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Sie befinden sich hier: Medien Medienresonanz 26. September 2009 Westfalen-Blatt Interview "Lesung in Herford am 29.09.2009"

26. September 2009 Westfalen Blatt

Sie sind ein Mönch, der die Öffentlichkeit sucht, der sich einmischt. Am Sonntag wird der neue Bundestag gewählt. Werden Sie wählen gehen? Wird in einem Kloster ein breites politisches Spektrum abgedeckt?

Antwort: Ich habe bereits per Briefwahl gewählt. Und tatsächlich ist das politische Spektrum in unserer Brüdergemeinschaft breit. Wir ziehen unterschiedliche politische Konsequenzen. Der Bruder, der zum Beispiel Ökologie studiert hat, beurteilt Sachverhalte anders als einer, der ein BWL—Studium hinter sich hat. Wichtig ist: Wir wollen durch Wählen mitbestimmen.

Sie gelten als Medien-Katholik, haben eine eigene Homepage, die Sie ständig aktualisieren. Im Internet haben sie viele Schlagzeilen der Bild-Zeitung kommentiert. Gleichzeitig kritisieren Sie die inflationäre Nutzung der neuen Medien. Wie lässt sich das vereinbaren?

Antwort: Die Überlegung war: Wie bringen wir Kirche in die Schlagzeilen? Also haben wir auf Schlagzeilen reagiert. Dadurch sind wiederum andere Medien auf uns aufmerksam geworden, als »verrückter Geistlicher« wurde ich auch für Talkshows interessant. Unser Ziel, Kirche ins Gepräch zu bringen, haben wir so erreicht.

In ihrem neuen Buch beschreiben Sie ein Kapuzinerkloster und entwickeln daraus ein mögliches Modell für die Gesellschaft. Dabei fordern ein Leben im Hier und Jetzt, machen ihren Ansatz an vielen Alltagsbereichen deutlich. Sehr schlecht schneidet bei Ihnen die Fast-Food-Kultur ab. Aber ist nicht gerade das s chnelle Essen ohne Vorbereitungs- und Wartezeit ein Ausdruck des Hier und Jetzt?

Antwort: Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, dass jemand, der Fast-Food-Essen zu sich nimmt, nichts mit dem Hier und Jetzt zu tun hat. Im Gegenteil – er drückt damit aus: Ich muss schnell weg, denn es kommt gleich etwas Wichtigeres. Hinzu kommt, dass wir uns immer mehr durch Geschmacksverstärker abstumpfen lassen. Plötzlich schiebt sich die Technik zwischen das Essen und den Menschen, alles schmeckt gleich, ist uniformiert wie so Vieles in der Welt. Dabei gilt: Essen braucht seine Zeit, Essen ist auch Kommunikation.

Sie genießen die Möglichkeit zur inneren Einkehr in der Klosterzelle. Lässt sich Ihr Zeit-Ansatz auf Menschen übertragen, die Beruf und Familie mit Kindererziehung unter einen Hut bringen müssen?

Antwort: Aus meiner Sicht gehört es zu den vordringlichen Aufgaben der Familien, zu selbstbestimmten Riten zu finden. Sie müssen sich überlegen, was das Wichtigste ist. Man muss nicht das Radio-Gedudel einstellen, die Familienmitglieder können auch beim Frühstück drei Minuten schweigen. Alles ist möglich. Die Frage ist, wer den Takt des Familienlebens bestimmt. Die Eltern müssen sich klar machen, dass das ihre ureigenste Aufgabe ist. Es gibt keinen Diktator, der einer Familie den Takt vorgibt.

Sie schreiben, es gebe keine geringwertige Arbeit. Aber gibt es nicht Arbeiten, die von den Ausführenden als frustrierend empfunden werden? Müssten Sie nicht auch von gesetzlich garantierter=2 0Vergütung, von Mindestlohn sprechen?

Antwort: Hier stellt sich die Frage, wer die Maßstäbe bestimmt. Wir müssen zu einer Anerkennung der wirklichen Arbeit finden. Festzustellen ist, der Wert von Handarbeit und auch pflegerischen Berufen immer weniger anerkannt wird. Die Folge: Schlechte Entlohnung. Hier müsste die Gewerkschaften aktiver werden, aber sie verhalten sich seltsam still.
Einen Mindestlohn ist keine Lösung, solch eine flächendeckende Bügelmaschine hilft nicht weiter. Ich vertraue da dem Sozialen in der  Sozialen Marktwirtschaft.

Es dürfe nicht sein, dass in Deutschland Kapitalgewinne nicht für kommunale Aufgaben versteuert werden müssten, heißt es an einer Stelle. Auch hier stellt sich die Frage nach den gesetzlichen Vorgaben. Oder glauben Sie an eine Selbstbeschränkung der Großen, die man – wie Sie es formulieren – laufen lässt?

Antwort: Wir müssen zu gesetzlichen Regelungen kommen, die die kommunale Selbstverwaltung stärker fördern. Hier gibt es offenbar Lücken. Unser Steuersystem entspricht dem eines Bauernstaates. Es muss geändert werden und auch die Größenordnungen der Kapitalgesellschaften wie zum Beispiel Banken für Aufgabenfinanzierung in der Region heranziehen.

An das Sozialempfinden des Otto-Normalverbrauchers richtet sich die Formulierung: Kaufen Sie keine Produkte mit Geizpreisen. Sie verweisen auf den geringen Arbeitslohn. Aber wie soll in einer Spar-Gesellschaft ein Gefühl für brüderliche C3konomie entstehen?

Antwort: Indem ich nur noch lokal einkaufe. Es ist eine Frage des Bewusstseins. Es gibt ja schon gesellschaftliche Bewegungen, die Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit in das Alltagshandeln übersetzen. Natürlich kann sich der ethisch Handelnde benachteiligt fühlen – der eine kauft drei billige T-Shirts, der andere für den gleichen Preis nur eins. Aber das Bewusstsein, gerecht eingekauft zu haben, ist wohl mehr wert. Eine Gesellschaft, in der jeder nur auf den persönlichen Vorteil aus ist, ist wölfisch.

Zum Schluss eine Frage, die Vertretern der katholischen Kirche häufig gestellt wird – Stichwort Zölibat. Haben Sie das Gefühl, dadurch etwas vom Hier und Jetzt zu verpassen? Zudem ließe sich überspitzt formulieren: Wenn Sie ein Vorbild für alle wären, würde die Menschheit aussterben.


Antwort:
Ich habe überhaupt nicht das Gefühl, irgendetwas zu verpassen. Ich habe Möglichkeiten, die anderen nicht gegeben sind. Ich verfüge über Freiräume für Meditation, ich habe weniger Sorgen, weil ich nichts besitze und die Gemeinschaft für mich sorgt. Zudem: Was das Zölibat angeht, so ist es leider ein falschverstandenes „Vorbild“ geworden: Es wird ja tatsächlich immer weniger geheiratet. Und es werden immer weniger Kinder geboren. Dabei wollen ja gerade wir die Menschen aufrufen, im Vertrauen auf Gott Mut zur Ehe zu haben. Und sich nicht in irgendwelche Märchenphantasien zu verrennen, denen niemand entsprechen kann und wegen der Ehen allzuleicht zerbrechen. Oder gar nicht erst eingegangen werden.

Westfalen-Blatt (Herforder Kreisblatt) 26. September 2009

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