Exklusiv-Interview. Im Rahmen des Symposiums "Feines Essen - Trinken'' hat Bruder Paulus einen Vortrag zum Thema Werte gehalten.
Man bezeichnet ihn als "Manager des lieben Gottes", als "modernen Visionär'' und als ''Online-Pfarrer".
Im Rahmen des Symposiums ''Feines Essen + Trinken" hat Bruder Paulus einen vielbeachteten Vortrag zum Thema "Nur wer wahren Werten folgt, schafft Waren, die ihr Geld wert sind" gehalten.
Im Anschluss daran hat Die Handelszeitung das folgende Gespräch geführt.
Die Handelszeitung: Konsum heute, wie ist das Spannungsfeld zwischen Genuss und Askese zu bewältigen?
Bruder Paulus: Ich glaube, dass die Menschen wieder lernen müssen, dass Konsum eine Art Zeichenhandlung darstellt für einen Himmel, der sowieso in uns ist. Ich will damit sagen: Nur wer nicht mehr an den Himmel glaubt, der muss fressen, bis er umfällt. Der Heilige Paulus hat ja schon gesagt: "Wenn Christus nicht auferstanden ist, dann lasst uns fressen und saufen, denn morgen sind wir tot." Das ist aber letztlich nicht das. was Konsum ist. Auch wenn viele Menschen glaubenslos, ethiklos, wesenlos konsumieren. Man muss nur einmal schauen, was sie in sich hineinschlingen. Man muss wieder lernen: Askese ist der Weg, richtig zu konsumieren. Und das bedeutet: kultivierter Konsum. Askese ist also die Kultur des Konsums. Bei einem Essen zu sitzen und nicht alles in sich hineinzuschaufeln. Besser ist es, einmal hier, einmal da zu kosten und zu wissen: Das vermittelt mir die Erfahrung einer Fülle, die schon in mir ist, die ich also nicht in mich hineinfressen muss.
Die Handelszeitung: Man identifiziert Zielgruppen für Marketingaktivitäten. Menschen verhalten sich heute aber immer unabhängiger von tradierten Klischees. Laufen Menschen aus dem Ruder ihres früheren Verhaltenskanons?
Bruder Paulus: Ich glaube, dass es tatsächlich einen Versuch gibt. den Menschen maschinengesteuert durchs Leben laufen zu lassen. Das heißt also, er bekommt Vorgaben, an denen er sich orientieren muss. Genau dazu passt, dass man diesen Vorgaben den ganzen Tag über entspricht: erst am Abend gönnt man sich dann sein Mensch-Sein. Eine entfremdete Arbeit, die Entfremdung des Menschen von den Produktionsmitteln, das ist quälende Realität. Genau das müssen die Menschen wieder in den Griff bekommen. So freue ich mich über alle Betriebe, in denen man den Mitarbeitern Qualität bietet, auch in den Kantinen, in denen Chefköche arbeiten. Menschen passen sich viel zu viel den sogenannten "Erfordernissen" an. Dabei haben sie eine große Kraft in sich, das nicht mitzumachen.
Die Handelszeitung: Unangepasstheit ist also wieder gefragt?
Bruder Paulus: Sicher. Es ist ein neues, alternatives Leben gefragt. Früher war man alternativ, wenn man sich an nichts gehalten hat. Heute wird man alternativ, wenn man sich endlich wieder an etwas hält, was nicht andere mir vorschreiben, sondern was in meinem Herzen an Leitlinien festgeschrieben steht.
Die Handelszeitung: Vor fast 40 Jahren hat der Club of Rome "Die Grenzen des Wachstums"' diagnostiziert. Sind diese Grenzen jetzt erreicht oder gar schon überschritten? Ist die derzeitige Krise dafür ein Indiz?
Bruder Paulus: Ich glaube ja. Die Grenzen des Wachstums sind erreicht, wobei man klarstellen muss: Es sind nicht eigentlich die Grenzen des Wachstums, es sind die Grenzen einer alten Form von Wachstum erreicht. Vor 20 Jahren konnte man schon - das weiß ich aus guten Quellen - das 3-Liter-Auto bauen. Es wurde aber aus strategischen Gründen nicht auf den Markt gebracht.
Was jetzt passiert, ist letztlich der Sieg einer ökologischen Vernunft, die ein Wachstum in Gang bringt, das einen ganz anderen Markt erschließen wird. Man muss ganz deutlich sehen: Wir brauchen einfach neue Produkte wie beispielsweise alles das, was mit Gesundheit und Krankheit zusammenhängt. Noch nie ist so viel Geld für den Bereich Gesundheit ausgegeben worden, trotzdem bricht das ganze Gesundheitssystem fast zusammen.
Die Handelszeitung: Wobei wir in Zukunft weniger für Produkte als für Dienstleistungen bezahlen werden. Deckungsbeiträge werden ja nicht notwendigerweise aus der Herstellung von Industrieprodukten generiert, sondern aus der Bezahlung von menschlichen Dienstleistungen.
Bruder Paulus: So ist es. Beispielsweise in der Schweiz haben Krankenschwestern eine ordentliche Bezahlung erstritten. Bei uns gibt es dagegen noch immer unheilvolle Traditionen hinsichtlich der schlechten Bezahlung wichtiger Kräfte. Das muss ganz neu gedacht werden, da stehen wir ganz am Anfang, ein neues Wachstum zu generieren. Und ich sehe auch, dass es, angesichts von Millionen von Anal-phabeten, noch unglaublich viele Bildungswachstumssektoren gibt.
Die Handelszeitung: Sie brechen daher eine Lanze für den Greißler ums Eck.
Bruder Paulus: Richtig. Denn genau dort findet Dienstleistung in Form von Beratung statt. Ein guter Verkäufer ist der Ratgeber seiner Kunden, im Gegensatz zum Bankensektor, wo man die provisionsorientierte Bezahlung forciert hat. Genau das hat ja die Banken kaputt gemacht, weil nämlich die Bankberater nur so beraten haben, dass sie eine Provision bekommen, und nicht so, dass sie dem Kunden nützen. Damit ist es zu dieser unglaublichen Vertrauenskrise gekommen.
Danke für das Gespräch.
Quelle: Dr. Georg Strzyzowski, Handelszeitung Wien, 10. Juli 2009