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Sie befinden sich hier: Medien Medienresonanz 20. Juli 2012 - Die Tagespost - „Der barmherzige Vater ist alles andere als ein Weichei“


„Der barmherzige Vater ist alles andere als ein Weichei“
Die Kirche muss männergerechter werden: Bruder Paulus Terwitte OFMCap über die Tücken eines einseitigen Jesusbildes und seine fatalen Folgen. Von Katrin Krips Schmidt

Bruder Paulus, die katholische Kirche wird von Gesellschaft und Medien vielfach als eine von Männern dominierte Domäne wahrgenommen. Stimmt dieser Eindruck aus Ihrer Sicht?

Dieser Eindruck drängt sich auf, weil vom Blickwinkel der Medien aus natürlich immer von den führenden Köpfen berichtet wird, geradeso, als sei die Kirche ein Verein oder eine Gewerkschaft. Dass bei uns in der Kirche die führenden Köpfe eigentlich an der Basis tätig sind, dass das vielfach – sogar in der Mehrzahl – Frauen sind, die das Gemeindeleben tragen und die den Glauben weitergeben, das wird oft übersehen. So sehr, dass wir geradezu von einer Frauenkirche sprechen müssten. Männer ziehen sich aus der religiösen Verantwortung zurück und sagen: Das ist doch Frauensache.

Der Erzbischof von Bamberg hat darauf aufmerksam gemacht, dass die ehrenamtlichen Tätigkeiten in den Gemeinden, bei den Gottesdiensten, bei der Kommunion- und Firmvorbereitung fast nur noch von Frauen ausgeübt werden. Worauf führen Sie das zurück?

Ich glaube, dass Frauen eine größere Offenheit für ein Engagement aus religiösen Gründen aufweisen. Damit verweise ich ausdrücklich auch auf Maria mit ihrer Empfänglichkeit für den Geist und für die Charismen, und auch für die Stärke, die vom Herzen kommt. Sie stehen leichter dazu, dass sie sich aus religiösen Gründen engagieren. Diese Empfänglichkeit ist bei Frauen viel stärker ausgeprägt als bei Männern. Schauen Sie auf die Orden: Da hat es in den letzten fünfhundert Jahren auf jeden Fall immer viel mehr Frauen als Männer gegeben. Ein zweiter Grund, warum Männer sich weniger engagieren: Alles, was im Christentum Härte, Kampf, Einsatz, Entscheidung, Abgrenzung etcetera mit sich bringt – also all das Schmerzliche, das auch Jesus gelebt hat, wurde fast gänzlich aus dem Jesusbild eliminiert, das von zeitgenössischen Theologen gezeichnet wird.

Aber warum klinken sich die Männer so völlig aus dem Gemeindeleben aus? Können Sie aus der Perspektive eines Mannes Gründe dafür angeben, weshalb sich die Männer heutzutage nicht mehr oder zumindest sehr viel weniger engagieren?

Weil die Werte, die gemeinhin als weibliche, weiche Werte gelten, in der Kirche in besonderer Weise in den Vordergrund getreten sind. Ich nenne da zum Beispiel: das Offen-Sein für Alles und Alle, oder das Barmherzig-Sein, das im Recht geradezu einen Dämon sieht. In heutiger Zeit sind das „weichgespülte“ Werte, die ursprünglich gar nicht so gemeint waren. Der barmherzige Vater ist alles andere als ein Weichei – er steht im Gleichnis tagelang bei Wind und Wetter vor der Tür und wartet auf seinen Sohn. Jesu Offenheit für alle hört ganz schnell auf bei den Hochzeitsgästen, die sich nicht angemessen gekleidet einfinden. Entsprechend der Vereinseitigung wichtiger christlicher Begriffe gibt es ebenfalls eine Gottesdienstgestaltung, in der das Gefühl der Gestalter und Gestalterinnen dominiert und das, was sie für gut halten für jene, die da kommen oder noch kommen und die man nicht vor den Kopf stoßen will, denen man nichts zumuten will – und dann kommen da die „weichen“ Melodien und die auch im Kirchenraum dann unverzichtbare „gestaltete Mitte“ mit Kerze und Tuch, wenn man sich in der Gemeinde zusammenfindet – das sind doch alles Ausdrucksformen, die für Männer, übrigens auch für männliche Jugendliche, nicht gerade besonders attraktiv sind.

Gibt es für dieses Phänomen auch Zusammenhänge mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen?

Die ehrenamtliche Einsatzbereitschaft ist auch im weltlichen Bereich eine vornehmlich weibliche Eigenschaft. Das heißt, auch in der Gesellschaft wird das ehrenamtliche Engagement, besonders in den Vereinen, öfter von Frauen getragen als von Männern. Natürlich gibt es dort auch Männer, die sitzen aber dann in den Vorständen. Doch viele Vereine leben davon, dass die Frauen die „Basics“ machen. Die sprichwörtlichen Mütter, die für ihre Sprösslinge die Fußballschuhe bereitstellen und die Trikots waschen und der Vater, der dann dafür auf den Fußballplatz geht. Das mögen Klischees sein. Aber ganze Vereine leben von einer solchen Verteilung des Engagements und selten hört man, dass es sich umgekehrt verhält. Das kühlere soziale Klima in unserer Gesellschaft hat ebenfalls mit einem Männerbild zu tun, bei dem der Vorsitzende des Betriebsrates eher als Störenfried für die tolle wirtschaftliche Entwicklung gesehen wird. Das Soziale gilt unter Jugendlichen als uncool, weil ihnen wenig Vorbilder gezeigt werden von Männern, die Leben und Arbeitsplätze retten, die Ehre von Müttern verteidigen und ihnen Arbeitsmöglichkeiten verschaffen, die dem Muttersein entgegenkommen oder die durch ihren Betrieb oder ihr Amt gehen und für eine starke Atmosphäre sorgen, wo sich jeder beim Namen gerufen und sich jeder mit ins Geschehen eingebunden weiß. Mir macht Sorge, dass es bis in die Kirche hinein auch eine männliche Sprachlosigkeit gibt, die sich stark gebärdet, aber eher als schwacher Papiertiger wahrgenommen wird, weil eher mit Papieren zu regieren versucht wird als mit Tugenden wie Standhaftigkeit im Konflikt, Freude an der Auseinandersetzung und Bereitschaft zum Ringen um eine Idee, auf die am Ende keiner ohne den anderen gekommen ist.

Was kann eine Männerpastoral leisten und wie kann sie im Detail aussehen, damit Männer wieder in die Kirche zurückkehren?

Ich glaube, wir müssen die männlichen Anteile Jesu wieder mehr hervorkehren – man spricht ja in der Wirtschaft mittlerweile von „leadership“. Gegen eine leistungsbetonte Gesellschaft helfen christlich gestählte Männer, die in den Führungsetagen entsprechende Bremsen einlegen. Meiner Ansicht nach muss sich die Kirche wieder kompetent zeigen als „führungsbildend“ und als „Führerschaft-bildend“. Das erste wäre: Lust auf Führung zu machen, Jesus zu entdecken, der vorangeht und gestaltet und sich nicht einfach „Regeln“ unterwirft. Von Jesus lernen wir, uns nicht anzupassen. Das wäre etwas ganz Wichtiges. Männer finden die Kirche dann attraktiv, wenn sie wieder ermutigt werden zu der Erkenntnis und deren Folgen, dass durch die Taufe auch der „Kämpfer“ Jesus in sie hineingelegt worden ist. Oder auch der „ritterliche“ Jesus, der zum Sünder und zu der Sünderin sagt: Auch du gehörst dazu – ganz gleich, was die Leute sagen. Dass da ein Jesus zur Nachfolge einlädt, der das Gesetz eigenständig in die Hand nimmt und es mit Gott verbindet, und auf die Menschen hin anwendet. Männer wären zu schulen, das Gesetz des Zusammenlebens, die Gesetze des Staates zu kennen und kreative Anwender zu werden. Vom Geist erfüllt, ist es für Männer attraktiv, wenn sie mit der Kirche lernen, dass Gesetze nicht stumm befolgt werden müssen, sondern mit einem geschulten Gewissen beachtet werden müssen. Den Gestaltungsspielraum, den das Evangelium für die Welt wie auch für die Kirche und die Familie bereithält, auszunutzen: Das muss Männern wieder neu beigebracht werden. Die vor allem katholische Kirche ist zu sehr mit den Themen „Unterordnung“, „Abordnung“ und „Einordnung“ verbunden, und da sagen Männer dann: „Ich will mich weder unter- noch einordnen – ich möchte mit der Ordnung Gottes die Welt und die Kirche gestalten. Und da glaube ich, kann die Kirche den Männern durchaus zeigen, dass das Evangelium für sie interessante Perspektiven bereithält.

Gibt es konkrete Angebote?

Die konkreten Angebote werden bereits gemacht. Der Bund katholischer Unternehmer etwa ist in vielen Regionen Deutschlands aktiv. Sie bieten öffentliche Schulungen an und Versammlungen, bei denen sich in der Wirtschaft verantwortliche Katholiken zu Hause fühlen können. Die Diözesen haben Referenten für Männerseelsorge, allerdings nehme ich auch wahr, dass da gerade wieder gespart wird – völlig am falschen Ende, wie ich finde. Solche Angebote helfen jungen Vätern, sich selber neu zu entdecken in ihrer Rolle als Ehemann und Vater, und dazu werden sie noch begleitet, sich selber dabei nicht zu vergessen in aller Anforderung des Berufes. Außerdem haben wir die katholischen Sozialverbände. Sie ermutigen Männer, sich in einem evangeliumsgemäßen Umgang mit den Gesetzen des Staates zu schulen. Solche Angebote sind also vorhanden, und es macht mir Sorgen, wenn ich in Verbänden hin und wieder in deren Programmen zu wenig davon und zu viel von Gemütlichkeit und Freizeitgestaltung lese, bei dem mir eher „Herd“ als „Hobelbank“, eher „Zeitgeist“ als „Zielführung“ einfällt. Es gibt auch spektakuläre Veranstaltungen der Männerpastoral: Zum Beispiel vier Tage lang miteinander eine Trekking-Tour zu machen oder mal zehn Tage lang Einsamkeit auszuhalten – all diese Dinge, die Jesus getan hat, um stark zu werden oder um eine Wüstenerfahrung zu machen. Ich finde es schade, dass solche guten Ansätze wieder zunichte gemacht werden, weil man in manchen Bistümern ausgerechnet da spart, wo die Pastoral am schwächsten ist: Bei den wirklichen Bedürfnissen derer, die als Männer geistlich stark die Welt gestalten wollen – und sollen.

Was ergibt sich daraus?

Dass Männer eigene Formen des Glaubens haben als Laien in der Kirche – das muss ganz neu entdeckt werden. Ich denke etwa daran, dass sowohl bei der Firm- als auch bei der Kommunionvorbereitung mit den Kindern und Jugendlichen frauen- wie männerspezifische Themen bearbeitet werden sollten, auch in streckenweise geschlechtsspezifischen Gruppen. Da hat man sich in den letzten Jahren kaum herangetraut. Wir brauchen männliche Erstkommunionkatecheten und männliche Firmkatecheten, aber man muss denen dann auch Spielräume eröffnen, wo sie die Stärken des Evangeliums auf männliche Weise mit den Kindern und Jugendlichen wirklich leben können; wie es die Frauen auch mit den Mädchen tun können sollten.

Erzbischof Schick hat zudem davon gesprochen, die Frauen in den Gemeinden nicht verlieren zu wollen, und dass sich in der Führungsebene etwas ändern müsse. Welche leitenden Funktionen sollen Frauen denn Ihrer Meinung nach innerhalb der Kirche verstärkt ausüben?

Wir haben in Berlin ja jetzt die neue Caritasdirektorin. In Osnabrück verantwortet eine Frau das Seelsorgeamt. Wenn Frauen Finanzdirektorinnen sein können – warum nicht? Es liegt am Charisma und am Können. Auch wenn die Kirche keine Firma ist: Wir haben in Deutschland in den Führungsetagen der Firmen gerade mal 18 Prozent Frauen. Schön, wenn wir in der Kirche schon soweit wären – mag da der eine oder andere sagen. Aber man kann ja nicht sagen: Wir haben da eine Führungsposition zu vergeben, dafür muss unbedingt eine Frau gefunden werden. Sondern Aufgabe der Kirche ist es doch, in Frauen wie Männern die Charismen zu entdecken, die Gott der Kirche für unsere Zeit gegeben hat.

In dieser Hinsicht stehen wir uns in der Kirche mit der Struktur, wie sie bis heute geworden ist, selber im Weg. Pfarreien etwa, wie wir sie heute haben, gibt es erst seit etwa 350 Jahren in Deutschland. Davor hat die Kirche auch gelebt. Die momentanen Veränderungen werden uns zeigen, wie Gott Frauen wie Männer beruft, wie sie vor Ort und dann auch im engeren Kreis um den Bischof herum beratend und in ihrem Bereich auch führend tätig sind. Weder eine Frau noch ein Mann wird etwas durch einen Posten. So ein Denken erinnert mich an die Mutter der beiden Söhne von Jakobus und Andreas, die die beiden Posten zur Rechten und zur Linken Jesu besetzen wollte. Wir haben in der Kirche keine Posten zu vergeben, sondern wir haben Charismen, die Gott uns schenkt. Die wir mit Freude einsetzen müssen, und ich glaube, da gibt es eine Vielfalt von Möglichkeiten, um da wirklich gestaltend tätig zu werden.

Gehört zu einem möglichen Charisma der Frau auch der Diakonat?

In der Ämterfrage ist die Kirche, so meine ich, mit gutem Recht entschieden. Es geht um den heiligen Raum, der amtlich bezeugt wird als der Berührungsraum zwischen der Ewigkeit und dem Zeitlichen, den Jesus uns offenhält. Er ist diese Scharnierstelle, und in der Feier des Todes und der Auferstehung Jesu wird das Handeln Jesu Christi selbst am besten mit männlichen Amtsträgern repräsentiert. Die Diskussion um den Diakonat der Frau ist meiner Ansicht nach nicht zielführend, wenn sie mit dem Thema der Würde von Mann und Frau in Zusammenhang gebracht wird. Wenn schon, muss man ganz diskutieren und sagen: Jesus Christus möchte auch im geistlichen Amt, das Frauen übertragen wird, in der Kirche wirken. Ob dies das gleiche geistliche Amt wäre wie das Amt, das Männer ausüben, müsste weiter geklärt werden. Die anglikanische Kirche – uns in der Ämterfrage nahe – droht gerade an dieser Frage zu zerbrechen. Für die orthodoxe Kirche ist die Frage geklärt. Ich glaube, dass die Kirche in dieser Frage seit zweitausend Jahren ihren Weg gut gegangen ist und ihn auch weiterhin gehen wird. Wichtiger als dies ist die geistliche Vollmacht, mit der die Getauften und Gefirmten insgesamt – dazu gehören auch die Diakone, Priester und Bischöfe – die Welt durchsäuern.

Brauchen Männer wirklich eine besondere Behandlung seitens der Kirche?

Im Gespräch mit Hebammen wurde mir letztens wieder bestätigt, dass ihnen Sorge macht, dass die jungen Väter ihre neue Rolle nicht zu übernehmen bereit sind. Ob das so generell stimmt, müssen andere sagen. Trotzdem kann ich bestätigen, dass Themen wie „sich durch die Liebe die Lebensplanung durcheinanderbringen lassen“ oder „ein Kind ist der Anfang meines neuen Lebenswandels in Sorge und Fürsorge“ für viele Männer nicht gerade attraktiv klingen. Hier braucht es geduldige Ausbildung junger Männer durch erfahrene Familienväter; die Kirche könnte das fördern, wenn sie etwa die Ehe- und Taufkatechese viel früher und mehr mit gestandenen Ehemännern und Familienvätern konzipieren würde. Die Kompetenz von Männern in der Berufswelt und in der Alltagsbewältigung sollte viel mehr in den Blickpunkt pastoralen Handelns geraten. Da werden auch Bischöfe, Priester und Diakone lernen müssen, ein unreflektiertes männliches Konkurrenzdenken abzulegen und stattdessen die Brüder in Sachen der Welt und der Glaubenserfahrung in der Welt demütig mit ins Überlegen einzubeziehen. Ich bin sicher, dass von der Stärkung des katholischen Mannes in der Kirche auch die Frauen profitieren würden.

Die Tagespost, 20. Juli 2012

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