Sinsheim-Dühren(bs) Bruder Paulus Terwitte hält es nicht lange aus am Rednerpult, Der Hüne im Mönchsgewand wirbelt durch den Saal im katholischen Gemeindezentrum. Er geht mitten rein in das besinnlich gestimmte Auditorium, fordernd ran an das Leben von Du und Ich. „Leben ist mehr - Leben ist anders" ist auch das Thema des Referates das der Kapuzinermönch beim traditionsreichen „Morgen der Besinnung" des Katholischen. Männerwerks Kraichgau hält.
Doch was kann ausgerechnet ein Mönch, der seit 30 Jahren in vermeintlich beschaulicher Brudergemeinschaft lebt, uns, den im prallen Menschenleben Stehenden, sagen? Solche Zweifel kennt Bruder Paulus nicht. Viele Jahre lang betreute gleich nach der Deutschen Einheit Obdachlose in Gera, baute die Hospizarbeit in Thüringen auf und war Krankenhausseelsorger. Danach leitete er sieben Jahre lang in Frankfurt- eine Gruppe geistig behinderter Kinder. Man glaubt- ihm, dass er die Schattenseiten des Lebens gesehen und miterlebt. hat.
Der Kapuzinermönch Bruder Paulus ist aber vor allem als Medienmann bekannt. Sein literarisches Schaffenswerk zählt rund 14 Bücher. Er ist im Rundfunk und Fernsehen auf vielen Kanälen (N 24, SAT1, ARD) präsent und saß gerade bei „Hart aber fair", dem Polittalk bei Frank Plasberg, am Tisch genau in der Mitte zwischen linkem und rechtem Lager. Kein Wunder, der leidenschaftliche Christ und Priester ist ein Freund des ehrlichen, manchmal burschikosen Wortes.
„Wir haben eine Gesellschaft von', Memmen!" stellt er auch an diesem Morgen im Kraichgau drastisch fest. „Hauptsache wir fühlen uns gut, Hauptsache es geht uns gut." Dabei sei das Leben kein Spaziergang, sondern ein Kreuzweg. Bruder Paulus konstatiert uns eine Supermarktmentalität: Alles hat so zu sein, dass es Spaß macht, sonst wird es weggeworfen.
„Leben heißt aber aufrecht stehen und das "so zu nehmen wie es ist", plädiert er. Jede Wehleidigkeit ist Ihm zuwider. Leben sei nach der Mitmenschen Auffassung immer, das. was. Andere leben. Nur bei uns sei es so schlimm, nur bei uns sei es so traurig. Gut gehe es nur den Anderen.' '.-
„Viele Menschen leben am eigenen Leben vorbei, weil es dann stattfinden soll, wenn es uns gut geht". Im scheelen Blick auf. die Anderen suchten wir unser eigenes, Ideal. Die Tugend der Demut sollte geübt werden, um im Frieden zu leben, wie Gott mich geschaffen habe. „Ich bin Mauerblümchen, aber es gibt mich".
Dabei begegne das Leben jedem einmalig und unverwechselbar. Es gebe kein anderes Leben, als das, das uns gegeben ist. Um richtig zu leben, müsse man dem Leben Zeit und Raum geben, Das Verweilen sei zu seinem Leidwesen aus unserem Sprachschatz gewichen und durch Langeweile ersetzt worden. „Die Vereine gehen den Bach runter, weil wir eine Wohlfühlgesellschaft sind; die sich nach der ersten Krise abwendet.
Um dem entgegenzuwirken, müssten wir unsere Kinder erwachsen werden lassen. Bruder Paulus hat zur Vorbereitung der Jungen Generation auf das Leben einen ganz eigenen Vorschlag: „Schenken Sie Ihren Kindern und Enkeln. eine Stunde Zeit und erzählen Sie Ihnen Von Ihren Misserfolgen.“ So bereiten Sie die Kinder auf ein Leben vor, in dem sie versagen, scheitern dürfen und auch enttäuscht werden.
Bergsträßer Anzeiger