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10. Dezember 2009 - Querdenker Magazin

Ich bekenne
Führung mit ethischen Grundsätzen


Heike war platt. „Wenn das für dich so ist: Für mich ist es anders.“ Sie fühlte sich von Susanne abgespeist. Die jedoch fühlte sich im Recht. „Heute kann doch jeder denken, was er will.“ Soweit diese kleine Szene. Wahr ist wohl: Die Wertewelt ist unübersichtlich geworden. Jeder fühlt sich frei, über Gut und Böse, richtig und falsch selber entscheiden zu können. Statt gemeinsam nach den Werten zu suchen, lässt man sich gegenseitig in Ruhe. In Frage stellen gilt nicht. Statt engagierter Diskussion über Wertefragen langweilige Floskeln. Ende der Debatte. Und weil es nicht anders geht: „Lasst uns abstimmen.“
Solche Art von Demokratie – die den Namen nicht verdient – und solche Art von Freiheit, in der jeder wie sein eigener Gott erscheint, erstickt jeden kreativen Prozess. Denn Freiheit ist nicht die pure Unabhängigkeit. Wer Freiheit falsch versteht, hängt sich ab. Zerstört die Zusammenhänge. Kommunikation misslingt. Die Sonne einer neuen, freien und schönen Welt geht eben nicht auf, wenn jeder nach seiner eigenen Façon Sinn und Glück bestimmt, Wert und Unwert, Recht und Norm. Dann lebt zwar jeder auf seiner eigenen Insel. Um ihn herum bleibt es aber dunkel.

Menschen in dieser Lebenshaltung wollen vor allem und zuerst sich selber gefallen. Die anderen werden mit allerlei Verrenkungen zu Claqueuren gemacht: In Frage stellen dürfen sie den Vortänzer nicht. Strebten fromme Menschen früher – vielleicht übertrieben – nach Vollkommenheit, um Gott zu gefallen, kann man vielerorts eine gnadenlose Gefallsucht von Mitmenschen sich selbst gegenüber finden. Und alles, was nicht gefällt, wird weggemacht, rausgeworfen, fallengelassen oder, im Extremfall, weggetrunken, -gekifft oder gar –geknallt. Mich wundert nicht, wenn immer mehr Menschen ihr Leben als Kampf sehen, der sie bis zur Erschöpfung beansprucht.
Solcher und vieler anderer Art Egoismus wird mit Recht beklagt. Aus ihn heraus führt ein neues Anspruchsdenken. Man achte auf die doppelte Bedeutung des Wortes. Es geht um den Anspruch, den ich stelle. Und an den Anspruch, der an mich gestellt wird.

„Ich wird am Du“ benennt der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber die Grundlage menschlicher Existenz. Freiheit erwächst aus dem Dialog. Aus der Liebe eines Mannes und einer Frau wird das Kind. Es wird angesprochen und ins Vertrauen gezogen bei den Eltern und kann darin seinen Willen und damit seine Freiheit entwickeln. Der Anspruch der Eltern fordert das Kind heraus: Zu sprechen, zu laufen, zu lieben, zu verzeihen – und schließlich auch, Fertigkeit zu entwickeln und zu lernen auf den vertrauensvollen Verdacht hin, dass die Eltern es nicht ins Verderben führen werden.

Freiheit ist die Frucht des Vertrauens, dass der andere mir gut will, zumindest so gut, wie er sich selber sein will. Die Bibel macht daraus das bekannteste aller Gebote:  „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Lev 19.18)
Dabei ist „Liebe“ kein Gefühl. Damit ist der Entschluss gemeint, den Standpunkt der Selbstsucht zu verlassen. Wer liebt, verlässt seine Ego-Insel und hat Lust auf neue Sichtweisen, Baupläne und vor allem: Menschen.

Wer den Absprung nicht schafft, vervielfacht Angst, Egoismus, Einsamkeit und schließlich Krankheit. Anstelle des Menschen wird die Sache gesetzt. „Werden Sie mal sachlich,“ – wer so etwas sagen muss, weiß, dass er das Vertrauen verspielt hat. Viele Prozesse in Parteien, Unternehmen und mancherorts leider auch in der Kirche sind so leer an Liebe, Vertrauen und damit Freiheit, dass sich ein Klima des Wahns breitmacht:

•    Konkurrenzwahn: Alle erleben alle als Gegner.
•    Tabellenwahn: Nur was sich auflisten lässt, kommt vor.
•    Bilanzwahn: Es zählt nur noch, was unterm Strich steht.
•    Freizeitwahn: Die Arbeit ist Fluch, nur das „danach“ ist noch „Leben“
•    Oder der Verdienstwahn: Man ist, was man verdient.

So hilfreich es ist, wenn Prozesse rechnerisch dargestellt werden oder Strukturen mit Diagrammen erhellt werden: All das muss durch den Filter einer menschlichen Bewertung, die geleitet ist von dem Anspruch, es zum Wohl aller auszuwerten. So erst entsteht die kreative Atmosphäre, die den entscheidenden Schritt nach vorn ermöglicht. Die Lösung für das Neue kann nicht in den alten Zahlen stecken. Sie wird von denen ersonnen, die für Freude am Miteinander im Vorankommen haben.

Wer den Anspruch aus der Ethik bei sich gelten lässt, kann den Anspruch an andere richten. Aus vielen Egos wird kein Wir. Das Miteinander wächst erst, wenn die Werte klar sind, um derentwillen man die Selbstsucht aufgeben will. Es gehört zur Aufgabe der Führung, frei zu bekennen, für welche Werte sie einsteht und wie sie diese lebt. Wer führt, muss wissen, dass er nicht beliebig antworten kann auf die Frage, was wesentlich für uns Menschen ist. Wer führt, ist als erstes gefragt, den unbedingten Anspruch der Werte an sich heran zu lassen und dann zu bekennen, wofür er steht. Und worüber er niemals abstimmen lassen würde.

Um es praktisch zu machen: Da lädt die Geschäftsführung die Mitarbeiter zu einer Freizeit ein. Wohin? Nach Malle. Die Einladung wird mit eindeutigen Fotos verziert. Hier wird zumindest sehr undeutlich, wofür die Leitung steht. Eine Weihnachtsfeier, so heißt es in einer Einladung an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, stehe an. Man warte auf Vorschläge. Klar, dass sich die Wortführer melden und vorlaut bestimmen, unter dem Gejohle der Gruppe, dass man diesmal ein Gelage nach Riitertafelart möchte.

Ich bin selber sicher kein Kind von Traurigkeit. Aber es gibt viele Möglichkeiten, seine Leute kreativ herauszufordern und Freude und Gemeinsinn zu fördern, wenn, ja wenn die Führungsverantwortlichen bekennen können, dass es ihnen um mehr geht als Lust und Laune.

Führung ohne persönliches Bekenntnis, für was man steht, ist schlechterdings nicht möglich. Die Ahnengalerien in Unternehmen, der gepflegte Mitarbeiterbrief, die Kultur des Empfangens von neuen und der Verabschiedung oder Kündigung von langjährigen Mitarbeitern – das alles leisten sich Führungspersönlichkeiten, die ihr Unternehmen lieben, will sagen: Nicht für sich führen, sondern zum Wohle aller.

Ich plädiere deswegen dafür, auf den verschiedenen Ebenen von Unternehmen, aber auch in Parteien, Vereinen und auch Kirchen ein ethisches Auditing einzuführen. Wir müssen in Zeiten einer unübersichtlichen und gleich-gültigen Wertewelt neu mündig werden zum Bekenntnis für die Werte, auf die das Miteinander der Menschen in allen gesellschaftlichen Bereichen beruht. Sie sind das Fundament, das dem instinktreduzierten Wesen Mensch Halt gibt. Sie gebieten ihm auch Einhalt, wenn er sich anschickt zu tun, was zwar möglich ist, was er aber nicht darf, um der Werte willen. Wer sich dazu bekennt, führt mit einem Fundament, von dem aus sich kraftvoll starten lässt - wie eine Rakete, die den Widerstand des Untergrundes braucht, das sie nicht selber ist. Der Gläubige findet in diesem Fundament einen Schöpfer, der unbedingten Gehorsam fordert dem sittlichen Gesetz gegenüber. Philosophen sprechen von der universalen Geltung der Werte, die uns vorgegeben sind, fraglos gültig sind und deswegen Gehorsam fordern.

Werte sind nicht Privatsache. Die neue Qualität der Unternehmensführung bohrt tiefer. Sie wird zur Bekenntnis-Führung. Sie macht Lust, um das Gute, Wahre, Gerechte und Schöne zu ringen in den Aufgaben, die einem als Einzelner und im Miteinander gestellt sind. Die Mitarbeiter werden fähig, die Theorie zu verstehen, die hinter dem Handeln liegt. Es geht um Transparenz in einer Tiefendimension, die den Führenden zum Hirten macht, der den Schafen nichts erspart, aber sie zum Suchen nach den fetten Weiden anleitet, sie mutig korrigiert und ein ethisches Handwerkszeug vermittelt, mit dem sie gern Widerstände überwinden, Konflikte durcharbeiten und Lösungen finden, die für sie selber und das Unternehmen und die Gesellschaft erfolgreich sind und erfolgreich machen.

Querdenker Magazin 10.12.2009

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