„Lobt ihn mit Pauken und Tanz, lobt ihn mit Flöten und Saitenspiel.“ Ps 150,4
Bewegung braucht Verankerung
Jedes Schwungbein braucht ein Standbein. Unter diesem Motto stand mein Vortrag, den ich jüngst zur Eröffnung des Internationalen Tanzlehrerkongresses (INTAKO) in Düsseldorf gehalten habe. Für die etwa 1300 Teilnehmer wünschten sich Initiatoren des Kongresses Impulse zu den Themenkreisen Wertschätzung, Toleranz und Verlässlichkeit im persönlichen und geschäftlichen Umgang miteinander.
Für solche Themen ist trotz aller Vertrauenskrise, von der in den Medien zu lesen ist, der Mann von der Kirche gefragt, die Frau, der Ordensmann, die geistliche Schwester. Nicht nur die Tanzlehrer wissen: Wer sich bewegen will, muss auf festem Grund stehen. Dieser Grund kann nicht hergestellt werden. Er ist vorgegeben. Er muss entdeckt werden.
Die Inspiration des heiligen Franziskus, sich vor allem und zuerst als Beschenkter zu verstehen, fasziniert unsere Mitmenschen. Darum kann Papst Benedikt XVI. wieder Vertreter aller Religionen nach Assisi einladen. So sehr man über Gott streiten kann: Über den Menschen ist sicher zu sagen, was Franziskus gelebt hat: Er ist Bettler. Ohne Mitmenschen, ohne Mitschöpfung und ohne seinen Schöpfer kann er nicht Mensch sein.
In Parteien und Verbänden wird danach gesucht, was sie in einem Orden, bei geistlichen Menschen, bei Christen, in der katholischen Kirche vermuten: Den Grund, beieinander zu bleiben, obwohl es täglich Gründe gibt, die Flinte ins Korn zu werfen. Bis in die Wirtschaft hinein ist die Fluchtgefahr gelangt. Auch dort fragt man sich nicht mehr nur, wie man Kunden binden kann, sondern auch Mitarbeiter, ja sogar auch Chefs.
Standpunkte, Standbeine, tragfähige Fundamente: Sie werden gesucht. Wer sie aber bekennt, wird verflucht. Oder, abgemilderter gesprochen: Wird belächelt. Treue steht nicht hoch im Kurs. Wer Priester bleibt, muss sich verteidigen; wer geht, dem muss mit Verständnis hinterher gerufen werden. Wer seinem Partner verzeiht und ihn trägt mit seinen Fehltritten, dem bleiben nur wenige Freunde. Als Lebemann, als Lebefrau sich geben bringt Segen. So jedenfalls scheint es aus allen Kanälen zu dröhnen.
Auf der Suche nach einem Standpunkt, der einem ein sicheres Standbein gibt, werden ungebrochen geistliche Menschen gesucht. Das Evangelium als Befreiung des Menschen von der Sucht, alles selber machen zu wollen, stößt auf offene Ohren. Auch wenn Kirche ständig mit Institution gleichgesetzt wird: Das Wanderleben der franziskanischen Brüder – siehe Assisi – ist überraschend aktuell. Und aktuell ist auch die katholische Kirche, die sich ja als wanderndes Gottesvolk versteht: Wer sich in Gott festmacht, wird beweglich in dieser Welt.
Vom Weggehen, Zusammengehen und Aufbrechen ist in der kirchlichen Landschaft allerorten zu hören. Das wird ja nicht heute erfunden. Auch wenn wir Ewigkeitswerte vertreten: Bauten, Strukturen, Gewohnheiten haben ihre je eigene Halbwertzeit. Selbst Kathedralen haben ihr Verfallsdatum, allen Anstrengungen teuerfinanzierter Dombauhütten zum Trotz.
Daher muss vom Standbein sprechen, wer das Schwungbein einsetzen will. Es verärgert mich, dass jede Rede von Geistlicher Erneuerung gleich verdächtigt wird, man wolle damit nur von den „eigentlichen“ Fragen ablenken und damit Veränderung verweigern. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Wer sich bewegen will, keine feste Fahrbahn unter den Füßen, tritt auf der Stelle – und sei es auf der Stelle einer gesellschaftlichen Kultur, die ständig produziert, was sie anschließend beklagt: Entsolidarisierung, Armut und Gesundheitsschädigung – um nur drei Beispiele zu nennen.
Die Veränderungen im Leben der Kirche oder eines Einzelnen sind für den Gottverankerten weniger eine Niederlage als ein Ruf in einen neuen Schwung. Als Katholiken denken wir, wenn wir von Untergang reden hören, an den Untergang Jesu, an die Taufe und die Firmung. Wir haben ja auf „die Welt“ verzichtet wenn wohl nicht bei unserer Taufe selbst, so doch ab dem Tag, als uns aufging, was Gott uns in diesem Sakrament schenkte: Dass Er uns einzig Alles ist. „Festverwurzelt in Christus, auf ihn gegründet“ (Kol 2,7 – Motto des Weltjugendtages 2011 in Madrid) bleiben wir in Bewegung.
Als katholischer Verband können wir gerade jetzt einer Kirche, die in vielen ihrer Glieder eher gelähmt erscheint, zu neuer Beweglichkeit verhelfen. Ich freue mich, mit einigen von Ihnen bei den Besinnungstagen buchstäblich unterwegs sein zu können. Klar, wir sind kein Tanzlehrerverband. Aber Standbein und Schwungbein zu kennen, darin sicher zu sein – das fordert auch uns heraus.
Ihr
Bruder Paulus