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Sie befinden sich hier: Medien Medienresonanz 26.07.2016 - Interview domradio "Wie Gott uns, so ich Dir"

Bruder Paulus über seine Wut nach dem Priester-Mord in Frankreich


"Der Angriff auf einen Priester während der Heiligen Messe ist ein Sakrileg", sagt Bruder Paulus Terwitte klipp und klar. Er ist wütend über den Mord in Frankreich. Von Gefühlen und Angst will er sich aber nicht leiten lassen.

domradio.de:
Jede dieser Taten in den vergangenen Tagen und Monaten ist schlimm, aber der Angriff auf eine Kirche und einen Priester ist erneut besonders schockierend, oder?

Bruder Paulus Terwitte:
Der Angriff auf einen Priester während der Heiligen Messe ist ein Sakrileg. Ein Sakrileg, so als würden wir in Mekka eindringen, bei der Heiligen Kaaba. Das sollte die Katholiken bis ins Mark treffen. Ich bin auch getroffen! Ich bin wütend, dass es Menschen gibt, die sich von einer primitiven Ideologie leiten lassen und die glauben, dass eine Machttat an Schwachen - einen 84-jährigen Priester umzubringen -  eine Glanzleistung sei. Da muss man schon ziemlich wenig Gehirn im Kopf haben, um darauf stolz zu sein.

Ich bin wütend über die Leute, die offensichtlich mit dem IS zu tun haben. Ich glaube weniger, dass der IS das steuert, sondern es gibt einfach viele Menschen, die sich so klein und schwach fühlen. Es ist nachweislich so, dass die Terroristen alle ein Persönlichkeitsproblem haben, dass sie nicht selbstbewusst sind, dass sie eine schwierige Entwicklung gehabt haben und dass sie dann diese blödsinnigen Taten vollbringen. Ich als Christ sage mir: Ja, das Böse gibt es in dieser Welt und darum müssen wir klug sein. Wir müssen aufmerksam sein, wo solche schwachen Menschen sind , die wir anders unterstützen müssen, vor denen wir uns schützen müssen. Wir dürfen aber auch die Gelassenheit haben zu glauben, dass das Böse niemals siegen wird. Nicht nach dem Motto: "Wie Du mir, so ich Dir", sondern "wie Gott uns, so ich Dir". Nämlich immer barmherzig, immer neu anfangen.

domradio.de:
Wie kann man diese Wut denn beherrschen?

Bruder Paulus:
Ich lass diese Wut raus. Ich gehe zum Kreuz, heute auch, und sage: "Herr Jesus, sag mal, was ist los mit Dir? Wo bist Du eigentlich? Warum steigst Du nicht herunter vom Kreuz, wie das der Schächer getan hat, der Jesus verspottet hat?" Dann spüre ich, dass ich in meiner Wut einen Moment innehalte und dass ich weiß, dass sich meine Wut bei ihm zu Tode laufen darf. Er hört das und er nimmt es auf. Ich darf auch schimpfen und fragen: „Warum verlässt Du uns“. Und dann höre ich, wie er zu mir sagt: "Siehst Du nicht, wie ich gelitten habe für das Leid der Welt? Die Wut hat sich an mir zu Tode gelaufen. Ich bin auferstanden und ich gebe Dir die Kraft, dass aus Deiner Wut nicht neue Wut wird, sondern ein Mut wird, die Welt zu besiegen, das Böse zu besiegen, die Hoffnungslosigkeit zu besiegen." Der Weltjugendtag, der jetzt in Krakau anfängt, ist ja von einem Papst initiiert worden, der das große Wort gesagt hat: "Habt keine Angst." Das ist ein Wort, dass Johannes Paul II. als Heiliger uns hoffentlich gerade jetzt vom Himmel ganz neu runterruft.

domradio.de:
Papst Franziskus hat ja das Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen. Kann das möglicherweise helfen, Verständnis für diese Terroristen zu entwickeln?

Bruder Paulus:
Ich glaube, wir brauchen nicht ein Verständnis nach dem Motto, man müsse mit ihnen weich umgehen. Es muss die volle Härte des Strafgesetzes und der Strafverfolgung jeden treffen, der in unserer Gesellschaft aus dem Rahmen fällt. Die Barmherzigkeit hat nämlich zwei Geschwister: Die Wahrheit und die Gerechtigkeit. Die Barmherzigkeit ist keine Decke, die man über alles legt, sondern sie arbeitet in der Wahrheit. Und wenn die Straftäter gefasst sind, dann muss mit ihnen nach dem Gesetz umgegangen werden. Sie selber brauchen natürlich eine ordentliche nach der Personenwürde orientierte Behandlung.

Barmherzig müssen wir vielleicht mit uns selber sein, dass wir uns schämen, dass wir auch Wutanfälle und auch einfach Mordgelüste bekommen. Ich weiß schon, was an Stammtischen geredet wird, da wird die Todesstrafe gefordert. Nein, wir müssen barmherzig mit uns selber sein, um dann zu sagen: "Herr Jesus, gib uns die Kraft, dass wir segnen, wo uns Böses getan wird."

domradio.de:
In vielen Kommentaren auf Facebook und Twitter wird der Kirche ein Kuschelkurs vorgeworfen.

Bruder Paulus:
Es ist wichtig, klar und deutlich zu sagen, dass diese Terroranschläge Anschläge gegen die Menschlichkeit sind. Da sagt die Kirche, das sagen die muslimischen Verbände, das sagen auch die Juden, das sagen hoffentlich auch die Atheisten. Das sagen wir auch in die Gesellschaft hinein.

Gleichzeitig müssen wir als Kirche auch die Gesellschaft fragen, ob sie nicht zu viel zulässt. Die Jugendlichen haben falsche Vorbilder. Wir haben im Durchschnitt 280 Verkehrstote im Monat. Ich sehe auch die Disco-Unfälle. Woher haben die jungen Leute mit ihren neuen Führerscheinen die Vorbilder? Wo sind die Vorbilder, die 130 fahren? Wo sind die Vorbilder, die tugendhaft leben? Wenn überall Leistung und Schnelligkeit zählt und es immer noch schlimmere Horrorfilme, Actionfilme und Computerspiele gibt, dann werden einfach auch Menschen verführt, größenwahnsinnig zu werden. Je weniger Liebe sie erfahren haben in ihren Familien, vielleicht auch im Gebet, je gottloser sie aufgewachsen sind, umso mehr müssen sie sich wahnhaft vergrößern. Und das kann dann zu ganz schlimmen Sachen führen wie bei Amokläufen und Terror.

domradio.de:
Gibt es in Bezug auf die Angst einen ethischen Leitfaden, an dem man sich orientieren soll?

Bruder Paulus:
Dieser ethische Leitfaden ist ganz klar: Wir stehen zu der Wahrheit, wir stehen zu der Gerechtigkeit. Wir wollen ordentliches Strafrecht, wir wollen ordentliche Strafverfolgung. Wir wollen auch einen menschenmöglichen Schutz, das ist gar keine Frage.

Was wir nicht wollen, ist, dass wir die Emotionen plötzlich benutzen als Argument um zu handeln. Diese Debatte, die in der Gesellschaft bezüglich der muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger läuft, ist einfach schädlich. Da muss man sich schämen. Es gibt genauso viele Christen und Katholiken, die Unsinn machen, Unsinn gemacht haben und Unsinn auch weiter tun werden. Wenn wir da jetzt alle mit der Wut drauf gehen - das geht gar nicht! Die Gefühle und die Angst sind schlechte Ratgeber. Ethik heißt, ich habe Gefühle, ich stehe zu den Gefühlen. Aber die Gefühle sind nicht die Grundlage meines Handelns und auch nicht meines Redens. Katholiken bekennen bei der Beichte: "Ich habe mich zu Worten hinreißen lassen über Mitmenschen, dafür muss ich mich wirklich schämen." Ich glaube, das weiß jeder ganz genau, was man da sagt und was nicht.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

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