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24. Dezember 2009 - Würzburger Tagblatt

„Da liegt es elend, nackt und bloß.“
Zur Geburt der Wertorientierung.

Als Neubürger der Stadt habe ich mich in den letzten Monaten geschämt. Würzburg begrüßte seine jungen Gäste mit einer lasziven Dame. Sie räkelt sich an der Jugendherberge in der Burkardstraße am Main über drei Stromkästen des Würzburger Energieversorgers. Die Botschaft war eindeutig. Sie sollte die vorbeirauschenden Autofahrer zu einer frivolen Auszeit verführen. Der Werbekunde, so die beauftragte Werbeagentur, war sei sehr zufrieden mit diesem Standort – gewesen, so muss man nun sagen. Wenige Tage vor Weihnachten sind zwei der drei Tafeln auf den Stromkästen vor der Jugendherberge abmontiert. Allerdings auf Veranlassung des Kunden hin, hieß es auf meine Nachfrage hin.

Dennoch: In der Stadt treffen die jugendlichen Gäste weiter auf die unfeine Dame auf diversen Flächen der Energie- und auch der Verkehrsbetriebe. In den zahlreichen Kirchen der Frankenmetropole wird ihnen der Luxus einer neuen Unschuld in der Welt Gottes durch so manche gar nicht prüde pralle Barockfigur verkündet. Im städtischen Straßenbild jedoch wispert ihnen die einschlägige Werbung zu, dass man den Luxus eines Lebens, das Ethik und Moral beachtend nicht schuldig werden will, getrost vergessen kann.

Das muss wohl eine erfolgreiche Kampagne sein. Der Kunde, dessen Unternehmen man sich scheut, Unterhaltungsbetrieb zu nennen, sei, so gab man mir bei einem Anruf im Sommer zu verstehen, ein ganz normaler Wirtschaftsfaktor. Im Unterton schwang mit, dass diese Wirklichkeit vielleicht noch nicht bis hinauf ins Käppele-Kloster gelangt sei. Immerhin: Auf meinen Anruf bei der Wirtschafts- und Touristikförderung hin, ob solche Art Werbung zu einer Stadt passe, die sich gern als touristischer Anziehungspunkt sieht, schrieb mir unser Oberbürgermeister. Er ist Vorsitzender des Aufsichtsrates der städtischen Energie- und Verkehrsbetriebe.  Auch für ihn sei die Fülle der einschlägigen Plakatierung an die Grenze des Zumutbaren gelangt.  

Es mag lukrativ sein, öffentliche Flächen wie die von Stromkästen und Straßenbahnhaltestellen an Werbekunden zu vermieten. Die Kassen sind ja überall klamm geworden. Auch ist wahr, dass wohl selten so viel Geld gemacht wird wie mit dem Appell an die niedrigen Gefühle. Wir erinnern uns an die Krokodilstränen der Finanzmenschen über die Gier der: Anderen. Über rotreizende Werbung im öffentlichen Raum auf städtischem Eigentum vor einer Jugendherberge und auf dem Marktplatz weinte lange Zeit niemand.
Dass wir unseren jugendlichen Besuchern ausgerechnet dieses Plakat als erstes ins Auge fallen ließen, wenn sie an der Jugendherberge aus dem Bus stiegen, und das ihnen in der Stadt immer noch begegnet, lässt mich in diesem Jahr besonders gern singen: „Da liegt es: elend, nackt und bloß“ – nämlich das, was unserer Gesellschaft fehlt: Ein Toleranzbegriff, der die Grundlagen der Toleranz verteidigt. Insofern könnte man auch vom Mut der Bürger in Würzburg sprechen. Sie lassen es zu, dass ihre eigene, weil städtische Firma Werbeflächen so einschlägig vermietet. Auf ihnen kann verkauft werden, dass Begriffe wie Anstand oder Gemeinwohl auch im katholischen Frankenland schon längst stumpf geworden sind.

Vielleicht waren die in der Menschheitsgeschichte auch noch nie sehr scharf. Keine Geschichte, die der Residenz nicht und die der Marienkirche nicht oder, um ein drittes Beispiel zu nennen, auch die von uns Kapuzinern nicht ist frei von pikanten Details. Der Unterschied könnte allerdings sein: Man war sich der Möglichkeit bewusst, ein Sünder zu sein. Bekannte seine Schuld. Bat um Vergebung. Manches Heiligtum in der Stadt wurde deswegen errichtet: Um Buße zu tun – was immer das dann auch wieder nach sich gezogen haben mochte. Heute dagegen wird das feste Bekenntnis gefordert, man müsse alles aushalten und ertragen. Aus jeder noch so unappetitlichen Sache wird so ein Beweisstück von Toleranz.

Ob Einzel- oder Doppelkabine „400 m rechts“, Hinterzimmer der Politik, Absprachezirkel der Börsenwelt oder Flüsterwelten auf kirchlicher Flure: Es gibt Grenzen der Toleranz. Der da „elend, nackt und bloß“ in einem Krippelein liegt, wird in späteren Jahren nach dem Zeugnis, das durch Kilian, Totnan und Kolonat auch bis Würzburg drang, nicht einer sein, dem alles egal ist. Der holde „Knabe im lockigen Haar“ wird als Erwachsener die Peitsche im Tempel schwingen. Die religiös Verantwortlichen seiner Zeit heißt er „getünchte Gräber“, den politisch verantwortlichen Herodes nennt er „Fuchs.“

Die Kirchtürme unserer Stadt wachsen aus der armen Krippe in den Himmel hinauf und setzen eine evangelische Duftmarke: Es gibt unumstößliche Werte. Der Mensch muss sie beachten, ob er darauf Lust hat oder nicht. Verweigert er das, gerät er außer Form, verliert seine Heimat und macht andern das Leben zur Hölle. Und, nebenbei gesagt, letzten Endes sich selber auch.
An Weihnachten  sollte er wieder eine Chance bekommen, uns in Bewegung zu bringen. Die stillen Tage zwischen den Jahren müssen uns zur Besinnung bringen, was wir in unserem privaten wie geschäftlichen Alltag zulassen oder anpacken, verweigern oder bekämpfen wollen. Das menschliche Herz braucht solche Tiefbohrungen in die Mitte unserer Existenz. An den festlichen Tagen wird uns dafür etwas Besonderes angeboten. Es soll nicht deswegen anders oder besser mit uns werden, weil uns Böses droht. Die Angst ist kein nachhaltiger Lehrmeister. Das magere Ergebnis des Weltklimagipfels in Kopenhagen beweist das einmal mehr.

Nachhaltiger ist die Einsicht, dass Freiheit meint, Grenzen zu wahren. Die Werteordnung, die sie zieht, wird nicht autoritär befohlen. Sich an ihr zu orientieren hat nichts mit Unterwürfigkeit zu tun. Sie will jedem aufgehen als Grundgerüst des Menschlichen. Und genau hier beginnt der weihnachtliche Wunderweg Gottes mit uns. Er will, o Wunder, nichts lieber als dass die Werteordnung aus uns geboren wird.

„Elend, nackt und bloß“ legt Gott sich selber dem Menschen zu Füßen. Vor dem Kind von Betlehem soll es zu einer spontanen Herzensbewegung kommen. Es soll uns vor den vielgestaltigen Krippendarstellungen ein herzliches „Niemals“ entfahren. Etwa so: „Niemals“ könnten wir dieses Kind nehmen und mit ihm unsere Geschäfte machen. „Niemals“ würden wir es nur nach Lust und Laune versorgen. „Niemals“ würden wir es billiger Anmache aussetzen.
Deswegen müssen wir unsere jungen Besucher anders willkommen heißen. Auf den Stromkästen und an Verkehrshaltestellen leuchtet ihnen nur das erbärmliche Buckeln einer feigen Erwachsenenwelt vor den Zwängen einer Wirtschaft der primitiven Gefühle entgegen. Eine tragende Werteordnung wird vor solchen Bildern nicht geboren. Was uns und unsere Kinder zu einem ethischen Weltbürgersein verhilft, liegt vielmehr „elend, nackt und bloß“ in einem Krippelein. Es zielt nicht rotgrell auf die Wallung der Hormone. Es will auch nichts an uns verdienen. Es will die Werteordnung durch uns gebären. Seine Logik: Gott macht sich bedürftig. Und wir wollen nicht mehr jeden Gewinn. Gott zieht sich aus. Und wir lernen Scham. Gott bindet sich an unsere Grenzen. Und wir entfalten uns darin.

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Busparkplatz vor der Jugendherberge in Würzburg. Bis vor acht Tagen war die Werbung, von der im Artikel die Rede ist, noch sichtbar.




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