Pax – Franziskanische Impulse zum Frieden
Allen Geschöpfen untertan
Zunächst klingt es nur unterwürfig, eines Menschen unwürdig: Franziskus wollte allen Geschöpfen untertan sein. Und er beschrieb die eine Art, unter den „Ungläubigen“ zu „wandeln“ so: Dass sie weder Zank noch Streit beginnen, sondern ‚um Gottes willen jeder menschlichen Kreatur‘ untertan sind und bekennen, dass sie Christen sind“ (Fragm II). Diese Aufforderung zu einer Haltung, die der Sonnensänger sich selber zueigen gemacht hatte, entspringt seiner evangelischen Inspiration. Er kann Gott nicht anders erkennen als den, der als der „Allerhöchste“ sich selbst erniedrigt hat in Jesus in der Krippe und am Kreuz.
Damit pflanzte er in seine Umwelt, in der Kirche und Kaiser um die Macht stritten, einen bleibenden Stein des Anstoßes ein. Bis heute erscheinen vielerorts franziskanische Menschen als Herolde einer anderen Art von Macht. Im gläubigen Wissen um die Gegenwart des Höchsten Gottes in allen Kreaturen streiten sie, fest in diesen Gott verwurzelt, für eine alternative Lebensordnung. Sie erinnern unermüdlich daran, dass es immer ein Unten gibt, wo Menschen sich obenauf fühlen. Dass es immer Arme gibt, solange sich Reich erdreisten, allein für sich zu sammeln. Dass es immer Stumme gibt, wo andere unaufhörlich reden.
Franziskus nimmt Maß am Gottessohn, der ganz gehorsam (Phil 2,8) war, gehorsam sogar bis zum Tod. Sich anderen Menschen gegenüber als wehrlos zu zeigen, gehorsam, ja untertan, ist für ihn keine buckelige Selbstaufgabe, sondern die Tat dessen, der frei in Gott ist. Wenn einem Gott alles ist, wie kann man dann befürchten, dominiert zu werden? Man hat einen Standpunkt, von dem aus man abwägen, beurteilen und alternative Handlungen entwickeln kann. Franziskus steht da als einer, der nach der Stimme Gottes sucht in den Widerfahrnissen des Lebens und von nichts zu befürchten braucht, in seiner Würde als Gotteskind beschädigt zu werden.
Gehorsam erweist sich auf diese Weise als eine Tugend, die von jeglicher Art Angst um das liebe Ich befreit. Sie gründet im Dreifaltigen Gott, den der Arme aus Assisi als lebendiges Beziehungsgeschehen glaubt: Der Vater ist dem Sohn ganz Ohr, der Sohn dem Vater, der Heilige Geist ist heilige Stimme, die zwischen Vater und Sohn die vollkommene überein-„stimmung“ bewirkt. Wer sich hineingenommen weiß in dieses aktive Gehorsamsgeschehen, wird selber ganz Ohr für das, was in den Tönen und Zwischentönen am Werk ist. Er wird zu einem Aufklärer der Wahrheit, zu einem Propheten erhellender Gottespräsenz.
Gehorsam verstehen wir franziskanischen Menschen deswegen als aktiven Beitrag zur Befriedung der Welt. Wo Lüge und Missstimmung herrschen, muss die Zwietracht durch ein deutliches Wort gelöst werden. Mir fällt auf, wie wenig konfliktbereit Christen geworden sind. Schöne Klänge und dufterfüllte Räume mögen fromme Gefühle wecken; mit der streitbaren Gehorsamskraft des Evangeliums hat das wenig zu tun. Ein herzlicher Streit über den richtigen Weg, ein starker Auftritt gegen verkrustete Beharrungsstrukturen in Kirche und Welt: Wer Gott und seinen Kreaturen gehorcht, kann nicht schweigen für den Frieden in der Welt!