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Ein Plädoyer für mehr Ehrlichkeit
Ungeliebte Wahrheit


Es hat sich eine Sprach-, ja Lebenskultur etabliert, in der alles freundlich, verstehend, bejahend und am Ende wachsweich wegerklärt wird. Was gut und was böse ist – wer weiß das schon? Was ist das schon, Wahrheit?

Die Wahrheit ist gefährlich. Herrn Brunner hat sie das Leben gekostet. Jugendliche auf einem S-Bahnhof in München konnten nicht hören, dass ihre Angriffe auf andere junge Leute ungerecht sind. Da kam Herr Sarrazin glimpflicher davon. Er sagte verständlich, was andere hinter vorgehaltenen Statistiken schon lange flüstern. Ihm wurde ein Verantwortungsbereich entzogen.

Die Wahrheit hat es schwer. Und mit ihr alle, die für sie unterwegs sind. Der weiße Singvogel, der Apollon die Untreue seiner schwangeren Freundin Koronis hinterbrachte, wurde vom wütenden Freund kurzerhand in einen krächzenden Raben verwandelt. Eine alte Geschichte. Der Botschafter wird gepeinigt, weil man die Botschaft nicht hören will. “Was ist Wahrheit?” fragt Pilatus denn auch im so genannten Prozess gegen Jesus von Nazareth. Noch selbstsicher seiner Herrschaft, hört man ein “schon” mitschwingen: Was ist sie schon, die Wahrheit? Und mit einer einzigen Handbewegung hat er den ans Kreuz geliefert, dessen Wahrheit der politischen und der religiösen Macht seiner Zeit zu sehr hineinredete.

Die Wahrheit erleuchtet. Sie stellt bloß. Es gehört deswegen zu den Strategien aller Herrschaftsarten, sie zu verdunkeln. Und sei es ein Unternehmen, dessen Kunde man sein muss. Seit mindestens zwei Jahren hängt an den Gepäckförderbändern im Hauptbahnhof Würzburg wie an vielen anderen in der Republik die Mitteilung, diese würden “derzeit” einer Revision unterzogen. Die Schilder sind sehr fest angebracht. Man wusste wohl, dass dieses “derzeit” gelogen ist und sie lange würden hängen müssen. Immerhin hat einer seinem Ärger Luft gemacht. “Lügner” steht nun auf dem Schild im Würzburger Hauptbahnhof. Endlich trägt es nun ein wahres Wort.
“Hat sich bemüht” heißt: “war unfähig.”

Euphemismus nennt man euphemistisch eine Rede, die um den heißen Brei herum redet. Ein Ja heißt da eigentlich Nein. “Derzeit” soll besagen: “wir wissen nicht, wie lange.” “Hat sich bemüht” in einer Personalbeurteilung heißt: “war unfähig.” Lexika für Personalabteilungen berauben der Sprache ihrer Aufgabe und ihres einzigen Sinnes, nämlich Wahrheit zu vermitteln. “Es geht mir gut”, meint dann “eigentlich”, dass es mir nicht so gut geht. Mit einem “die Haushaltslage konsolidiert sich”, gibt es den ersten Hinweis, dass es zumindest nicht den Abgrund hinuntergeht.

Gewiss, Lüge und Schaumschlägerei würden bei Umfragen schlechte Werte erhalten. Trotzdem hat sich eine Sprach-, ja Lebenskultur etabliert, in der alles freundlich, verstehend, bejahend und am Ende wachsweich wegerklärt wird. Von falschem und richtigem Verhalten darf nicht mehr gesprochen werden. Was gut und was böse ist – wer weiß das schon? Eben – was ist das schon, Wahrheit? Und weil man es nicht so recht bestimmen kann, lässt man den anderen eben in Ruhe. Oder will in Ruhe gelassen werden.

Da werden offene Worte tatsächlich gefährlich. “Ich kann doch nicht meinem Chef sagen, dass er Alkoholiker ist!” Oder: “Wie ich mich im Büro verhalte, das geht Sie gar nichts an!” Oder: “Wenn ich meine Kinder hier in Deutschland nicht Deutsch lernen lasse, ist das meine Sache.” Und dann auch: “Das geht dich gar nichts an, was wir hier mit den Kids machen!”
Die Wahrheit ist ungeliebt, weil sie zum Nachdenken einlädt

Die Wahrheit, so viel Licht sie bringt, so ungeliebt ist sie. Sie ist unbequem, weil sie zum Nachdenken einlädt. In Frage stellt. Für unklar erklärt, was andere mühsam klar geredet haben. Sie ent-täuscht im buchstäblichen Sinne. Sie klärt darüber auf, dass man sich bis jetzt ein X für ein U vorgemacht hat. Oder, noch schlimmer, anderen.

Wenn wir es weiterbringen wollen in unserer Gesellschaft, müssen wir die Liebe zur Wahrheit fördern. “Euer Ja sei ein Ja, und euer Nein sei ein Nein!”, sagt die Wahrheit in Person, Jesus von Nazareth.

Solches Verhalten bringt dem Einzelnen oft mehr Schaden als Vorteil ein. Ihr die Ehre zu geben ist Ausdruck der Liebe, die sich nicht um den eigenen Vorteil kümmert. Es zeugt von der Hoffnung auf eine Gesellschaft, in der sich der eine nicht vor dem anderen verstecken muss. In der man nichts schönreden muss. In der es schön ungefährlich ist, auch die hässlichen Seiten menschlichen Lebens zu benennen. In der sich alle in der Freude über die Wahrheit verbinden. In der man keine Kraft mehr damit vergeudet, die Wahrheit zu vertuschen, sondern Kraft aus der Liebe zur Wahrheit schöpft und damit an einer offenen Gesellschaft mit zu bauen beginnt.

TheEuropean 16. Oktober 2009

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