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Mittel.Punkt November

Himmlisches Jerusalem: Hier ganz sein, weil dort alles gerichtet wird

Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen. Darum bekleidet euch mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde, Geduld! (Kol 3,12)

Bei den Worten des Apostels Paulus an die Kolosser zuckt man zusammen. „Auserwählt“? „Heilige“? Das hört sich elitär an. Zwar kann heute kaum noch etwas publiziert werden, ohne es „persönlich“ zu machen: Viele sind skeptisch, ob denn hinter dem Gezeigten wirklich der steckt, als der sich einer zeigt.Im November geraten vom Allerheiligenfest an bis zum letzten Tag des Kirchenjahres die Auserwählten Gottes in den Blick, die schon vollendet sind. Ihre Auserwählung wird mit dem himmlischen Jerusalem zusammengebracht. Um das zu verstehen, muss man wiederum das irdische Jerusalem sehen. Plausibel wird Auserwählung erst, wenn man von der Auserwählung Israels her denkt: Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Völkern das Recht. Er wird nicht müde und bricht nicht zusammen, bis er auf der Erde das Recht begründet hat. Auf sein Gesetz warten die Inseln. (Jes 42, 1-4).

Jesaja sieht im auserwählten Gottesknecht das Volk der Kinder Abrahams. Ihre Erwählung ist kein Selbstzweck: Gottes Geist liegt auf diesem Volk. Es soll damit allen Völkern anzeigen, wozu Gott die Menschheit ruft: In das gleiche Reicht für alle, in eine allgemeine Aufrichtung derer, die zu verglimmen drohen. Der universale Anspruch tut anderen weh. Er macht sie wütend. Der Zusammenhalt der Juden, der mit der Auserwählung zu tun hat, ruft Verfolger auf den Plan. Auserwählung ist eben nicht nur eine schöne Sache. Sie ist auch eine Last, die ertragen werden will. Längst nicht alle wollen sich von Gott durch sein Volk Richtung und Ziel ihres Lebens anzeigen lassen: Den großen Frieden, der in Jerusalem einst aufgerichtet werden wird.Den Jesaja-Text lesen wir Katholiken am Karfreitag: Wir sehen in Jesus den endzeitlichen erwählten Gottesknecht. Der Sohn Gottes soll als gehorsamer Gottesknecht alle Menschen zu Umkehr und Frieden anstiften. Doch in seiner Kreuzigung hat sich die „Idee“ Gottes buchstäblich totgelaufen. Der Gottesknecht hat seinen Dienst getan. Der Auserwählte wird von der wütenden, blinden Masse geschunden, damit man an ihm nichts Menschliches, nichts Ansprechendes, keinen Anspruch Gottes mehr findet.

Das Wunder, die Gnade, der Neuanfang: Jesus bleibt, von den Menschen verworfen, dem Amt seiner Auserwählung treu: Menschensohn zu sein auch  d e n  Menschen, die ihn vernichten. Er bleibt  mit   d e r   Menschheit in Frieden, die dem Ruf in den Frieden mit Gott nicht folgen will. Er bleibt auch Gott treu, und zwar für „euch und für alle“: Dazu war er gesandt. Dazu auserwählt. Dies trug er durch. Dabei blieb er. Und darum hat Gott ihn „für euch und für alle“ auferweckt.

Der Auferweckte beginnt flugs, das Neue Volk Gottes zu bilden: Der Auserwählte gibt Anteil an seiner Auserwählung, indem er auswählt: Er gründet die Kirche. Nun geeint im Blut Christi, nicht mehr Abrahams, im Wasser der Taufe, nicht im Wasser des Nil. Jesus gründet die Kirche der Gotterwählten. Der Jesusbekehrten. Der Heiliggeistbegeisterten. Solcher, die der Armut und Demut Jesu folgen wollen. Konkret. Sozial verbindlich. Mit Struktur. Immer bereit, sich immer wieder um Jesus zu sammeln, um sich stärken zu lassen für den Dienst solcherart Auserwählter: Die Welt zu heiligen, Christus nachzugehen, der uns vorausgeht in die Bankentürme, in die Politik, zu den Kranken und Obdachlosen. Die Kirche bringt nicht, wie man manchmal lesen kann, den Glauben zu den Menschen. Sie folge vielmehr Jesus nach, der alle Menschen in sein Volk sammeln will - wie Er will. Seine schon Auserwählten sendet er aus als Augenöffner, Ohrenheiler, Herzenserkenner.

Und dies nicht in jeder Beliebigkeit. Die größte Herausforderung der Auserwählten Gottes besteht heute darin, sich nicht in jedes zeitgeistige Geschwafel zu verlieren. Niemanden wehtun und allen Recht geben war Jesu Sache nicht. Um zwei Themen zu nennen, die mit dem Papstbesuch ständig in die Öffentlichkeit gezerrt werden: Zum einen Homosexualität. Sie ist unnatürlich und widerspricht dem Sinn gottgewollter sexueller Entfaltung. Gleichwohl: Wer davon betroffen ist, bleibt geliebtes Kind Gottes – ist das so schwer zu verstehen. Zum andern: Wer verheiratet ist und eine andere Frau, einen anderen Mann lüstern ansieht, sich im Internet mit Pornographie beschäftigt oder gar dauerhaft zu einer anderen Frau, einem anderen Mann zieht, begeht Ehebruch und lebt im Ehebruch. Ist das so schwer zu verstehen? Gleichwohl: Wer so handelt, und bereut mit dem Willen, sich zu ändern, erlangt als geliebtes Kind Gottes Verzeihung, und er hat das Recht im Fall von neuer Partnerschaft nach der Scheidung, barmherzig behandelt zu werden. Doch Achtung: Es muss da im Sinne Jesu auch gerecht zugehen: Der Partner/die Partnerin, die sitzengelassen wurde, darf nicht den Eindruck bekommen, da wird – ganz unchristlich – einfach so getan, als könne der/die andere einfach so in der Kirche weitermachen, als sei kein Ehebruch geschehen.

Irgendwann ist man dann beim Gericht. So sehr wir es im November Gott zu überlassen lernen, wie er mit seinen Auserwählten und mit denen umgeht, die er nicht erwählt hat – ebenso sind wir eingefordert, uns des Gerichtes Gottes zu vergewissern über unser Leben.

Alles in allem ein strenges Lebensprogramm für Gottes Auserwählte. Die Heiligen des Alltags, die einfach treu, entschieden, auf der Seite der Armen, mit Hingabe für die Gesellschaft und die Kirche lebten: Sie hofften auf das Wiederkommen des Herrn. Hier ganz sein, weil alles dort gerichtet wird: Ich wünsche eine gute Endzeit!


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