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Sie befinden sich hier: Medien Medienresonanz 23. Dezember 2008, FR-Online - Interview "Realpräsenz"

23. Dezember 2008, FR-Online

Bruder Paulus im Interview
"Realpräsenz ist das Markenzeichen der Christen"


Sie haben mit Marcus C. Leitschuh das Büchlein "Trau dich, Weihnachten neu zu entdecken" geschrieben. Was bedeutet Weihnachten für Sie?

Weihnachten ist für mich das Fest des Ursprungs aller Menschen. Das ist ein Fest der Einheit aller Menschen, ein Fest, an dem ich Gott preise als denjenigen, der den Menschen erschaffen hat.

Eine Überschrift heißt "Weihnachten retten - Heiligabend fängt im Frühjahr an". Nanu?

Ich glaube, dass wir Weihnachten zu automatisch feiern. Wir sollten das nicht nur als toten Ritus begehen - ganz nach dem Motto: Jetzt kommt mal wieder Weihnachten dran! - sondern wir sollten die Phasen des Jahres nutzen, um uns zu fragen: Wie gestalten wir eigentlich unser Leben?

Mit dem Büchlein plädieren Sie für einen neuen Anfang, dafür, sich damit auseinanderzusetzen, wo man steht und was in einem steckt. Was steckt in Ihnen?

In mir? In mir steckt Gott. Ich bin ein Wohnort der Herrlichkeit Gottes. Ich bin ein Abbild Jesu Christi. Ich bin seit der Taufe Glied an seinem Leib. Ich kann nicht mehr sterben, in mir steckt das ewige Leben. Stellen Sie sich das mal vor! Und ewig heißt nicht, sich den ganzen Tag auf der himmlischen Couch langweilen.

Sind Sie deshalb in den Medien so präsent?

Ich liebe das Lieblingswort der Theologen über die Eucharistie. Dort wird gesagt: Jesus sei in den Gaben von Brot und Wein realpräsent. Und das bin ich auch. Ich bin real präsent (grinst). Diese Realpräsenz ist das Markenzeichen der Christen. Man muss sich einen Martin Luther vor dem Reichstag in Worms vorstellen, der sagt: Hier steh ich und ich kann nicht anders. Die Heiligen gehen zu den Leuten. Ich gehe nach Anne Will.

Was antworten Sie denen, die Sie als kirchlichen Selbstdarsteller und Medienbruder bezeichnen?

Ich lebe eine Gabe, die Gott mir gegeben hat. Ich fühle mich dazu verpflichtet. Mein Weg in die Medien war nicht geplant. Nur der erste Schritt. Im Jahr 2000 habe ich mit einem kirchlichen Medienmann überlegt, was wir mal tun könnten, damit nicht nur über pädophile Priester, verrückte Bischöfe oder Komisches über den Papst berichtet wird. Es gibt in der Kirche 99 Prozent geglücktes Leben. Aber davon wir nicht berichtet. Es wird vom Unfall berichtet.

Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten…

Wir wollten aber Zeugen der guten Nachricht sein! Also haben wir etwas ersonnen, worüber die Medien berichten müssen. Medien müssen immer berichten, wenn etwas zusammenkommt, was nicht zusammengehört. An Weihnachten kann man das schön sehen: Gott wird Mensch in einer Krippe im Stall von Bethlehem. Das glaubt ja kein Mensch! Das ist, als ob Michael Schumacher sagen würde, er und seine Frau hätten sich eine Mietswohnung in Berlin-Marzahn genommen. Also haben wir Bild-Zeitung und Bibel, Laptop und Kloster zusammengebracht. Bis 2005 habe ich dann als E-Mail-Newsletter den biblischen Kommentar zur Schlagzeile der Bild-Zeitung geschrieben.

Sie haben Ihre Kommentare zwischen Blut und nackten Brüsten geschrieben. Wo ziehen Sie Ihre Grenze?

Da ziehe ich gar keine Grenze. Warum denn? Die Welt ist erlöst.

Sie melden sich gerne zu aktuellen Themen zu Wort. Wie sagen Sie zur Finanzkrise?

Ich habe immer schon gesagt, dass Geld nicht denken kann. Geld ist dumm. Jeder, der glaubt, man müsse sich nur auf Zahlen verlassen, ist schief gewickelt. Die Gesetze sind den Menschen gegeben, damit er sie anwendet. Geld ist ein virtuelles Kommunikationsmittel und kein Ziel. Die sogenannte Finanzkrise sagt einfach, dass Menschen offensichtlich Schulden verkauft haben, betrogen haben, Luftlöcher verkauft haben. Andere Menschen haben das geglaubt, weil viele das System nicht durchschaut haben. Die, die es durchschaut haben, sind nicht gehört worden. Das liegt einfach daran, dass die Menschen, die Schnauze nicht voll kriegen können.

Aber hat sich das System nicht verselbstständig? Der Mensch als Einzelner fühlt sich zunehmend hilflos.

Wir machen alles zur Ware. Unser Leben wird mathematisiert. Je kleinteiliger alles abgerechnet wird, umso weniger kann sich die Freiheit entfalten, die in den Dingen ist. Wir haben doch heute die Angst, dass die Menschen sich nicht um unser Wohl kümmern, sondern nur daran denken, wie sie am besten an unser Geld kommen.

Ist der Eindruck so falsch?

Das macht aber unsere Wirtschaft kaputt! Viele Menschen versuchen durch Provisionszahlungen ihre Mitarbeiter anzuheizen, mehr Geld zu machen. Ab einem bestimmten Punkt ist das eine Verführung zur Unmoralität.

Sie haben eine ganze Trau dich-Reihe herausgegeben. Was trauen Sie sich nicht?

Ich traue mich zu lange nicht, in persönlichen Beziehungen Grenzen zu ziehen. Ich traue mich nicht, zu sagen, das ist mir zu viel. Ich traue mich nicht, mal ganz ruhig zu sein. Die Begegnung mit sich selbst, die Begegnung mit Gott ist eines der schwersten Dinge, weil sie so sehr ins Leben eingreifen können. Selbst wenn man in einem Kloster lebt, muss man das jeden Tag neu üben.

Was ist Ihnen heilig?

Heilig ist mir die Eucharistie, heilig ist mir, dass ich in meinem Orden lebe, heilig ist mir die Würde eines jeden Menschen, heilig ist mir die Berufung aller Menschen in dieser Welt zu leben, in der alle teilhaben sollen an den Gütern dieser Erde. Dafür kämpfe ich, dafür lebe ich. Als Brüder leben wir das Urchristentum. Wir haben alles gemeinsam. Ich persönlich besitze nichts. Ich bin da in gewisser Weise ein Hartz IV-Empfänger. Okay, Ich kann's nicht beantragen, schon aus Anstand nicht. Aber von meiner Grundentscheidung her habe ich auf nichts ein Recht.

Aber die Kirche versorgt Sie.

Nein, wir als Gemeinschaft müssen uns versorgen...

... in der Sie immer aufgehoben sein werden.

Wenn fünf Menschen sich zusammentun, die nicht an den eigenen Vorteil denken, werden sie immer reich. Man braucht nur noch ein Auto statt fünf, eine Waschmaschine statt fünf, eine Heizung statt fünf. Darum ist die Welt ja so arm, weil sie sich nicht einig ist, weil jeder für sich guckt. Ich gucke nicht für mich, ich gucke für meine Brüder und die gucken für mich.

Fällt das nicht manchmal schwer?

Das schwerste Gelübde ist das, ohne Eigentum zu leben. Ich bin ganz oft einfach Empfänger. Das ist wiederum auch das Schöne am Bettelorden: Wir wollen den Menschen sagen, wie reich man ist, wenn man freiwillig lebt als einer, der immer auf andere angewiesen ist. Da bleibt man im Gespräch. Früher ging man zum Nachbarn, wenn man Salz brauchte und keins mehr hatte. Heute fährt man zum Tankstellen-Shop. Man möchte sich keine Blöße geben. Die Kapuziner fragen: Würdet ihr bitte...?

Was wäre, wenn es Weihnachten nicht gäbe?

Wenn es das organisierte, amerikanisierte Weihnachten nicht gäbe, würde mir gar nichts fehlen. Aber wenn Gott nicht Mensch geworden wäre, würden wir ganz schön dumm aussehen.

Interview: Silke Rummel

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