Sterben lassen
Der Machbarkeitswahn ist umfassend: Jetzt muss man sich auch noch selber wegmachen! So denke ich öfter, wenn ich von Bestattungsvorsorge lese oder Angehörige berate, die mit einem ausgefeilten Programm für die Gottesdienstfeier beim Begräbnis der Mutter oder des Onkels kommen: Er hat es genau geplant; sogar die Musik ist vorgeschrieben. Auch die so wichtige Betreuungsverfügung für den Fall schwerer Krankheit kommt in den falschen Geruch, darin könne man festlegen, wie man sterben will. Zum schrecklichen Ende schließlich wird mit dem Sterben ein Geschäft gemacht: Die Illusion, der Verzweiflung über das Unverfügbare im eigenen Sterben könne man durch Selbstmord entgehen, treibt jene, die es sich leisten können, der Schweizer Firma Dignitas in die Arme: Sterben als Luxus für alle die es sich leisten können.
Friedlich ist das alles ganz und gar nicht. Bei allem Verständnis für die Angst vor Qual und Schmerz, vor Demütigung durch Gebrechlichkeit und der Aussicht, jahrelang in einem Rollstuhl vegetieren zu müssen: Traut man denn dem Leben gar nichts mehr zu? Und auch bei allem Respekt vor den Wünschen derer, die sich ihr Grab, das Leichenhemd und den Text für die Todesanzeige selber gestalten: Ist denn gar kein Zutrauen mehr da zu den eigenen Kindern, den Enkeln oder – ja! - zur Kirche?
Friedlich wäre, sich sterben lassen zu können. Franziskus nennt ihn „Bruder“, weil Gott selber unseren Tod gestorben ist: Jesus hat ihn vom Feind zum Freund verwandelt. Seitdem ist der Tod das Tor zum Leben. Wie ich auf dieses Tor zuschreite und was ich darin zu ertragen habe, liegt nicht in meiner Hand. Frieden kehrt in uns ein und strahlt aus unserem Innersten in die Welt hinaus, wenn wir unser Sterben bejahen: Nicht als Schicksal, sondern als unverwechselbaren Ausdruck unseres Lebens, das ohne unser Sterben schlichtweg nicht denkbar ist.
Sich sterben lassen: Gelassen den Lebensbogen sich dem Ende zuneigen lassen. Ob einer mit sechs Wochen stirbt, mit dreißig Jahren, als junge Mutter oder uralter Großvater: Jeder Tod ist seit Jesu Tod am Kreuz der Ernstfall der Nachfolge. Kein Mensch mehr stirbt ins Leere, jeder stirbt ins Sterben Jesu hinein. Und erwacht in Seiner Auferstehung.
Sterben ist Begegnung. Sie führt zur Erkenntnis der Wahrheit über das eigene Leben durch den Blick dessen, der „die Wahrheit“ in Person ist. Er durchschaut auch jene Wirklichkeiten, die wir ein Leben lang verdrängt haben. Sich sterben lassen in diese Begegnung hinein gibt die Kraft, das eigene Sterben weder zu verlängern noch zu beschleunigen. In Frieden stirbt, wer sich ganz persönlich zu sterben traut. Um mit ganzer Person aufzuerstehen glaubt.
Bruder Paulus