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Sie befinden sich hier: Medien Medienresonanz 17. September 2011 - Die Tagespost "Unter Privathermeneutikern

Unter Privathermeneutikern

Ansonsten habe ich nichts zurückzunehmen ... – so stellte „chrismon“- Chefredakteur Arnd Brummer am Montag in Frankfurt sein Buch „Unter Ketzern“ vor. Der evangelische Publizist, ein Konvertit, wiederholte seine heftige Kritik an der katholischen Kirche, und offenbarte ein merkwürdiges Verständnis des Christlichen: Alles ist irgendwie Privatsache.
VON BRUDER PAULUS TERWITTE OFMCap

Schön, wenn nachbarschaftliche Besuche gemacht werden.“ Wie eine Visionzur Einheit der Kirche hörte sich diese Empfehlung des Umgangs verschiedenerchristlicher Gemeinschaften nicht an. Aber mehr ist laut Arnd Brummer in SachenEinheit der Kirche Jesu nicht drin.„Unter Ketzern“ – damit meint der Autor seine evangelischen Mitchristen – stellte der Journalist und Publizist am vergangenen Montag in Frankfurt am Main sein gleichnamiges Buch vor. Keiner der etwa einhundert Zuhörer in der Frankfurter Evangelischen Akademie Römer 9 nahm daran Anstoß, von ihm so vereinnahmt zu werden. Mit der Vorveröffentlichung seines Werkes im kirchensteuerfinanzierten evangelischen Magazin „chrismon“ (Auflage:1,3 Millionen) hatte der Chefredakteur bei manchen publizistischen Kollegen zunächst keine medienethische Bedenken ausgelöst. Dem Inhalt der Vorveröffentlichung im Monatsblatt wie auch des Buches folgte dann aber eine Welle der Empörung.In der Redaktion des Magazins kam eine Wut-Flut von Leserbriefen an. Kein Wunder für einen der Redaktionsmitglieder von „chrismon“: Immerhin nimmt man dort an, dass 40 Prozent der „chrismon“-Leser katholisch sind. Und: Mittlerweile würde das Pamphlet des Chefs zumindest für „Gratwanderung“ gehalten.

Bei der Frankfurter Lesung war davon nichts zu spüren. Der Autor wurde geschont, wie es sich für eine Verlagsveranstaltung gehört. Der calvinistische Theologe Klaas Huizing (Würzburg) spielte ihm brav die Bälle zu. Doch als dieser die Gewitter-Szene, die Brummer in seinem Buch schildert, mit der Erfahrung von Martin Luther verglich, der im nächtlichen Gewitter Zugang zum gnädigen Gott fand, war es dem Konvertiten sichtlich peinlich. Er wiegelte ab, in keinsterWeise daran gedacht zu haben, sich mit Luther zu vergleichen –doch man spürte, dass er sich ein wenig wenigstens auch geschmeichelt fühlte. Brummer zumindest als Botschafter des Reformators?Jedenfalls hält er eine Besinnung der Evangelischen auf das Evangelische fürdringend geboten. Wortmeldungen pflichteten ihm bei. Von dem unbestimmten Gefühl unter Protestanten, die eigene Kirche würde katholisiert werden, war die Rede: Ein Protestant habe nun gar einen Ehrenprimat des Papstes ins Spiel gebracht. Der Besorgnis konterte Brummer, dass er unter den Katholiken viele Protestanten erkennen könne: Denen sei die eigene Freiheit lieber, als sich nach den Vorschriften eines Lehramtes zu richten. „Das reformatorischeGedankengut, das evangelische Leben, hat die katholische Kirche in der Tiefe erfasst“, dozierte Brummer – und Huizing, selbst calvinistischer Theologe niederländischer Herkunft, pflichtete ihm bei: „Die Mehrzahl der Menschen lebt evangelisch.“ Zum Beleg gab Arnd Brummer ein Beispiel aus seinem Buch zum Besten: Eine 17-jährige Katholikin habe sich bewusst für ihr Kind und gegen einen Schwangerschaftsabbruch entschieden, und sie habe es vor allem vorsich selbst verantwortet statt einfach der katholischen Kirchenlehre zu folgen. Mit diesem Beispiel wurde die Schere im Kopf überdeutlich, mit der Brummer die katholische Kirche betrachtet: Sie ist nicht die Einheit der Gläubigen, denen etwas durch das Licht des Evangeliums aufgeht, sondern eine von ältlichen Hirten geleitete Herde dummer Schafe. Da schwingt mit: Gemeinschaft bilden Dumme. Einheit und Intelligenz sind Widersprüche. Wie es sich freilich mit dem Glaubensgehorsam evangelischer Christen verhält, blieb im Dunkeln.

Man kann es der Größe des gereiften Konvertiten zurechnen, dass er zwei heftig kritisierte Ausdrücke seines Buches während des Abends zurücknahm: Nein, er würde nicht mehr sagen, dass der Vatikan gegen den Protestantismus „hetze“. Das sei so „nicht richtig“, sagte Brummer, auch wenn ihn die Nicht-Anerkennung der evangelischen Kirche als Kirche – siehe „Dominus Jesus“ – bis heute irritiere. Er würde auch das Wort vom Gottesdienst als „Holy Horror Picture Show“ in der zweiten Auflage nicht mehr verwenden.Ansonsten hatte er aber nichts zurückzunehmen. Nach der etwa halbstündigen Befragung durch den evangelischen Glaubensgenossen las Brummer eine „Schlüsselszene“ seines Buches vor. Er berichtet darin von der Führung durch Konstanz, die er als Schüler mit seiner Schulklasse erlebte. Eine Nonne habe ihnen am Denkmal für Jan Hus erklärt, dass dieser als Ketzer verbranntworden sei. Die Kirche habe ihn dazu verurteilt. Er, Brummer, habe dies „nie und nimmer“ akzeptieren wollen und so sei der Anstoß gekommen, sich durch eine Vielzahl von Biografien und Werken reformatorischer „Ketzer“ zu lesen. Deren Freiheit habe er bewundert, deren Glaubenskraft und auch Bereitschaft, für ihre Einstellungen zu streiten und große Nachteile zu erleiden.

Diese Freiheit des Denkens habe ihn immer fasziniert. „Man muss streiten, manmuss miteinander ringen, weil wir alle nur bedingtes Wissen haben“, zitierte Brummer einen seiner Lieblingstheologen, Paul Tillich. Schließlich könne sich jeder irren, auch die Kirche. „Am Ende sind wir alle auf die Gnade angewiesen“, so Brummer. Gleichzeitig beschwor er die Heilige Schrift als einzige Erkenntnisquelle. Das Evangelium sei von jedem selber auszulegen. Jederhabe da einen eigenen Erkenntnisweg: „Ich kann niemandem verordnen, wie er die Heilige Schrift zu lesen hat.“ Mit diesem Seitenhieb auf das kirchliche Lehramt erklärte er nicht, ob sich aus der Bibel irrtumslose Wahrheiten ergeben, und sei es wenigstens jene, dass der Mensch keine irrtumslose Wahrheit erkennen kann. Gern hätte man hier zumindest das nachdenkliche Wort Dietrich Bonhoeffers vernommen: „Wo der einfache Gehorsam grundsätzlich umgangen und ausgeschaltet wird,dort herrscht ein unevangelisches Schriftprinzip.“

Das auch dem Buch eigene Pathos im Reden kam auf, als Brummer auf die „Muttikirche“ zu sprechen kam. Er stellte sich gegen seinen, wie er sagte, „Freund“ Friedrich Wilhelm Graf, Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Evangelisch-Theologische Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dasevangelische Pfarramt werde zunehmend zu einem Frauenberuf, so hatte „Deutschlandradio“ über die Äußerungen Grafs auf einer Tagung in Dresden berichtet. Theologiestudierende seien zumeist weiblich, so Graf, und eher „Muttityp als wirklich intellektuell“, da sich besonders häufig Studentinnenaus nichtakademischen Haushalten für diesen Beruf entschieden. Sie verbändenzumeist eher schlichte Gedanken mit der Vorstellung von einem „Kuschelgott“.Brummer hielt dagegen, das sei „Quatsch“, er habe „großartige“ Predigten von Frauen gehört, viel mehr „flache“ von Männern – und offenbarte eine seiner wichtigsten Erkenntnisquellen für allgemeine Wahrheiten: die Privatbeobachtung.

Aufhorchen ließ der Begriff der Privathermeneutik, den Brummer nutzte, umsein Verständnis der Heiligen Schrift zu beschreiben. Er zeigte damit unfreiwillig den Schlüssel zum Grundproblem der aktuellen Debatte um evangelisch und katholisch: Brummer sieht im Privat-Persönlichen den Verstehenshorizont, unter den die Heilige Schrift gestellt „verstanden“ wird. Katholisch möchte man dagegen halten, dass die Heilige Schrift durch den Dienst der Kirche ja nun gerade den Menschen aus dem als verengt zu bezeichnenden privat-persönlichen Horizont herausrufen will, um ihn in katholischerWeite in die Gemeinschaft der Erkennenden einzufügen. Dafür muss die Wahrheit der Offenbarung natürlich erkennbar sein. Für den evangelischen  Erkenntnispessimisten ist sie das nicht. Wohin das führt, loderte auf bei der Nachfrage, ob er nicht die Notwendigkeit sehe, dass die evangelischen kirchlichen Gemeinschaften mehr zu Einheit gelangen müssten. Dabeiwurde auf Berichte aus Lateinamerika verwiesen, wo in kleinen Städten viele verschiedene evangelische Gruppierungen um Gläubige buhlen. Brummer dazu: Es sei doch schön, wenn Christen in drei, vier Häusern wohnten und sich besuchten. „Die kleinen Einheiten in Netzwerke bringen, die gemeinsam beten, das reicht mir.“Ökumene der Institutionen „wird es niemals geben“, so Brummer; und man hätte gern gehört, warum er dennoch bei einer solchen Institution in Lohn und Brot steht. Dem Bekenntnis aus dem Auditorium, Jesus sei der Erlöser derWelt, der die Einheit der Kirche wolle, schloss sich Brummer an, um sich gleich wieder zurückzuziehen auf das – wie er meinte – evangelische Proprium: Die Freiheit, die man jedem lassen müsse, mit Gott und Jesus umzugehen.Beim nochmaligen Verweis auf das verwirrende Zeugnis für den einen Jesus durch eine Vielzahl evangelischer Gemeinschaften und christlicher Gebetsräume und Kirchen in einer Stadt griff Moderator Huizing mit einem Verweis auf die Niederlande ein. Dort hätten sich unlängst verschiedene reformierte und andere Kirchen zu einem Kirchenverbund zusammengetan. Leider war nicht genug Zeit, um zu erfahren, wie diese Einheit theologisch gefunden wurde und gefüllt wird. Folgt man dem protestantischen Erkenntnispessimismus Brummers, steht zu befürchten, dass Einheit auf längere Sicht für die evangelischeWelt am bestenauf dem kleinsten, weil von wirklich jedem Einzelnen selbst zu erkennenden Nenner gegründet werden soll.

Der Autor ist Guardian des Kapuzinerklosters Liebfrauen in Frankfurt am Main, Buch- und Radioautor, Fernsehmoderator und einer der Pioniere in Deutschland, der neue Medien für die Seelsorge nutzt. Daneben führt er unter anderem katholische Laien, die am Mediengeschehen interessiert sind, im Katholischen Pressebund zusammen.Internet: www.pressebund.de


Die Tagespost, 17. September 2011

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