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14. März 2010 - Osnabrücker Zeitung - Jein, ich will - vielleicht ...

In der Verlagsgruppe Bistumspresse Osnabrück erschien am 14. März 2010 dieser Artikel, zu dem auch die Erfahrung von Bruder Paulus nachgefragt wurde

Jein, ich will – vielleicht ...
Sich zu schnell für einen Lebensentwurf zu entscheiden, ist ein Problem.
Ein anderes ist es, wenn man sich gar nicht entscheiden kann.
Von Kathrin Linnemann

„Jede Entscheidung ist ein Massenmord an Möglichkeiten“, sagt ein modernes Sprichwort.  Entsprechend schwer fällt es Menschen heute, für eine Entscheidung auf alle Alternativen zu verzichten. Das gilt für Ehen genauso wie für geistige Berufungen.

Ein beliebiger Bahnhof in Deutschland an einem Sonntag-nachmittag: Rollkoffer klackern durch Menschenmassen, junge Leute mit schwerem Rucksack hasten den Bahnsteig hinauf, um ihren Anschlusszug zu erwischen. Für viele gehört das Bahnhofsgetümmel zum Sonntag wie der Gottesdienstbesuch am Morgen und der Tatort am Abend. Das heutige Arbeitsleben verlangt Flexibilität – Umzüge werden so selbstverständlich. Nur: Menschen kann man nicht so einfach mitnehmen wie die CD-Sammlung und den Kleiderschrank. So findet sich die Arbeit an einem Ort, Freunde an einem anderen, Partner oder Partnerin oft auch. 

Teure Bahnfahrten, Telefonate anstelle von Gesprächen am Küchentisch – „Heute kostet es eine Menge Anstrengung, sich zu binden,“ sagt der 28-jährige Jochen aus Hamburg. Er ist im vergangenen Jahr fünfmal umgezogen. Jochen ist Single. Seine letzte längere Beziehung ist an der Distanz Deutschland – Spanien gescheitert.

Erfreuliche Freiheiten mit Schattenseiten

Die Menschen heute können sich über viele Freiheiten freuen. Wer als Sohn eines Handwerkers geboren wird, ist nicht verpflichtet, als Erwachsener den väterlichen Betrieb zu übernehmen. Wer mit 40 nicht verheiratet ist, erntet keine kritischen Blicke der Dorfgemeinschaft. Wenn sich jemand neu verwirklichen möchte, bitte, nur zu.

Doch die Freiheiten haben Schattenseiten. Sie kehren zum einen als Ansprüche zurück: Ich kann meinen Wohnort wechseln, also wird das auch erwartet. Zum anderen lässt die Freiheit etwas vermissen, was dem Menschen Halt gibt: Beständigkeit – zu wissen, wer man ist und wohin man gehört. Das hat Folgen: Menschen fällt es zunehmend schwer, sich für einen Lebensentwurf zu entscheiden.

Sämtliche christliche Lebensentwürfe beruhen dagegen auf einer unwiderruflichen Entscheidung. Die Priesterweihe lässt sich nicht rückgängig machen, ein Eheversprechen bindet bis zum Tod und auch das Ordensgelübde soll ein Leben lang tragen. Dass aber eine solche Entscheidung schwer fällt, zeigen nicht zuletzt Statistiken.

Bruder Paulus Terwitte erlebt das immer wieder, wenn er auf Menschen trifft, die das Leben im Kapuzinerkloster kennen lernen wollen. „An uns wenden sich immer wieder Menschen, die schon drei, fünf Lebensentscheidungen hinter sich haben“, erzählt er.

Ein psychischer Marathonlauf

Junge Leute um die 20 hingegen kommen kaum ins Kloster: „Sie haben Angst, dass sie sich durch das Kloster ihr Leben kaputt machen“, mutmaßt Bruder Paulus. Denn: Eine Entscheidung für etwas impliziert den Verzicht auf unzählige andere Möglichkeiten. „Wir haben als Ordensgemeinschaft das gleiche Problem wie Frauen, die einen Mann suchen, der bereit ist, Verantwortung zu übernehmen“, sagt der Kapuziner.

In Zeiten, wo längst nicht mehr die Eltern oder die sozialen Umstände diktieren, welchen Weg jemand einschlägt, ist der Einzelne allein für sein Leben verantwortlich. Und damit auch für das Gelingen seines Lebens. „Ich habe Angst davor, mich falsch zu entscheiden und mein Leben zu vermasseln,“ sagt die 26-jährige Maria. Ob Ordensleben oder Ehe, sie könnte sich beides vorstellen – und kann sich für keines von beiden entscheiden.

Die Franziskanerin Katharina Kluitmann beschäftigt sich intensiv mit Entscheidungsprozessen. In der Beratungsstelle für Menschen im Dienst der Kirche im Bistum Münster begegnet sie Menschen, die nach ihrem Platz im Leben suchen. Sie beschreibt die Schwierigkeiten mit einem Bild: „Die meisten von uns sind mit ihren Beinen fähig, zur Arbeit zu gehen, ab und an mal zu joggen. Aber nicht alle sind körperlich dazu im Stande, einen Marathon zu laufen. Die Vielfalt an Möglichkeiten heutzutage jedoch erfordert, dass wir psychisch alle Marathonläufer sind.“ Gleichzeitig ist die Ordensfrau und promovierte Psychologin überzeugt: „Es entlastet ungemein, eine Lebensentscheidung zu treffen.“

Eine Entscheidung ist kein einmaliges Ereignis

Diese Erfahrung hat auch Schwester Barbara gemacht. Vor drei Jahren ist die heute 32-Jährige bei den Steyler Missionarinnen eingetreten. Der Entschluss dazu ist lange gereift. Mit 20 fragte sie sich erstmals, ob das Ordensleben etwas für sie sein könnte. Mit 23 lebte sie als Missionarin auf Zeit ein Jahr lang bei Schwestern in Argentinien. Und war wenig begeistert. „Es war sehr wenig an Gemeinschaftsleben vorhanden“, schildert sie. Wenn das Gemeinschaft sein sollte – dann doch lieber ohne sie. Vier Jahre später merkte Barbara bei Exerzitien, dass sie lediglich das argentinische Beispiel abgeschreckt hat. Auch wenn sie lange von einer großen Familie geträumt hatte, so zog es sie immer mehr zum Ordensleben hin. Im Gebet und in vielen Gesprächen verfestigte sich der Entschluss. Also trat sie ein.

Eine Entscheidung ist kein einmaliges Ereignis. „Die Zahl der Frauen, die einen Orden wieder verlässt, ist prozentual ähnlich hoch wie die Zahl der Ehescheidungen“, sagt Schwester Katharina Kluitmann, die sich in ihrer Doktorarbeit mit der Situation junger Ordensfrauen beschäftigt hat. Schwester Barbara hilft die Gewissheit, ihre Entscheidung damals gut reflektiert zu haben.

„Ich muss nicht alles erlebt haben“

Auch Markus Schäfer ist jemand, der eine Entscheidung getroffen hat, zu der er steht. Der 43-Jährige ist glücklich verheirateter Familienvater. Als er seine Frau bei einem Umzug zufällig kennenlernte, hatte er schon das Gefühl: „Die ist es.“ Der Eindruck verfestigte sich. Inzwischen erwarten sie ihr zweites Kind.
Solch ein „Das ist es“ wünschen sich die meisten Menschen, die einen Partner suchen. „Bei sämtlichen Beziehungen, die ich hatte, blieb ein Zweifel“, sagt Jochen. „War‘s das schon?, habe ich mich gefragt. Obwohl ich eine schöne Beziehung hatte, habe ich weiter gesucht.“

Dass es den einen relativ leicht fällt, sich zu entscheiden, anderen kaum, liegt auch an unterschiedlichen Persönlichkeitsstilen, wie Schwester Katharina erklärt. „So fällt es einer sehr auf Sicherheit bedachten Persönlichkeit schwerer, das Wagnis einer Beziehung einzugehen.“ Was ein Mensch tun kann, um seine Zweifel zu überwinden und sich zu entscheiden, dafür gibt es laut Schwester Katharina kein Patentrezept.

Um mit der Vielfalt der Möglichkeiten wenigstens gelassener  umzugehen, empfiehlt Bruder Paulus, eine neue Bescheidenheit zu lernen: „Ich muss nicht alles erlebt haben.“ Und er fügt hinzu: „Die Fülle des Lebens kann ohnehin Gott allein schenken.“ Doch was wird aus dem Kopfkino? Den vielen „Was wäre, wenn...“? Und der Frage danach, ob man sich wirklich sicher sein kann?
Wichtige Fragen, die aber nach Ansicht von Bruder Paulus nicht zielführend sind. „Ob einer zu mir passt, weiß ich nie richtig, wohl aber, ob ich zu ihm passen will.“ Zwei Personen müssten nicht in allen Punkten übereinstimmen, um glücklich zu werden. Und auch ein schweigsamer Mensch hätte schon in einem Predigerorden seinen Platz gefunden. Doch dafür müsse man sich von allzu genauen Zukunftsvorstellungen verabschieden.

Bruder Paulus bedauert: „Wir trauen uns nicht zu, dass die Liebe uns wirklich verwandeln kann.“

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