Entspannung zulassen
Im Stress zu sein gehört zum guten Ton. Wir haben uns an die Leier vom ewigen Stress gewöhnt. Wenn einer sagt: Nein, im Stress bin ich nicht! reiben wir uns verwundert die Augen. Und denken: Vermutlich tut der nicht genug.
Terminkalender, Laptops und Handy’s werden wie Statussymbole herumgetragen. Keine Zugfahrt, kein Sitzen im Park ohne auf Zeitgenossen zu treffen, die geschäftig Termine und Telefonnummern eintippen oder telefonieren: Mama, in neun Minuten bin ich schon im Auto. Oder andere „wertvolle“ Informationen in die Welt blasen. Alles bewegt sich nach dem Motto: Ich bin gestresst, also bin ich. Dumm nur, dass wir uns ausgerechnet dort am besten Evangelisch eins werden.
Wer sich katholisch nennt, muss fast schon ergänzen: Ich bin Christ. Wer sich evangelisch nennt, fügt manchmal hinzu: Ich gehöre aber einer Freikirche an. So oder so – die wirklich wichtigen Kernbegriffe christlicher Spiritualität sind konfessionell geprägt.
Die Biographen des Heiligen Franziskus scheuten sich nicht, ihn evangelisch zu nennen. Mit diesem Adjektiv konnten sie natürlich noch keine Konfession verbinden. Die Reformation war ja erst dreihundert Jahre später. Sie meinten mit der Zuschreibung „evangelisch“: Franziskus war ganz vom Evangelium durchdrungen. In seiner Regel schreibt er: Wir wollen das Evangelium unseres Herrn Jesus Christus leben.
Das Evangelium allein sollte seine Lebensform sein. Evangelisch wollte er durch und durch sein. Ohne ethische Kraftanstrengung. In den Buchstaben der Frohen Botschaft deren Geist und Leben entdecken. Ohne jede Erklärung einfach tun, was im Evangelium steht. Das fasziniert bis heute Menschen aller Religionen. Franziskus macht ihnen Hoffnung für das Evangelium. Dass darin jene Stimme zu erkennen ist, die alle Menschen zur Vernunft bringt. Aber auch zueinander und zum Vater im Himmel.
Franziskus war katholisch evangelisch. Das ist nicht konfessionell gemeint. Sondern eher wie ein Hinweis auf die Demut des Franziskus. Ihm war klar: Das reine Evangelium gibt es nicht. Was es aber gab für ihn: Den Anfang der Verwirklichung der Vision Jesu, alle sollten eins sein (Joh 17,21). Und zwar schon auf Erden. Daher begab er sich zum Herrn Papst. Es war ein Gang der Vergewisserung. Evangelisch wollte er sein, aber nur im sozialen Netzwerk Kirche. Das hatte ihm das Evangelium schließlich überliefert.
Dem evangelischen Kirchentag Anfang Juni in Dresden könnte Franziskus einen sympathischen Hinweis als Katholik geben: Römisch-katholische Kirche, das ist Mühe um ein wahrhaft evangelisches Leben. Anders ausgedrückt: Was immer Katholiken auch gut finden, es hilft ihnen, dem Evangelium treu zu sein. Das wäre auch von Katholiken neu zu entdecken. Das Gebet um die Einheit der Christen bittet nicht um den Sieg einer Konfession, sondern um den Frieden. Die Einheit aller „Evangelischen“ würde ihn mächtig bezeugen.
Br. Paulus Terwitte