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Sie befinden sich hier: Facetten Schreiben Artikel 16. Februar 2012 - Die Tagespost - Interview

Interview

Interview mit Bruder Paulus für „Die Tagespost“

Bruder Paulus, Sie sind der „Medienmönch“ Deutschlands. Sie sind sozusagen omnipräsent. Sie sind Guardian des Kapuzinerklosters Liebfrauen in Frankfurt a.M. Man sieht Sie in Talkshows – sowohl als Gast als auch als Gastgeber - man kann Ihre Predigten als Podcast abonnieren, Sie verkünden auf Ihrer eigenen Website (www.bruderpaulus.de) in zahlreichen Kommentaren den Glauben, schreiben Bücher über „Ethik im Alltag“ und geben nicht zuletzt auf sozialen Netzwerken wie Facebook und Xing einer Schar von ratsuchenden Menschen Lebenshilfe.

Worin sehen Sie die Chancen einer Verkündigung per Internet konkret?

Das Internet ist ja zunächst einmal das große Warten. Warten darauf, ob jemand kommt. Es kommt nur jemand, der gehört hat, dass man da mal hingehen kann. Das ist wie im Evangelium. Die Leute müssen neugierig gemacht werden. Und darum kommen manche Leute zu mir, weil sie mich gesehen haben im Fernsehen. Weil sie mich gehört haben – im Radio. Weil sie von irgendeinem irgendetwas zugeschickt bekommen haben oder etwas in einem Buch gelesen haben, und dann kommen sie vorbei. Ich bekomme fast jeden Tag ein Emaill von jemandem, den ich nie zuvor kennengelernt habe und der mich dann anspricht. Das ist nichts Großartiges, ich sehe das Internet eher nüchtern. Es steht, wenn Sie so wollen, für das geduldige Warten Gottes auf den Menschen.

Es ist nicht das Non plus Ultra?

Nein, auf das Internet sind einfach zu viele Hoffnungen gesetzt worden. Es ist nur so gut wie die Menschen, die es füllen und nutzen.  Selbst Zugriffszahlen bedeuten nicht „Qualität“.

Besteht dennoch die Möglichkeit, durch eine verstärkte Internetpastoral beispielsweise in sozialen Netzwerken, der Kirche und dem Glauben neue „Zielgruppen“ zu erschließen, bei denen die Hemmschwelle einer direkten Kontaktaufnahme zu einem Priester vielleicht größer wäre?

Ich glaube, dass wir als Kirche gut daran beraten sind, mehr Personalstellen für die Aufgabe einer Internetpräsenz zu öffnen. Im Netz werden reale Personen geschätzt - darum sollten diese pastoral handelnden Personen immer auch eine reale Verortung haben, etwa eine Pastoralreferentin, die eine halbe Stelle in der Pfarrei hat und eine halbe Stelle bei Facebook oder bei Xing, wo sie auf Kontakte eingeht. Das braucht sehr viel Vertrauen seitens der Personalverantwortlichen, weil das ja eine virtuelle Aufgabe ist, die man schlecht kontrollieren kann. 

Wenn Kirche sich, wie Papst Benedikt XVI. es ja ausdrücklich wünscht, mehr per Internet anbietet, dann heißt das gleichzeitig, dass man noch mehr Gemeinden zusammenlegen muss. Nur so so wir eine qualifizierte Präsenz in diesen virtuellen Welten möglich werden. Ich kenne noch Internetarbeit als zusätzliches Geschäft nach Feierabend - wenn man das professionell betreibt, geht das irgendwann nicht mehr.

Wenden sich auch Nicht-Katholiken an Sie?

Vor allem nach Fernsehsendungen nehmen auch Nicht-Katholiken Kontakt zu mir auf, auch Nicht-Christen. An mich wenden sich Menschen, die glauben, ich sei glaubwürdig.

Gibt es auch Gefahren bei einer Internetseelsorge, die nicht mehr über direkte, persönliche zwischenmenschliche Beziehungen läuft, sondern über unpersönliche, teilweise anonyme Kanäle?

Was ich bisher als Priester im Internet erlebt habe, wenn ich von Leuten angesprochen werde - da habe ich noch keine Gefahr erkannt. Ob derjenige, der mit mir redet, jetzt wirklich so heißt oder ob er sich einen Nicknamen gegeben hat, das weiß ich nicht. Das ist eben alles zunächst virtuell.  Manche Menschen schreiben nun einmal lieber Briefe und drücken sich lieber literarisch aus. Und man weiß ja, wenn man anfängt zu schreiben, therapiert man sich fast selber. Von daher ist das Kontaktgeschehen an sich, dass ich mich so anbiete, und dass mir jemand schreibt, schon heilsam, ohne dass ich schon sofort darauf geantwortet habe.

Sie nehmen in Ihren Kommentaren auch Stellung zur PID oder zum Zölibat. Eine katholische Position zu diesen Themen stößt innerhalb der Gesellschaft auf Widerspruch. Ecken Sie in den Medien damit auch an?

Ja, natürlich. Ich habe auf meiner Homepage die Kommentarfunktion wieder gelöscht, weil ich das nicht mehr im Griff hatte, wer mir da antwortete, meist anonym und oft unflätig.  Dazu bräuchte ich eine hauptamtliche Kraft. Ich diskutiere ja gern, aber auch im Internet möchte ich dem Prinzip folgen: Ich zeige mein Gesicht, und dann sollen die Leute, die mit mir sprechen wollen, auch ihr Gesicht zeigen.

Aber trotzdem findet ein Bruder Paulus ja in den Medien, im Fernsehen, wohlwollende Aufnahme. Bei anderen Kirchenvertretern ist das ja nicht so selbstverständlich.

Ehrlich gesagt, ich kann das so pauschal nicht sagen. Alle Kirchenvertreter werden mit sehr großem Respekt behandelt. Es gibt vor Kirchenvertretern, also auch vor mir, in allen gesellschaftlichen Gruppierungen noch einen hohen Respekt. Wenn ich mal Gelegenheit hatte zu beobachten, wie ein Bischof in einem medialen Zusammenhang begrüßt wird, habe ich festgestellt, dass da immer ein großer Respekt vorhanden ist, wie auch bei Journalisten überhaupt, deren Aufgabe es ist ja ist, respektvoll mit den unterschiedlichen Meinungsträgern der Gesellschaft umzugehen. Und ich halte gar nichts von der These, dass die Medien irgendjemanden irgendwo bloßstellen wollen. Ich habe eher das Gefühl, dass manche Vertreter der Kirche durch ihr Verhalten dazu beitragen: Wenn das dann berichtet wird, heißt es, „die Medien“ hätten jemanden bloßgestellt.

Ein Beispiel:  Wer als Bischof einen Interviewwunsch mit der Bedingung verknüpft: Aber nur, wenn Sie mich über Ostern fragen!, muss sich nicht wundern, dass die Kollegen aus dem journalistischen Bereich sagen: Herr Bischof, dann lieber nicht. Und in dem Fall, den ich meine, hatte der Bischof Glück, dass der Journalist diese Reaktion taktvoll verschwiegen hat.  Wir leben in einer offenen Gesellschaft. Der Papst spricht ständig von Medienfreiheit - von Kommunikation. Ich plädiere dafür, dass wir Vertreter der Kirche uns mehr und offen mit unserer Meinung den Medien stellen. 

Ich gebe ein weiteres Beispiel: Da Sie PID ansprechen – gerade kürzlich habe ich klar und deutlich gesagt, was ich darüber denke. Der Erfolg war, dass die Studentenschaft der medizinischen Fakultät der Goethe-Universität in Frankfurt mich gebeten hat, in deren Studentenzeitschrift ein längeres Statement zu PID abzugeben. Weil ich offensichtlich so verständlich sprach, dass man der Argumentation Raum geben wollte. Was wiederum nicht an mir liegt, sondern an der Sache selbst. Der Papst sagt ja ständig:, dass die Wahrheit die Menschen reizt. Das wollen die Menschen. Sie wollen nicht gereizt werden von Leuten, die autoritär sind, sondern von der Autorität, von der Botschaft. Auch wenn ich die Unauflöslichkeit der Ehe vertrete oder wenn ich sage, was ist denn am Zölibat so schwer? ich beschwere mich ja auch nicht, dass einer sich entscheidet, Single zu sein; lasst doch den Priestern ihre Lebensform, die keinem aufgezwungen worden ist: Dann ist zunächst mal Stille. Man muss doch einfach nur mit den Leuten sprechen. Und ich habe keine Angst davor.

Die Tagespost, 16. Februar 2012

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