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Sie befinden sich hier: Medien Medienresonanz 19. Dezember 2011 - "Gott will zurückgeliebt werden"

Wärme will Paulus Terwitte den Armen in der Stadt geben, und ein „gutes Stück Brot“.

Dominosteine und Lebkuchen gibt‘s bereits im Sommer in den Supermärkten. Die Totengedenktage im November sind nur noch ein unliebsames Hemmnis vor der Eröffnung von Weihnachtsmärkten und Adventsbasaren. Ist Weihnachten den Christen entglitten?

BRUDER PAULUS TERWITTE: Weihnachten ist vielen Menschen nicht mehr das Fest, das es den Christen bedeutet. In einer Stadtbevölkerung, in der fast die Hälfte der Menschen einer anderen Religion angehört, werden Weihnachtsbaum, Lichter und Sterne anders interpretiert. Wenn dabei Grundgedanken von Weihnachten erhalten bleiben wie: Gott in seiner Macht stellt sich auf die Seite der Ohnmächtigen, oder: Von einer höheren Warte ausgesehen, ist Frieden auf Erden möglich, dann finde ich es legitim, wenn Weihnachten von Menschen die keine Christen sind, anders gefeiert wird als von den Christen.

Wie kann es gelingen, die Botschaft der Geburt Jesu Christi wieder zum Kern zu machen und den weltlichen Ballast abzuwerfen?

BRUDER PAULUS: Ich würde mit dem Ausdruck "weltlicher Ballast" vorsichtig umgehen. Zunächst einmal ist es schön, wenn Menschen sich – im richtigen Rahmen natürlich – Geschenke machen, ein festliches Essen veranstalten, Freunde einladen. Schwierig wird es, wenn daraus ein Wettrennen wird, wer das schönste Geschenk bekommt, das beste Essen anrichtet oder, mal ganz ernst gesprochen, den meisten Alkohol trinkt. Die Geburt Jesu Christi ist zunächst einmal eine menschenverbindende Tat Gottes an uns. Und das darf an Weihnachten auch ganz weltlich gefeiert werden.

Was raten Sie jemandem, der auf der Suche nach der Weihnachtsbotschaft in Frankfurt ist?

BRUDER PAULUS: Der soll doch einfach mal in dem Buch "Eintracht – Deine Fans" blättern. Dort kann man viele Gesichter von Menschen sehen, die alle das Eintracht-Emblem tragen. Sich zusammentun, weil man sich um eine Idee schart – an Weihnachten sammeln sich die Menschen um die Idee der Liebe. Für Christen strahlt sie allen Menschen aus dem Gesicht Christi entgegen. Eine andere Möglichkeit, Weihnachten in Frankfurt zu finden: Man geht nach Liebfrauen, genießt dort den Weihnachtsgottesdienst und sieht dann, was im Franziskustreff dank der Hilfe vieler unserer Spender für die armen und obdachlosen Menschen getan wird: Das, was Weihnachten den Hirten auf dem Feld bedeutet hat; Gott teilt mit den Armen, gibt ihnen Heimat und lässt sie wenigsten für eine kurze Weile den Glanz aus der Höhe erfahren.

Wie feiern Sie Weihnachten?

BRUDER PAULUS: In Liebfrauen beginnt um 17.30 Uhr die Christmette. Wir Brüder und Schwestern, die hier leben, treffen uns anschließend zu einem kleinen gemeinschaftlichen Feierabend. Dabei wird aus den Briefen vorgelesen, die unsere Oberen uns geschrieben haben. Wir lesen uns die Weihnachtsgrüße vor, die uns ins Haus geschickt wurden, und singen zwei Weihnachtslieder. Nach einer halben Stunde gehen wir dann ins Refektorium und sitzen gemütlich beieinander mit grünem Salat, gefüllter Blätterteigpastete und einem guten Wein.

Werden da Geschenke ausgetauscht?

BRUDER PAULUS: Nein. Weil wir nichts persönlich besitzen, was man verschenken könnte. Das ist ja unsere Lebensform.

Und Ihre Familien, Eltern, Geschwister?

Wir haben mit der Wahl des Ordenslebens unsere Ursprungsfamilien verlassen. Soweit ich das weiß, sind ja auch viele, die Familien gegründet haben, an Weihnachten nicht mit Geschwistern und Eltern zusammen.

Das heißt, Sie haben zu Ihrer Familie an solchen Festen keinen Kontakt?

BRUDER PAULUS: Ich rufe an, man schreibt sich, hat gute Worte füreinander

... und Silvester ist es ähnlich ?

BRUDER PAULUS: Silvester hat für uns keine große Bedeutung. Wir sind geistliche Menschen, für uns beginnt das geistliche Jahr am ersten Advent.

In Liebfrauen gibt es aber auch einen Silvestergottesdienst.

BRUDER PAULUS: Ja, eine feierliche Eucharistiefeier zum Jahresabschluss. Wir fühlen mit den Leuten mit, denen der bürgerliche Jahreswechsel etwas bedeutet. Es gibt an Silvester deswegen auch einen besinnlichen Abend im Kapuzinerkeller. Dazu muss man sich aber vorher anmelden.

Sie erwähnten den Franziskustreff. Wie wird dort Weihnachten gefeiert?

BRUDER PAULUS: Dank vieler Wohltäter können wir ein sehr schönes Weihnachtsfest ausrichten. Die hohe Qualität bei Bedienung und Bewirtung durch unsere hauswirtschaftlichen Kräfte sorgt mit vielen Ehrenamtlichen für eine festliche Atmosphäre in einem sehr schön geschmückten Raum. Am ersten Weihnachtstag öffnen wir um 7.45 Uhr. Neben dem besonders guten Frühstück bekommt jeder unserer armen oder obdachlosen Gäste ein liebevoll verpacktes Geschenk. Uns ist bewusst: Wir können das nur, weil hinter uns viele Spender stehen, die uns da ermöglichen.

Wie viele Leute kommen dann?

BRUDER PAULUS: Am ersten Weihnachtstag werden etwa 150 Leute kommen. Am zweiten genauso viele. Es ist immer voll, und wir müssen niemanden abweisen. Die Spendenbereitschaft der Menschen ist sehr groß, weil sie uns vertrauen. Was Bruder Wendelin gegründet hat, geht in seinem Sinne so weiter.

Haben Sie den Eindruck, dass immer mehr Menschen in Frankfurt arm sind?

BRUDER PAULUS: Ja, das beobachten wir. Wir achten darauf, dass wir Gäste haben und denen helfen, die wirklich arm sind; wer uns ausnutzen will, dem weisen wir die Tür. Zu uns kommen obdachlose Menschen, aber auch ältere Männer und Frauen, denen es vorn und hinten mit der Rente nicht langt. Ich möchte allen armen Menschen in Frankfurt sagen: Hier in Liebfrauen kann man nicht nur beten, sondern auch ein Stück Brot kriegen – in Form eines ordentlichen Frühstücks.

Diese Menschen stehen außerhalb der Überflussgesellschaft ...

BRUDER PAULUS: Eine schmerzhafte Erfahrung. Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, muss sich auch fragen, was die Menschen denn noch alles kaufen wollen. Da kommt es leicht dazu, mit dem Konsum die wirklich wichtigen Dinge zu verdecken.Anstatt zum Beispiel Familienkonflikte vorher anzusprechen, schleppt man sie auch durch die Weihnachtsfeiertage mit.

Lässt Sie das am Menschen verzweifeln?

BRUDER PAULUS: Ich denke gut vom Menschen.

Werden Sie oft enttäuscht?

BRUDER PAULUS: Ich glaube an das Gute im Menschen, ich erfahre aber auch das Böse – mich eingeschlossen. In uns ist ja diese Doppelzüngigkeit, diese Schlange, die uns sagt: Halte dich nicht an die Regeln; sei was Besonderes. Die Widersprüchlichkeit, in die hinein Gott Mensch geworden ist, bringt der Apostel Paulus so auf den Punkt: "Das, was ich tue, das will ich nicht, und das, was ich will, das tue ich nicht."

Was tun Sie dann?

BRUDER PAULUS: Buße. Ich bete, ich gehe beichten, ich spreche mit Menschen, ich entschuldige mich, ich versuche, einzusehen. Die Buße, die Jesus predigt, ist ja nichts, was uns klein macht, sondern groß, selbstverantwortlich.

Sie selbst nutzen Internet etc. als offensives Mittel für Ihr Anliegen. Doch die Schattenseiten der globalen Vernetzung sind immens.

BRUDER PAULUS: Moderne Technik kitzelt uns an dem Gefühl, sich wie Gott fühlen zu wollen: Man veröffentlicht etwas in Twitter, und die ganze Welt weiß es!? Das ist aber nur eine Illusion.

Die Menschen an den Computern haben einerseits Kontakte in alle Welt, werden andererseits aber immer einsamer.

BRUDER PAULUS: Wir Menschen brauchen uns gegenseitig: Wir sind ein praktisches Netzwerk. Und Weihnachten heißt für den gläubigen Christen: Auch Gott braucht den Menschen – und das find' ich so sympathisch. Gott braucht die Menschen.

Wofür?

Um zurückgeliebt zu werden. Denn darum hat Gott den Menschen geschaffen. Er ist ja die Liebe, und er wollte so gern wieder geliebt werden. Das ist die Antwort der franziskanischen Theologen. Und wenn wir das Gotteskind in der Krippe sehen, schauen wir wie in ein himmlisches Facebook: Wir glauben für einen Moment der guten Nachricht, dass Freundschaft so einfach sein kann, und wir kommen in Kontakt mit unserer Sehnsucht, alle Menschen seien Verwandte Gottes.

19.12.2011, Frankfurter Neue Presse

 

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