Erwählt, um zum Frieden anzustiften
„Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen.“ (Kol 3,12) Bei den Worten des Apostels Paulus an die Kolosser zuckt man zusammen. „Auserwählt“? „Heilige“? Das hört sich elitär an. Christen als Schaufenstergesichter? Ein wenig schon. Aber nicht abgehoben. Nicht heiliger. Nichts Besonderes. Aber – was dann?
Am Allerheiligenfest geraten die Auserwählten Gottes, die schon vollendet sind, in den Blick. Sie sind im himmlischen Jerusalem. Um das zu verstehen, muss man das irdische Jerusalem sehen: Christen denken Auserwählung, wie könnte es anders sein, von der Auserwählung Israels her: „Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. (Jes 42,1)
Diese Worte gehören zur Karfreitagsliturgie. Jesaja sieht im auserwählten Gottesknecht das Volk der Kinder Abrahams. Ihre Erwählung ist kein Selbstzweck: Gottes Geist liegt auf diesem Volk. Es soll damit allen Völkern anzeigen, wozu Gott die Menschheit ruft: In das gleiche Recht für alle, in eine allgemeine Aufrichtung derer, die wie ein Docht zu verglimmen drohen. Das ist ein universaler Anspruch. Der tut anderen weh. Er macht sogar wütend. Der Zusammenhalt der Juden, der mit ihrer Auserwählung zu tun hat, ruft Verfolger auf den Plan. Der November weckt schaurige Erinnerungen der jüngsten Geschichte. Auserwählung ist eben nicht einfach eine schöne Sache. Sie ist auch eine Last: Längst nicht jeder will sich von Gott durch sein auserwähltes Volk Richtung und Ziel seines Lebens anzeigen lassen - den großen Frieden, der in Jerusalem einst aufgerichtet werden wird.
Der Jesaja-Text wird an Karfreitag gelesen: Christen sehen in Jesus den erwählten Gottesknecht in Person. In seiner Kreuzigung hat sich die „Idee“ Gottes buchstäblich totgelaufen. Der Auserwählte wird von der wütenden, blinden Masse geschunden, damit man an ihm nichts Menschliches, nichts Ansprechendes, sprich: nicht mehr den Anspruch Gottes findet.
Doch dieser Auserwählte bleibt seinem Amt treu: Menschensohn zu sein auch für d i e Menschen, die ihn vernichten. Und er bleibt Gott treu. Und dies „für euch und für alle“. Und darum hat Gott ihn „für euch und für alle“ auferweckt.
Der Auferweckte erwählt aus den Menschen solche, die diesen Friedensdienst weltwärts bringen. „Der Herr gebe dir den Frieden“ grüßen die Brüder und Schwestern des heiligen Franziskus ihre Mitmenschen. Papst Benedikt XVI. hat die ausgewählte Kraft von Assisi gerade wieder ins Spiel gebracht: Wenn wir schon auserwählte Heilige sind, dann, um über alle Grenzen der Religionen und Nationen hinweg zum Frieden anzustiften.