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22. September 2009 - Lesung beim Kunstverein in Bad Vilbel

Bruder Paulus Terwitte liest aus seinem Buch »Das Leben findet heute statt«. (Foto: joh)

Er ist ein Medienstar und Menschenfischer

Bad Vilbel. Der letzte Sommertag des Jahres - und wenn die angekündigte Lesung »Das Leben findet heute statt« mit anschließendem Gespräch vorbei ist, wird der Herbst begonnen haben. Der Autor des gleichnamigen Buches ist Bruder Paulus Terwitte, vielen aus Funk und Fernsehen bekannt.

Den Eindruck eines Asketen macht er nicht, und doch wirkt das Bild des allein bei offenem Fenster im Seitenraum des Pfarrsaals von St. Nikolaus sitzenden Kapuzinermönchs im Betrachter nach, der die Eingangshalle betritt: Um 19 Uhr stehen sie Schlange, die etwa 80 Besucher, um einen Schlag Erbsensuppe und eine Scheibe frisches Roggenbrot zu empfangen und dann unter angeregtem Plaudern, an Tischchen stehend oder ihre Schüsselchen frei balancierend, zu verzehren.

Der Kunstverein hat zur Erbsenlesung eingeladen, und die beliebte Veranstaltung findet ungewohnter Weise in dem hellen holzgetäfelten Pfarrsaal neben der katholischen Kirche St. Nikolaus statt. Um 20 Uhr begrüßt Frau Doris Iljan die Menschen in dem vollbesetzten Raum, während Bruder Paulus, ein Fünfzigjähriger von hünenhafter Gestalt in brauner Kutte, mit freundlichem Lächeln in die Runde blickt. Nein, einen Stuhl braucht er nicht, er steht lieber und geht zwischen den Menschen umher, spricht sie einzeln an, kommt ihnen überraschend nah. Das mitgebrachte Buch, aus dem er vorlesen will, rückt irgendwann in den Hintergrund - er liest einzelne Passagen und kommentiert sie spontan, und das ist seine ganz große Stärke: Menschen ansprechen, ihnen rhetorische Fragen stellen, sie ansehen und sie überraschen. Er nennt sich einen Missionar, und das, wofür er mit eher lockeren Worten, alltäglichen Beispielen und aufrüttelnden Bildern wirbt, ist keine verstaubte und überholte Welt, sondern das Evangelium Jesu Christi, auf die Menschen des 21. Jahrhunderts zugeschnitten. Diese Menschen leben hier in Deutschland in einer Welt des Überflusses und zugleich in der steten Angst, etwas Schönes, Wichtiges, Besseres, Erstrebenswerteres zu verpassen, so sagt er, und er zeigt, dass wahre Freude und Befriedigung, der eigentliche »Sinn des Lebens«, im Heute liegen, in der dankbaren Wahrnehmung es gegenwärtigen Augenblicks und im gelassenen Hinnehmen dessen, was einem gegeben ist.

Er spricht von dem nicht enden wollenden Gerede und Gedudel, das beständig um jeden von uns herrscht und das verhindert, dass man zur Ruhe und zur Einkehr kommt. Die Zuhörer werden mitgenommen auf einen gleichsam virtuellen Gang durch das Kloster, in dem Bruder Paulus lebt, und jeder Raum, den sie betreten, dient als ein Sinnbild für Teilaspekte von Bruder Paulus’ Botschaft. Während des Rundgangs, wie er im Buch beschrieben wird, plaudert der Autor munter über sein Leben, erklärt, was er unter der langen braunen Kutte trägt (Jeans) und was er abends öfter mal macht (Krimis gucken), denn warum sollte ein Medienstar wie er einer ist, selbst keinen Fernseher haben? Im Kloster? Jawohl, im Kloster, denn das Kloster entspricht, genau wie das Evangelium, gar nicht den Klischees und Vorurteilen, die in den Köpfen vieler Menschen spuken. Wenn er aber von der täglichen Eucharistiefeier und den festgelegten Riten des mönchischen Lebens spricht, vom Krankenzimmer gleich neben der Klosterkirche, von Leiden und Tod, dann hört Bruder Paulus auf zu plaudern und wird sehr ernst.

»Ein Ton hat ein Eigenleben«


Nach 45 Minuten, das weiß er, ist die Aufnahmefähigkeit der Zuhörer weitgehend erschöpft. Nun tritt Alt- und Ehrenbürgermeister Biwer auf den Plan, ausgestattet mit einer Meditationsschale, die er zum Schwingen bringen will, wenn im Gespräch zwischen den Zuhörern und Bruder Paulus eine wichtige Erkenntnis ganz ungestört »sacken« soll. Ein Ton, sagt Bruder Paulus, habe ein Eigenleben, er schwinge, so lang er will, und soweit menschliche Ohren das wahrnehmen, ist das fast eine halbe Minute. Auf Biwers Aufforderung hin kommen Fragen und Bemerkungen aus dem Publikum, zögernd zwar, doch allesamt bezogen auf das, was Bruder Paulus vorgetragen hat: Wie kann man angesichts der Welt wie sie ist, hektisch, gewalttätig, ermüdend, ein solch wünschenswertes Leben führen, zu so einer gelassen-dankbaren Haltung finden, zu solcher Ruhe und Heiterkeit, wie er sie preist? Nein, Rezepte hat der Mönch nicht zu bieten, aber er empfiehlt, in den Alltag ein paar Riten einzubauen, Phasen des Gebets und der inneren Einkehr. Er empfiehlt, seine Mitmenschen zu überraschen, indem man nicht jammert, sondern laut bekennt, wie gut es einem geht. Er empfiehlt, nicht auf das Reich Gottes zu warten - es sei nämlich längst schon da und überall wahrzunehmen, wenn man sich dazu die Zeit nähme.

Beim Verlassen des Pfarrsaales kann man ihm noch die Hand geben, sich ein Autogramm in eines der feilgebotenen Bücher schreiben lassen, seine Mitmenschen anlächeln, jemandem danken oder ihn aufmuntern und schließlich in die Nacht hinaustreten und die kühle Herbstluft schnuppern.

Jo Hennig, Wetterauer Zeitung, 24. September 2009

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