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Sie befinden sich hier: Medien Medienresonanz 07. Februar 2010 Berliner Zeitung - Hat die Kirche ein Missbrauchsproblem?

Hat die Kirche ein Missbrauchsproblem?

Nein. Es gibt, was die Anzahl der Kinder missbrauchenden Verantwortungsträger angeht, in der Kirche keinen höheren Prozentsatz als in anderen Bereichen der Kultur und des Sports, in denen Kinder ein Vertrauensverhältnis zu Lehrern oder Betreuern aufbauen. Schlimm ist, dass die katholische Kirche erst jetzt damit beginnt, offensiv über diesen Prozentsatz in ihren eigenen Reihen offen zu reden und nach potentiellen Tätern zu suchen.
 
Warum dürfen katholische Priester eigentlich keinen Sex haben?

Katholische Priester wollen auf die menschenmögliche Erfüllung in der ehelichen Liebe verzichten, weil Gott durch sie zeigen will: Er allein kann der menschlichen Person einen Frieden, eine Zufriedenheit, eine Erfüllung geben, die kein Mensch toppen kann.

Sie sind mit 19 Jahren ins Kloster gegangen – welche Rolle spielt Sex in Ihrem Leben? Wie gehen Sie mit sexuellem Verlangen um?

Sex ist nicht das Ausleben eines Triebes. Ich spüre selbstverständlich, dass ich ein sexuell empfindender Mann bin. Doch ich fühle auch Aggression oder Essucht. Und da kann ich auch nicht sagen, mir fehlt ein Mordopfer oder ein Schlaraffenlandschloss. Mit sexuellem Verlangen gehe ich um, dem ich hellwach bleibe für das, was ich will; ich nenne es Gebet.
 
Jetzt wird diskutiert, ob das Zölibat Schuld hat an sexuellen Übergriffen durch Priester. Dass sich der Druck so ein Ventil sucht?

Diese Triebtheorie ist meines Erachtens abgehakt. Sie degradiert den Menschen zu einem mechanistischen System. Doch das Schönheit und Sinn dort beginnen, wo eine wertschätzende Beziehung zu Gott und den Menschen gesucht wird, hat in der religiösen Erziehung bis in die sechziger Jahre zu wenig eine Rolle gespielt. Die Lebensform der keuschen Ehelosigkeit wurde da mehr als Kraftakt gesehen, der Verzicht stand im Vordergrund, Gefühle mussten bekämpft werden. Am Ende standen nicht selten komische Persönlichkeiten, die unter dem Mantel einer hochangesehenen Priesterrolle pubertäre sexuelle Desorientierungen konserviert haben.
 
Was macht denn ein Priester, der sein Verlangen nicht mehr im Griff hat. Dürfen sich Priester selbst befriedigen?

Niemand darf seinen Körper instrumentalisieren für sinnlose Gefühle. Und soweit ich die sachkundige Literatur übersehe und alles, was mir Menschen erzählen, und auch das, was ich selber erlebe, führt Selbstbefriedigung nicht dazu, das eigene sexuelle Verlangen in den Griff zu bekommen. Dass im Internet am meisten verdient wird von der Porno-Industrie, muss einem doch zu denken geben. Es ist eine Tatsache, dass Männer wie Frauen vor dem Bildschirm onanieren. Dass darunter auch Priester oder Ordensleute sind, ist zu vermuten.

Wohin können sich Priester wenden, wenn sie pädophile Neigungen verspüren?

Sie können sich an die gleichen Beratungsstellen wenden, an die sich pädophile Erzieher, Sportlehrer oder Kindergärtner wenden können. In manchen Klöstern und Bistümern mittlerweile sehr konkrete Angebote, bei denen sich auch pädophil veranlagte Mitarbeiter seelsorgerisch begleiten lassen können. Es ist schade, dass wir in der Kirche kein besseres Klima für Wahrhaftigkeit haben; ich sehe aber nicht, wo dieses Klima für solche Fragen schon besser ist.

Es wirkt, als ob Fälle  pädophiler Priester  eher vertuscht als aufgeklärt oder angezeigt werden.

Ich bezweifle, dass da heutzutage noch aktiv vertuscht wird. Die Fehler, von denen jetzt die Rede ist, liegen mehr als dreißig Jahre zurück. Die betroffenen Orden lassen ihre Akten von unabhängigen Instanzen prüfen. Opfer wie Täter dürfen jetzt nicht für eine einseitige öffentliche Hetze, die sich Aufklärung verkleidet, instrumentalisiert werden.

Aber es wurde zu lange schön geredet. Man hat auf Erwachsene und deren „Laufbahn“ mehr geachtet als auf Kinder, die zu Schaden kommen könnten. Dies ist unverzeihlich.

Björn Trautwein, Berliner Zeitung, 7. Februar 2010

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