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Sie befinden sich hier: Facetten Schreiben Artikel 24. Dezember 2011 - Entweltlichung

Wandlung nicht ausgeschlossen

Franziskanische Perspektiven zur Entweltlichungs-Debatte

Er muss vom Ross heruntersteigen. Die Strukturen loslassen. Das florierende Geschäft der Tradition. Den Halt der Ständegesellschaft. Bislang erscheint es ihm bitter, die Aussätzigen auch nur anzusehen. In ihnen die Möglichkeit vorgeführt zu bekommen, dass nichts bleibt. „Doch der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen.“ Im testamentarischen Rückblick erkennt erGnade. Im Augenblick selbst: Grausen. Dennoch lässt Franziskus sich ein. Er lässt sich auf die Verwandlung ein, die ihm von Gott angeboten wird. Deshalb kann er heruntersteigen vom Ross. Die Aussätzigen umarmen. Küssen.So wird, was ihn ängstigt, seine Chance. Er sieht nicht mehr den Tod. Er küsst das Leben.

Es folgt seine persönliche Auferstehung: „Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt. Und danach hielt ich eine Weile inne und verließ die Welt“.Auch das: Im Rückblick. Im Vollzug war es schmerzlich. Entweltlichung ist kein Spaziergang. Sie kann nicht organisiert werden. Sie folgt einer Gottesbegegnung: Wandlung nicht ausgeschlossen.

Mehr Wille zur Welt

Als Franziskus kurze Zeit später in den Worten des Evangeliums nach Matthäus erfährt, dass die Jünger Jesu nichts mitnehmen sollen auf den Weg, elektrisiert ihn das. „Auf göttliche Eingebung hin begann er, als Verkünder der evangelischen Vollkommenheit aufzutreten und einfältig in der Öffentlichkeit Buße zu predigen.“ Die Gefährtenlegende  kann im 13. Jahrhundert unbefangen das Wort „evangelisch“ benutzen. Die Entweltlichung des Franziskus hat als positives Gegenwort: Evangelisch vollkommener werden. Was ihn paradoxer Weise sofort wieder in die Welt gehen lässt. Beim ökumenischen Gottesdienstes in Erfurt hat Papst Benedikt XVI. seine Freiburger Konzerthausrede vorbereitet: Protestanten wie Katholiken empfahl er doch nichts anderes als das ökumenische Gespräch zu verweltlichen: Gott würde die Einheit im Glauben schenken, wenn beide Konfessionen sich gemeinsam anstrengen, den Glauben zu verkünden, und zwar der Welt. Die Beschäftigung mit dem, was man hat, ist fruchtlos. Er warb für die Freiheit, Neuland unter den Pflug zu nehmen, sprich: Gemeinschaft zu leben in der Suche nach einer anschlussfähigen Verkündigung. Vor lauter Angst um die Besitzstände kann sich nichts Neues regen. Erst kürzlich hat Christian Spaemannangemerkt, dassdie Kirche in der Bundesrepublik bis heute nicht in der Lage war, ein modernes und flexibles Medienapostolat aufzubauen.Ich meines, dass das daran liegen könnte, dass der Kirche der Wille zur Welt fehlt.

Leitung öfter wechseln

Doch nocheinmal zurück zu Franziskus.Schon bald vertrauen tausende Männer der Energie, von der die beiden elektrisiert sind. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts werden daraus diefranziskanischen Bettelorden. Sie finden im Armutsvorhaben von Franziskus und Klara eine Alternative zu einem geistlichen Leben in einer sich selbst versorgenden Abtei. Die beiden Assisianerwählten auf göttliche Eingebung hin die Unsicherheit zum Lebensprinzip: Allein von Gott und seiner täglichen Vorsehung leben, und das mitten in der Welt. Für Franziskus war das attraktiver als Geld, mit dem sein Vater in Assisi mächtiger wurde als so mancher Adeliger. Für Klara erschien die Geschwisterlichkeit unter dem Kreuz reicher als alle Familienbindungen. In die Strukturen der Gemeinschaft bauen beide das Prinzip der Unsicherheit ein: Es wird gewählt. In den ersten Jahren in jedem Jahr neu. Die Mitglieder dürfen nichts besitzen. Auch die  Gemeinschaft nicht. Alles muss erbettelt oder geliehen sein. Die Einführung der demokratischen Wahl von Leitungsämtern auf Zeit führt dazu, dass niemand sich festsetzen kann, und der Generalminister der Gemeinschaft der Heilige Geist sein kann, wie Franziskus es einmal selber formulierte. Eine Kirche, die entweltlichter sein will, muss prüfen, ob sie in ihre Dienstordnungen nicht hineinschreibt: Kein Bischof länger als etwa zwölf Jahre in einem Bistum, kein Pfarrer länger in seiner Pfarrei. Niemand darf am Ort länger als z.B. acht Jahre im Pfarrgemeinderat sein, oder im Vorstand eines Landes- oder Bundesverbandes. Und die Angestelltenordnung der Kirche muss ebenfalls vorsehen, dass Aufgaben nach einer bestimmten Anzahl von Jahren beendet werden müssen. So verhindert man am besten das, was man Seilschaften nennt, oder auch geistliche Faulheit; sie tritt gerne da auf, wo man alles immer schon so machte wie immer.Da erstirbt das Gespräch, und der Heilige Geist hat weniger Ansatzpunkte.

Katholische Soziallehre auf die Kirchensteuer anwenden

Man würde Franziskus und Klara gründlich missverstehen, wenn man ihr Programm radikaler Entweltlichung für das Ergebnis einer Planung hielte. Sie folgten ihrer Erfahrung mit Gott. Ihnen war eine „Eigenschaft“ Gottes aufgegangen, die sie buchstäblich zu Tränen rührte: Der Allerhöchste hat sich durch die Menschwerdung Christi, durch dessen Tod und Auferstehung für immer mit der Welt verbunden. Welt ohne Gott ist seit Weihnachten undenkbar. Deshalb hat sie einen neuen Stellenwert: Sie ist Gegenwartsort Gottes. Franziskus und Klara bestaunen die Größe Gottes, der sich „täglich in die Hände des Priesters auf den Altar“(Franziskus) erniedrigt. Die Eucharistiefeier ist die höchstmögliche Verwandlung der Welt, solange Raum und Zeit noch gegeben sind. Wenn Gott so herunterkommt, dann gehört alles ihm und nicht jemand anderem. In der  Menschwerdung Christi hat Gott sich nicht mit der Welt in der Welt verkleidet, sondern ist buchstäblich zur Welt gekommen. Ist „Fleisch der Welt“ geworden. Franziskanisch gesehen ist alles Niemandes Besitz. Alle sind LeiherFranziskus und Klara lehren radikal ein neues Verhältnis zu allem, was wir sind und haben: Alles ist aus Gottes Hand. Wer so denkt, löst den Klammergriff um Besitzstände. „Sie hatten alles gemeinsam, niemand nannte etwas sein Eigen.“ (Apg 2) Das ist nicht nur eine Botschaft von gestern, aus der Urkirche. Das ist Botschaft für heute. Wir müssen erschrecken darüber, in wie wenigen Händen so viel Macht über den Besitz der Kirche liegt. Das Prinzip der katholischen Soziallehre glaubt aber eben nicht, dass große Organisationseinheiten das Heil bringen. Das hat man in den kommunistischen Systemen auch versucht. Partizipation und Solidarität geht von der Lebensfähigkeit einzelner Gemeinden aus. Sie muss sich dann von unten nach oben vergemeinschaften. Muss nicht auf den Prüfstand, ob die Kirchensteuer in die Hand der Gemeinden gehört? Wäre da nicht von den Freikirchen zu lernen. Oder von der Kirche in der Schweiz?

Demut statt stolzem Beharren

„Und verließ die Welt.“ Franziskus könnte bei diesen Worten seines Testamentes seine geistliche Schwester Klara im Sinn gehabt haben. Am Palmsonntag 1211 – vor 800 (!) Jahren – verließ sie die Sicherheit des elfenbeinernen Turmes elterlicher Adels-Fürsorge und eilte zu den Brüdern hinunter ins Tal. In Portiunkula angekommen, ließ sie sich aufnehmen in eine neue Familie zunächst nur von Brüdern, die nicht von dieser Welt waren und nichts von dieser Welt besitzen wollten. Franziskus wird den Schwestern – es schließen sich bald weitere Frauen Franziskus und Klara an – nur ein Jahr später eine „Lebensform“ schenken.Franziskus sichert darin seine Schwestern in der Zusage der Fürsorge. Diese geistliche Zuwendung ersetzt die Sicherheit, die eine feste Familienstruktur gibt, aus der sich Klara und Franziska verabschiedet hatten.

Entweltlichung ist der Weg des Vertrauens aufeinander und füreinander, weil Gott für uns sorgt. Verweltlichung: Das sind die  Durchhalteparolen auch für Aussichtsloses, was nur betrieben wird, weil zu viel Geld da ist. Wir brauchen fürsorgliche Aufforderungen, einen Weg doch auch zu beenden, wenn es nicht mehr geht. Und vor allem: Mehr Demut, andere zu bitten. Neidlos anzuerkennen: Die können auch was. Die Stabilität des Gewohnten im kleinen Horizont aufgeben zugunsten des Vertrauens in die Sache könnte etwa dazu führen, dass als ein wichtiger Schritt der Ökumene Caritas und Diakonie zu einem gemeinsamen Werk werden. Oder: Müssen am Ende wirklich alle Bistümer mit einem Fernsehstudio ausgestattet sein? Muss man das alles auch haben? Wäre es nicht viel kommunikativer, bei anderen Firmen, die Mietstudios betreiben, betteln zu gehen, sprich: Um Kooperation zu bitten? Warum wird das domradio.de nicht von allen Bistümern getragen und um Sendelizenz gebeten bei den Landesmedienanstalten?

Hoffnungsgemeinschaft sein

Der franziskanische Weg war nicht aus sich erfolgreich. Franziskus ließ sein Leben nicht nur auf Christus hin los. Weil er Christus erfuhr als weltlich gewordenen Gott, vertraute er der Kirche. Sein Gehorsam dem Papst gegenüber ist Grund seiner geistlichen Freiheit: Der sorgt sich um das Ganze, ich sorge mich um den mir anvertrauten Teil. Gehalten von der Kirche, kann Franziskus seine ganze Energie darauf verwenden, den Teil des Evangeliums zu leben, der ihm aufgegangen ist. Wenn alle sich selber so kritisieren würden wie sie Kirche und Papst kritisieren, ginge es Kirche und Welt entschieden besser. Ich bin froh, dass der Papst mit dem Wort „Entweltlichung“ das Wort des Kirchenjahres 2011 ausgesprochen hat. Es bringt uns vom Ross ungesunder Selbstsicherheit herunter und macht uns zu Dialogpartnern. Nicht was wir besitzen macht uns aus, sondern was wir erhoffen. In der Welt. Nicht durch die Welt.

Die Tagespost, Weihnachten 2011

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