösung: Jesus opferte – wohlgemerkt – sich! Er versöhnte die Menschheit mit Gott.

Jesus, so sagen Christen, brachte nichts in Ordnung, indem er andere tötete, damit sich seine Idee vom Leben durchsetzte. Vielmehr wurde er getötet. Und wegen seiner Treue zu Gott und den Menschen auferweckt, damit es einen lebendig gewordenen Menschen gibt, der uns Hoffnung auf eine Seligkeit ohne Töten und Tod gibt. Dieser Glaubensgedanke muss zu Ostern ausgesprochen werden. Verstehen kann man den wohl nur mit der Hilfe Gottes. Sonst wäre das ja auch kein Glaube. Ostern ohne Jesus ist wie der Islam ohne Koran oder das Judentum ohne Jerusalem.

Christen sagen nicht: Sie brauchen Ostern. Sie sehen es eher so: Sie kommen aus Ostern! Sie glauben, dass sie in der Kraft des Heiligen Geistes Gottes einen offenen Weg haben zu Gott, dem Vater. Sie wissen sich in der Lebendigkeit Gottes, in die Jesus als Erster der Menschen eingegangen ist.

An Ostern zeichnen sie innerhalb von drei Tagen den Leidens- und Auferstehungsweg des Gottmenschen Jesus von Nazareth nach: Karfreitag, Karsamstag, Ostertag. Diese drei österlichen Tage sind die Herzfeiertage ihres Glaubens. Wichtiger als Weihnachten: Denn da fing Jesu Weg (nur) an. Wichtiger als Pfingsten: Da ergriff Jesu österliche Lebendigkeit die Menschen aus allen Religionen und verband manche von ihnen zur Kirche Gottes.

Diese Glaubensdinge können Nichtchristen gleichgültig sein. Es wird ja auch keiner zum Glauben gezwungen. Islam, Judentum wie auch Christentum sehen das gleich. Wir sind Religionen mitten im Volk.

Sie wollen – so weit sind die Religionen heute – nicht das Volk, in dem Angehörige ihrer Religion leben, christlich, muslimisch oder jüdisch machen. Die abendländische Prägung des christlichen Kalenders lädt die Gesellschaft zum Innehalten ein an drei großen Feiertagen.

Daher die Frage für alle: Wozu braucht das Volk Ostern (noch)?

Meine Antwort für alle: Wir brauchen Ostern, damit wir am Karfreitag daran denken, dass die Opfer einer Ideologie immer persönlich leiden.

Es ist ein Feiertag gegen die Gewöhnung an das Leid: Weltweit hungern zwei Drittel der Menschheit. 11 000 entlassene Mitarbeiter von Schlecker und Millionen von Arbeitslosen gibt es in Deutschland. In Frankfurt sind 2600 Mitmenschen obdachlos. Welche Ideologien, welche Denkmuster hindern die Menschheit daran, das zu verändern?

Karfreitag dem Leiden geweiht

Der Karfreitag ist dem Leiden der Einzelnen geweiht. Und dem Leiden darunter, dass wir das als Menschheit nicht ändern. Auch das muss jeder erst einmal persönlich verkraften. Da hilft es nichts, darüber hinwegzutanzen. Am Karfreitag sagt die Spaßgesellschaft ihren Leidenden und denen, die darunter leiden, dass es Leidende gibt: Wir respektieren euch! Wer das ganze Jahr über still duldet, kann aus diesem starken Zeichen gesellschaftlicher Solidarität Kraft schöpfen.

Wir brauchen Ostern in unserer Gesellschaft, damit sie an einem Tag wie dem Karsamstag daran erinnert wird, dass jedes Leiden seine Ruhe braucht. Auch wenn das sogenannte Osterwochenende stressig wie kaum andere Wochenenden ist: Das christliche Osterfest begeht an diesem Tag den zweiten österlichen Tag nach dem ersten, dem Karfreitag. Der Karsamstag hat – wie der Karfreitag – seine Vorsilbe aus dem Mittelhochdeutschen: Kar bedeutet Trauer. Christen stehen an diesem Tag im Geiste am Grab Jesu.

In der Liebfrauenkirche liegt vor dem entblößten Altar das Kreuz, mit Kerzen geschmückt. Jesus ist tot. Ruhe kehrt ein. Gott ist mit dem Menschen am Ende. Wer da nicht mitglauben kann, wird aber gerne mit einsehen: Das Leid braucht seine Ruhe. Und eine Gesellschaft, die gerne über Trauer und Krankheit hinweggeht, braucht einen solchen Tag.

Wir müssen uns gemeinsam wieder sagen: Leid, Misserfolg, Stillstand – das darf man nicht weglachen, wegtrinken oder wegdiskutieren. Das Negative im Leben müssen wir geduldig wertschätzen lernen. Es kann Vorzeichen für eine oft unerwartete Wendung sein.

Wir brauchen Ostern in unserer Gesellschaft, weil wir uns gegenseitig sagen dürfen: Ich gratuliere – du lebst! Christen begehen am Ostersonntag, beginnend mit dem Samstagabend und der Feier der Osternacht, die Auferstehung Jesu Christi. Für sie ist das der dritte österliche Tag, nach dem Karfreitag und dem Karsamstag. Sie werden ihn ausdehnen bis zum Pfingstfest, dem fünfzigsten Ostertag.

Die Auferweckung des von Menschen ermordeten Gottessohnes, damit einer von uns Menschen schon einmal ganz bei Gott ankommt: Das führt zum Osterjubelruf "Halleluja", "Ich gratuliere dir, Jesus. Du lebst." Und ich lebe mit dir, schließen sich Christen an.

Unserer Gesellschaft täte es gut, wenn einer dem anderen das sagen würde. Im Wort "gratulieren" steckt das lateinische Wort "gratia", zu Deutsch: Gnade, für die man unwillkürlich und ohne Berechnung dankt. Für eine solche Gnade halten sich immer weniger Mitmenschen in unserer Gesellschaft. Sie fühlen sich nur noch nach dem beurteilt, was sie bringen oder was sie kosten. Für sie braucht unsere Gesellschaft Ostern. Das Fest der Auferstehung hilft ganz weltlich allen, die keine Kraft mehr zum Stehen haben, weil sie arm, behindert oder einsam sind.

Wir brauchen Ostern, damit wir erlöst werden vom Prinzip fressen oder gefressen werden. Das wäre tatsächlich kein menschliches Leben.

Wir brauchen Ostern, damit wir nicht vergessen, dass wir Menschen füreinander bestimmt sind. Und Menschsein für keinen ein Glückswunsch bleiben darf.

Frankfurter Neue Presse, 7. April 2012

Letzte Aktualisierungen

*  24.03.2017 06:32 - Startseite
*  13.12.2016 22:15 - Predigten
*  13.12.2016 22:14 - Predigten