Müsste man die Bibel neu schreiben, würde es am Anfang sicher heißen: Und Gott setzte eine Internet-Suchmaschine in die Mitte des Paradieses. Dann befahl er, dass niemand sich ihrer bedienen dürfe, um die Welt zu erforschen. Daran wären Byte und Engine – wären das die neuen Namen für Adam und Eva? – sicher gescheitert. Der weitere Verlauf der Geschichte würde zeigen, warum sie das Paradies verlieren: Sie können der Versuchung nicht widerstehen, mehr wissen zu wollen, als sie zu fassen vermögen; mehr entdecken zu wollen, als sie verarbeiten können; mehr Menschen ihre Freunde nennen, als sie Freundschaft leben können.
Dem würde der Fluch folgen: Von nun an soll nichts mehr geheim bleiben, was immer ihr im Internet speichert. Ich werde meine Engel im Gewand von Spährobotern aussenden, die auf geheimen Speicherplätzen alles lagern, was sie finden, um es dann, wann ich es will, unter die Leute zu bringen. Siehe, es wird keine Privatheit mehr geben.
Seit den Veröffentlichungen von Wikileaks steht nun auch in den Schlagzeilen, was unter allen Emails steht: *** Diese E-Mail ist allein für den bezeichneten Adressaten bestimmt. Sie kann vertrauliche Informationen enthalten, so dass jede Form der Kenntnisnahme, Veröffentlichung, Vervielfältigung und Weitergabe des Inhalts dieser E-Mail unzulässig ist. Wenn Sie diese E-Mail irrtümlich erhalten haben, informieren Sie bitte unverzüglich den Absender per E-Mail und löschen diese E-Mail von Ihrem Computer, ohne Kopien anzufertigen. Vielen Dank.***
Aus diesen Zeilen spricht netzweit die Hoffnung auf Treu und Glauben unter den Menschen. Technisch ist jederzeit alles, was im Internet einmal geschrieben wurde, wiederherstellbar und öffentlich zugänglich zu machen. Es kommt - wieder einmal – auf den Menschen an.
Franziskus schreibt - und man hört seine leidvolle Erfahrung mit den Brüdern aus seinen Zeilen - : Selig der Knecht, der seinen Bruder, wenn er weit von ihm entfernt ist, ebenso liebt und um ihn besorgt ist, als wenn er mit ihm zusammen wäre, und der nicht über ihn hinter seinem Rücken sagen würde, was er nicht in Liebe in seiner Gegenwart sagen könnte. (Erm 25)
Frieden wird, wenn wir die Tugend der Diskretion wieder entdecken. Etwas ein Geheimnis sein lassen können; und diskret über etwas hinweghören oder - sehen, was hör- oder sichtbar gemacht wurde eben nicht für unsere Sinne; einem das Mehrwissen gönnen können, diskret das eigene Wissen zurückhalten und mangelndes Wissen für weiterführende Fragen nutzen können; der Freundschaft ein Mehr an Tiefe zuzutrauen, anstatt sich der Hin-Klick-und-Weg-Klick-Sucht hinzugeben; und schließlich: Geduldig dem diskreten Weniger das göttliche Mehr entlocken können.
Br. Paulus Terwitte