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Pontifex des Mitgefühls

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Franziskanische Sichtweisen auf den Beginn des Petrusdienstes des neuen Bischofs von Rom

Die Osterglocken werden in diesem Jahr nach Franziskus klingen. Sie erzählen Geschichten von dem Bischof von Rom, den die Herren Kardinäle, wie er auf der Loggia von St. Peter sagte, am Ende der Welt gefunden haben. Die Bilder und Anekdoten aus den ersten Tagen des Pontifikats von Papst Franziskus schmecken nach Auferstehung der Einfachheit in der Kirche. Die Sonntagsmesse in der Pfarrkirche des Vatikans mit anschließendem persönlichen Gruß an der Kirchentür, derTelefonanruf am Kiosk in Buenos Aires, um sein Zeitungsabonnement aufzukündigen, die Fußwaschung im Jugendgefängnis von Rom unter Ausschluss der Öffentlichkeit wie damals bei Jesusselbstim Abendmahlssaal: Hier tut einer, was Laien, Kleriker und Ordenschristen jahrein jahraus tun, nämlich ihrer Bestimmung entsprechendeinfach unter ihren Mitmenschen zu leben und so Zeugen des Evangeliums von der Zugewandtheit Gottes zu uns Menschen zu sein.

Das ist in den meisten Fällenunspektakulär, doch in diesem Fall erregt es Aufsehen. Versenkte sich Papst Benedikt XVI. ganz gehorsam in die Tradition der Kirche, weil er um die Lebensquellen dort wusste, ohne die die Kirche nicht sein kann, bis hin zur Wiederentdeckung der päpstlichen Pelzmütze, so nimmt Papst Franziskus auf seine Weise gehorsam das Spiel mit Zeichen auf, um die Wirksamkeit der lebendigen Quellen der Tradition in kleinen menschlichen Gesten zu bezeugen . Man wird beiden zuerst nicht Absicht unterstellen; beide Päpste sind besondere Charaktere und leben, was Gott ihnen an Möglichkeiten erschloss. Man wird beiden aber zugestehen, dass sie dem geheimnisvollen Plan Gottes entsprungen sind, der seiner Kirche in dieser Zeit mit den Ordensgründern Benedikt, Franziskus und – verborgen – Ignatius von Loyola den entscheidenden Hinweis gibt, dass nun Reformation gefragt ist für die Kirche und für die Welt, die ebenso wie die Kirche Gefahr läuft, sich nur noch um sich selber zu kümmern.

Franziskus von Assisi besingt das Stundengebet zum Festtag des heiligen Sonnensängers als den Weisen, der hervortrat wie die Sonne. Auch wenn es ganz dem hymnischen Denken des heiligen Bonaventura verpflichtet ist, bleibt doch von dem Armen aus Assisi zu sagen, dass er eine neue Orientierung in Glauben und Handeln unter die Christen brachte. Franziskus erfuhr den dreifaltigen Gott, in dem es kein Oben und Unten gibt; folgerichtig wollte er in seiner Brüderschaft keine Väter oder Patres, sondern nur Minister, also Diener der Brüder, und Guardiane, Wächter, die die Brüder schützen und sie gleichzeitig anleiten sollten, das Evangelium allezeit zu beobachten. Für ihn war es selbstverständlich, diese Inspiration nicht für sich zu behalten, sondern sie für die Kirche zu öffnen. Deswegen machte er sich auf den Weg nach Rom, um den mächtigen Papst Innozenz III. um die Erlaubnis zu bitten, das Evangelium leben zu dürfen. Die war wichtig, weil sich zu seiner Zeit viele Gruppierungen auf das Evangelium beriefen, sich damit aber von der Kirche abwandten. „Und der Herr Papst hat es mir bestätigt“, schreibt der Sonnensänger in seinem Testament. Das klingt so selbstverständlich, wie es wohl nur einem Heiligen in den Sinn kommen kann. Oder jedem, der sich von Gott geleitet weiß und in Jesus den Weg erkennt, der immer in die Kirche, mit der Kirche und zu den Mitmenschen führt.
In der Vollmacht der Berufung, wie sie Abraham erreichte, erkennt der Bischof von Rom einen Dreiklang, den er am Tag nach seiner Wahl in der Sixtinischen Kapelle vor den Kardinälen der ganzen Kirche mitgibt: gehen, aufbauen, bekennen – und das immer mit dem Willen, dabei das Kreuz Christi zu tragen. Hier wird sichtbar, wie gut sich Papst Franziskus mit seinem neuen Namenspatron auskennt. Denn die Minderbrüderbewegung verstand sich als unbehauste, allein auf Gottes Vorsehung bauende Schar von Armen, die die Kirche im Bekenntnis des armen und gekreuzigten Herrn Jesus Christus aufbauen wollten. Sie bewegten in ihrer Zeit so viele, weil sie als einfache Männer daherkamen, die dem einfachen Volk mitteilten: Es geht, wenn du glaubst; du kannst Kirche und Welt bewegen; du bist wer vor Gott.

Was die christlichen Berufung ausmacht, davon spricht Papst Franziskus beim Antritt des Petrusdienstes: Christus! „Hüten wir Christus in unserem Leben, um die anderen zu behüten, um die Schöpfung zu bewahren!“ Wie selbstverständlich zieht er den Bogen vom Nächsten zur Schöpfung. Ganz wie der Patron Italiens, der Sohn Umbriens, es im 13. Jahrhundert tat. Die Biografen berichten, dass er alle, Frauen und Männer, ja sogar die ganze Schöpfung einlud, Gott zu preisen. Das Ziel der Verkündigung ist nicht Christus, sondern Christus will verkündet und behütet werden, damit die Schöpfung heil wird. So spricht Papst Franziskus auch davon, dass der religiösen Dimension der Liebe zur Schöpfung etwas vorausgeht, was „einfach menschlich ist“, nämlich die Schöpfung zu bewahren und den Mitmenschen zu respektieren. Franziskus von Assisi fasziniert ja deswegen so viele Menschen über die Grenzen des Christentums und gar des Theismus hinweg, weil er so unmittelbar Zugang zur Mitgeschöpflichkeit hatte. Dass ihm dieser Zugang durch Christus erschlossen wurde, das hat er nicht verschwiegen. Aber er ging damit eher diskret um. So weist er die Brüder, die unter die Ungläubigen gehen wollen, zur Mission an, dort eher einfach unter den Menschen zu leben und anständig mit jedermann umzugehen, wie es sich gehört. Er setzt darauf, dass dann, wenn einfach mitmenschlich gelebt wird, Gott die Tür des Glaubens öffnen kann, wie Er will.

Der Arme aus Assisi erscheint in seiner schwächlichen Gestalt vielen Menschen sehr stark. Papst Franziskus spricht davon, wenn er sagt: „Der Papst hat die Aufgabe, mit Liebe und Zärtlichkeit die gesamte Menschheit anzunehmen, besonders die Ärmsten, die Schwächsten, die Geringsten, diejenigen, die Matthäusim Letzten Gericht über die Liebe beschreibt: die Hungernden, die Durstigen, die Fremden, die Nackten, die Kranken, die Gefangenen (vgl. Mt 25, 31-46).“ Und er beschließt diesen Gedanken mit dem schönen Wort: „Nur wer mit Liebe dient, weiß zu behüten!“

Wieder ist in dieser Aufzählung nicht von Gott die Rede, wieder diese geistliche und theologische Diskretion, die dem franziskanischen Erbe entspricht, das in der Kirche durch die Franziskusorden und viele Laien wachgehalten wird. Einfach mit den Menschen sein, sie zärtlich beachten und ihnen Hochschätzung entgegenbringen – ein wahrer Königsweg. Papst Franziskus erscheint mit den wenigen Worten, die wir bis jetzt von ihmgehört haben, als ein Pontifex des Mitgefühls. Da sich das für unsere deutschen Ohren eher gefühlsduselig anhört, nenne ich das lateinische Wort dazu: compassio. Dass Christus aus Seiner compassio mit der Welt heraus aufersteht, ist unsere Osterfreude. Sie entfaltet ihren Klang überall da, wo wir zuerst Diener und Dienerinnen des Mitgefühls werden wie der kleine große Arme aus Assisi.

Seiner Wahl, der Armut Jesu zu folgen, folgte die Wahl der Struktur der Bruderschaft. Dort sollte es nicht Äbte und Prioren geben. Vielmehr nannte er den Verantwortlichen einer Region Minister, Diener, und die Gemeinschaftsverantwortlichen vor Ort Guardian, Wächter. In der Brüdergemeinschaft sollte es keine Hierarchie geben, weil der heilige Sonnensänger  Gott als den Dreifaligen erkannt hatte, der alle Geschöpfe und unter ihnen die Menschen einander als Brüder und Schwestern  gegeben hat. Das Vertrauen auf die fürsorgende Liebe des Vaters machte er fest in einer Ordensstruktur, die mit immer neuen Wahlen der Ämter aus der Mitte der Gemeinschaft heraus Gott gleichsam von unten die Gemeinschaft aufbauen lassen wollte. Diese Basisorientierung klingt wieder in den ekklesiologischen Grundaussage des Zweiten Vatikanischen Konzils. In der dogmatischen Kostitution über die Kirche hallt der franziskanischen Wanderradikalismus achthundert Jahre nach Franziskus in die Aussage über das wandernde Gottesvolk. Und weiter, dass die Heilige Katholische Kirche sich in den Ortskirchenentbirgt, und darin wiederum in dem, was in Lateinamerikas Basisgemeinde heißt. Es fiel mir als Kapuziner sofort auf, dass Papst Franziskus in seinen ersten Worten davon sprach, dass man ihn zum Bischof von Rom gewählt habe, und er richtete seine Worte an die Ortskirche von Rom. Sicher ist der petrinische Dienst, den der Bischof von Rom zu hat, ein Dienst der Einheit unter den Ortskirchen. Gleichwohl bleibt es ein Vorsitz, dessen Macht vor allen Dingen Dienst heißt, wie der Papst es bei seinem Einführungsgottesdienst sagte. Hier klingt das Wort Minister auf, wie Franziskus es wählte für die Oberenämter seiner Bruderschaft.

Papst Franziskus ermutigt die Kirche, wo immer sich ihre Glieder vorfinden, Gott zu dienen und ihm alles zuzutrauen. Die Osterglocken verkünden, dass der Herr die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht. Auf wessen Seite die Kirche steht, macht Papst Franziskus in kleinen Gesten groß. Als Minderbruder fordert er mich seiner Namenswahl heraus. Ich bin ihm dankbar dafür.


Die Tagespost, 30. März 2013

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