Du sollst nicht falsch umkehren
Man hatte sich neue Götter erwählt. (Ri 5,8)
Es scheint eine prophetische Zeit gekommen zu sein. Überall erschallt der Ruf nach Umkehr. Die Bischöfe sollen endlich umkehren. Oder – von dort – wird den Laien eine „echte“ Umkehr empfohlen. Die „rechten“ rufen die „linken“ Katholiken zum Sinneswandel, und ebenso eifrig natürlich ruft man vom anderen Ufer herüber. Auch die Schulpolitik braucht eine Umkehr, und in der Karriereplanung raten Berater zur doppelten Umkehr. Nicht zuletzt wird laut zur Umkehr in der Energiepolitik gerufen.
Fukushima jedoch hat eine falsche Umkehr bewirkt. Das tragische Erdbeben und der schreckliche Tsunami im März 2011 haben eine ganze Region in Japan getroffen. Die schweren Havarien bis hin zu Kernschmelzen in den Blöcken des Kernkraftwerkes verursachen einen Schock mit weitreichenden Folgen, die vermutlich schlimmer sein werden als die direkten Folgen des Unglücks im März. Nach der Aufregung recherchierten besonnene Journalisten: Es handelte sich in Fukushima um Reaktoren, die über 35 Jahre alt waren – zu alt, um sicher sein zu können. Sie hätten vor 10 Jahren abgeschaltet gehört. Zudem, so teilte mir ein Physiker mit, seien vorbereitete Verbesserungen in der Sicherheit der Reaktoren nicht abgerufen worden.
Nach Fukushima haben Regierungen kerntechnisch führender Länder, insbesondere die deutsche Bundesregierung, Umkehr geheuchelt. Ihre populistisch motivierten Schlussfolgerungen muten uns in Deutschland zwanzig Jahre nach der Wende aufs Neue politische Wendehälse zu. Alle reden jetzt pathetisch von Umkehr im Denken. Die Folge: Ein Aktionismus, der den globalen Problemen nicht gerecht wird und den Teufel mit dem Beelzebul austreibt. Leider hat sich da auch die Deutsche Bischofskonferenz zu vorschnellen Verlautbarungen hinreißen lassen, von denen man gern wüsste, ob sie mit fachwissenschaftlichen Laien abgestimmt wurden – und mit welchen.
Was Umkehr genannt wird, ist in Wirklichkeit ein Rückschritt. Zum Frieden mit der Schöpfung und unter den Menschen führt das nicht. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Christliche Umkehr ist etwas anderes. Sie lässt sich vom „Fürchte dich nicht“ locken. Sie ist nicht Frucht der Angst, sondern des Glaubens, etwa: Trotz unserer Fehler dürfen wir vertrauen, dass Gott uns Zukunft gibt. Wahre Umkehr ist Hinkehr, Hinkehr zum Guten, zur Zukunft, zu Gott. Angstfrei. Zuversichtlich. Mit Augenmaß. Und schon gar nicht von der Hybris erfüllt, man könne mit der sogenannten „Umkehr“ etwas ungeschehen machen.
Der gläubige Kopf ist gefragt. Als franziskanischer Mensch weiß ich: Was man auch tut – alles hängt in Gottes Schöpfung zusammen. Das Unglück von Japan etwa mahnt eine internationale Ordnung an, denn Kernreaktoren sind zwar Teile nationaler Energieversorgungssysteme, können aber im Störfall globale Auswirkungen entfalten. Diesem Dualismus muss künftige Kernenergiepolitik gerecht werden. Die Energieversorgung der Zukunft, ihre Sicherheit, die Überalterung vieler Reaktoren und die verantwortbare Lösung der Entsorgungsfrage bilden ein vernetztes Problembündel, das ganzheitliche Lösungen erfordert. Als Mitglied des Frankfurter Zukunftsrates habe ich durch entsprechende Thesen solche Lösungen mit angemahnt (siehe www.frankfurter-zukunftsrat.de).
Der wenig erleuchtete Aktionismus, der von einem Atomausstieg schwadroniert, ist blind und braucht geistlichen Beistand, damit er nicht vor Angst vor der Wahrheit den Demagogen in die Hände spielt. Dann würde man u.a. sehen: Ein isolierter vorzeitiger Totalausstieg führender Industrieländer verringert nicht, sondern erhöht wegen des damit verbundenen Know-How-Verlustes sehr wahrscheinlich die globalen Kernenergie-Risiken. Und wer jetzt mehr Kohlekraftwerke fordert, verschweigt, dass die Größenordnung von deren Folgeschäden denen von Kernkraftwerken vergleichbar ist.
Für alle Energieformen muss gelten, dass ihre Nutzung auch die Vorsorge für die Bewältigung ihrer Folgen beinhalten muss. Die Umkehr, die jetzt unter anderem „dran“ ist, ist zum Beispiel die Hinkehr zu einem gerechten Preis für Energie: Sie muss nämlich auch ihre Folgen kosten! Die Netzkosten etwa, die Wegekosten, die Endlagerungskosten – eine erleuchtete Umkehr, die diesen Namen verdient, würde es machen wie jeder gute Christ: In die Zukunft schauen. Ändern, was bis jetzt falsch lief. Opfer fordern. Einschränkung. Verzicht.
Hier wären wir als katholische Publizisten gefragt. Die schnelle Lösung, die präsentiert wird, untersuchen wir kritisch. Auf welchen Tatsachen beruhen Behauptungen in Wirtschaft und Politik? Wir sollten unser Netzwerk innerhalb unseres Verbandes nutzen und einander gern anrufen und anmailen, damit wir sachkundig und voller Hoffnung für die Menschen der Wahrheit die Ehre geben können. So werden wir beitragen zu einer Umkehr im Denken und Handeln, die diesen Namen auch verdient.
Br. Paulus Terwitte
Geistlicher Beirat der GKP