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29. Januar 2009 donaukurier

"Standpunktlosigkeit ist die neue Religion"

Bild:

Eichstätt (EK) Er trägt eine braune Kutte, die von einer beigen Kordel um seine Hüfte gehalten wird. Seine nackten Füße stecken in ledernen Sandalen. Die Socken hat er extra für den Vortrag ausgezogen. Auch in modrig, dunklen Holzgängen seines Klosters posiert er bei Interviews für die Fotografen, für die er damit den Inbegriff eines Mönchs verkörpert. Er ist sich seines Spiels mit dem Klischee bewusst, betreibt es gerne, jedoch nicht ohne kritische Reflexion.

Bruder Paulus Terwitte referierte im Journalistischen Kolloquium zum Thema "Journalismus ohne Standpunkt? Anmerkungen zur ‚objektiven’ und ‚neutralen’ Berichterstattung". Dabei moniert Terwitte, dass Standpunktlosigkeit die neue Religion sei. Alles Reden vom neutralen Standpunkt sei mit einem großen Fragezeichen zu versehen. Denn "wenn mich kein Standpunkt trägt, bin ich anfällig für Geldscheine, die rübergeschoben werden, und sei es der Geldschein Quote." Sein eigener Standpunkt: Jeder Mensch ist Jesu aus dem Gesicht geschnitten. Die Kirche ist das Unwichtigste, was es gibt. Wichtig ist der Mensch.

Bruder Paulus Terwitte ist Kapuziner im Kloster Stühlingen, Moderator und Publizist. Sein Weg in die Medienwelt begann vor zehn Jahren. Er leitet eine Talksendung auf N 24 und ist regelmäßig Gast in Talkrunden anderer Sender, vor kurzem erst bei Anne Will.

Aus eigener Erfahrung heraus warnt er davor, die Dinge immer nur von "innen" heraus zu betrachten, denn dabei werde man schnell betriebsblind. Ein neutraler und distanzierter Standpunkt ist also gefragt.

Auf dem Weltjugendtag sei er gewesen. Dort produzierten Kamerateams alle zwei Stunden einen Zweiminüter, der dem Publikum einen Einblick in das Geschehen geben soll. Als Terwitte vorschlug, eine Gruppe von Behinderten zu porträtieren und nach deren Gefühlen zu fragen, als sie dem Papst die Hand schüttelten, war die Reaktion beinahe mitleidig: "Solche Bilder senden wir nicht, denn sie drücken die Quote." Terwitte fragt sich: "Wie kann es sein, dass eine ganze Wirklichkeit ausgeblendet wird, allein wegen der Quote"

Terwitte übt Kritik an dem stets präsenten Kosten-Nutzen-Kalkül, das Journalisten dazu verführe, eigene Recherche durch Google zu ersetzen.

Er fordert Journalisten auf, standpunktbezogen zu schreiben, um Informationen besser einordnen zu können. "Ich weiß, dass es diesen neutralen Standpunkt nicht gibt. Man sollte sich dessen bewusst sein."

Terwitte wünscht sich einen Journalismus, in dem das Anliegen des Journalisten eine Rolle spielt und dementsprechend nie objektiv ist, jedoch die Themen vom Standpunkt aus begeistert darstellt.

Gerade in Bezug auf die Kirche gelte das Prinzip: "Der Journalist wird auf die Jagd geschickt, aber es wird von Anfang an gesagt, was er mitbringen soll."

Von Lisa Maria Hagen

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