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Sie befinden sich hier: Medien Medienresonanz 04. September 2008, Blickpunkt

Der Völkerapostel und der Medienfreak

Paulus Terwitte ist Namensvetter jenes Mannes, der die Weltgeschichte maßgeblich geprägt hat: Paulus von Tarsus. Grund genug, sich mit ihm über jenen Mann zu unterhalten, dessen 2000. Geburtstag ein ganzes Jahr lang gefeiert wird.

Bruder Paulus, ihr Namensvetter gilt neben Petrus als erfolgreichster Missionar des jungen Christentums. Was machte ihn dazu?


Seine Biografie: Er war polyglott, römischer Staatsbürger, vertraut mit griechischem Denken und Jude.
Paulus war eine interkulturelle Persönlichkeit. Das machte auch einen Teil seines unsteten Wesens aus, seine innere Heimatlosigkeit.

Gut, aber römische Staatsbürger, auch jüdische, gab es in der hellenistischen Antike etliche.

Klar. Hinzu kommt seine besondere Erfahrung vor Damaskus. Was er bis dahin verfolgt hatte, sollte er nun lieben. Paulus war wie viele andere ein Mensch, der Altes festhalten wollte, der die Erneuerer verfolgte, jene, die Gott plötzlich ganz anders dachten. Durch seine Begegnung mit dem Auferstandenen wurde er zu einem Liebhaber des Wandels.

Manche nennen Paulus den „Erfinder des Christentums“. Zu Recht?

Ja … Wobei man besser sagen sollte, er fand eine besondere, bis dahin neue Art des Christentums. Ohne selber eine Geschichte mit Jesus gehabt zu haben, wurde er zum Jesusfreund. Das warf ihn um:
„Zuletzt erschien er auch mir, der Missgeburt“, schreibt er im Korintherbrief. Paulus erlebte: Gott vermag das Feuer des Auferstandenen auch nichtlinear zu entzünden, nicht nur in Form der apostolischen Sukzession, also der unmittelbaren Nachfolge der Apo-stel, die mit Jesus gelebt hatten. „Erfinder“ klingt so, als habe Paulus sich das Christentum ausgedacht. Das stimmt natürlich nicht. Ihm ist vielmehr dieser andere Aspekt Gottes aufgegangen, der alle Religionen und kulturellen Grenzen übersteigt. Ihm wurde klar: Das Neue folgt nicht einfach aus dem Alten, Gott kann – ähnlich wie es das Motiv der Jungfrauengeburt besagt – einen voraussetzungslosen Neuanfang machen.

In seinen Briefen beschwört Paulus die Einheit, kritisiert Konkurrenzdenken. Warum brauchte er drei Jahre, um Kontakt mit jenen Menschen aufzunehmen, die Jesus persönlich erlebt hatten? Warum schob er den Besuch bei Petrus und Andreas so lange vor sich her?

Ganz einfach. Er hatte Angst, Angst um seine eigene Urerfahrung. Franziskus musste erst zwölf Leute um sich versammeln, bevor er sich traute, zum Papst zu gehen und ihm von seinem Auftrag zu erzählen. Wer sich in ein Mädchen verliebt, braucht erst Zeit, bevor er ihr sagen kann: Ich will mit dir gehen. Paulus hatte Angst vor der Desillusionierung. Sein altes Gottesbild war zerstört und er hatte nur sein eigenes, persönliches Je-sus-Bild, das ihm die Autoritäten in Je-rusalem hätten kaputtmachen können. Die Wucht seines Christuserlebnisses brauchte eine Zeit, um nachzuklingen. Und Paulus hatte alle bisherigen Freunde, Kollegen, pharisäischen Mit-brüder verloren, aus einer solchen Krise findet keiner so schnell heraus.

Paulus predigte auf der Agorá in Athen. Sie haben auf der Zeil in Franfurt am Main gepredigt. Wie erfolgreich?

Der Event war erfolgreich. Die Zeitungen haben über das Kreuzfest des Bistums Limburg, um das es damals ging, berichtet. In einer Großstadt kann man kaum so laut predigen, dass man gegen die Medien- und Stimmgewalt des Kapitels ankäme. So habe ich halt in einem Hubwagen acht Meter über der Ziel über die Buße gepredigt. Auch sonst bin ja in der Öffentlichkeit Ich laufe überall im Ordensgewand rum, gebe jedem meine Handynummer, bin im Internet. Ich bin berührbar und rede – oft holzschnittartig – eben anders über Christus als in der immer gleichen Sprache.

Ist denn eine Straßenpredigt heute noch angemessen?

Foto: T. Osterfeld

Nein, das ist heute keine Form. Ich kenne die, die mit der Bibel unter dem Arm zu den Passanten über Jesus reden. Ich möchte so leben, dass die Leute Fragen stellen. Gut, ich werde als Ordensmann zur Kenntnis genommen. Und es geht mir wie Paulus, die Evangelisierung treibt mich um. Es macht mich wahnsinnig, weil ich nicht verstehe, warum die Menschen nicht von Christus zu begeistern sind. Warum werden wir nur als exotische Jesus- oder Papstsekte angesehen? Ich erlebe ja, wie Menschen mit mir reden: Gehören Sie zur Kirche? Ach ja, und zu welcher? Eine junge Frau geht mit ihrer Oma in eine Kirche. Die zündet eine Kerze an, doch die junge Frau fragt, was das alles soll. Sie schaut sich um und sagt: „Das Gebäude macht mich depressiv, bedrückt mich.“ Orte, die uns heilig sind, versperren jungen Menschen den Weg zu Christus. Es tut mit leid, dies so hart sagen zu müsssen.
Deshalb müssen wir suchen, wo Christus lebt. In unserer Kommunität in Dieburg fragen wir uns: Was will Jesus von uns? Von uns, einem Medienfreak wie mir, einem erfahrenen Krankenhausseelsorger, einem langjährigen Mexikomissionar, einem sehr spirituell-kontemplativen Mönch und einem lieben Mitbruder, der keinen geraden Satz sagen kann, wenn er vor mehreren Menschen steht. Mitunter schreie ich Jesus an: Wo um aller Welt hältst du dich versteckt? Vor welche Stadttore müssen wir gehen, um dich zu finden?

Haben Sie konkrete Ideen?


Ich habe mal geträumt: Unsere Sonntagsmessen um acht und zehn Uhr halten wir nur noch alle zwei Wochen. Die anderen zwei Wochenenden gehen wir zu viert samstagabends in die Disko, reden mit den Menschen: Wo erfüllt sich euer Leben? Was ersehnt, erhofft ihr? Dann können wir natürlich sonntags keine Eucharistiefeier anbieten, wenn wir erst um sieben nach Hause kommen. Aber die Gemeinde sollte sich trotzdem versammeln und ohne uns Gottesdienst feiern. Und am Sonntag drauf predigen wir dann darüber, was wir am Wochenende zuvor erlebt haben.
Ich frage mich wie Paulus: Habe ich noch genügend Milch? Und wem gebe ich sie zu trinken? Denn Jesus ist doch ein Grundnahrungsmittel für unsere Existenz.

Paulus von Tarsus gab sich zwar demütig, war aber eine dominante Persönlichkeit, die seine Linie durchsetzen wollte. Das ging oft nicht ohne Streit. Auch der Medienfreak Bruder Paulus tritt nicht gerade schüchtern auf. Neiden Ihre Mitbrüder Ihnen ihr Auftreten?

Nein. – Gut, wir sind wie eine Familie, es wird mal geredet. Aber was andere sagen, müssen Sie die fragen. Mein Orden unterstützt mich; und ich erlebe den Orden als Freiheitsraum für die Charismen des einzelnen.

Keine Sticheleien?

Sticheleien, nun gut, das auch. Aber meine Mitbrüder sagen ebenso: Toll, dass du heute Abend zu Maybritt Illner gehst. Ich bin aber sicher, der Orden wird mir auch sagen, wann es gut gewesen ist. Wenn der Provinzial will, dass ich Nachtwache mache auf einer Intensivstation, dann mache ich das. Er muss dann aber in Kauf nehmen, dass mich eventuell nach zwei Wochen ein Kamerateam auf der Station begleitet (lacht). Sie können einem Hund nicht das Jagen verbieten. Paulus sagt: Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde.

Interview: Roland Juchem

Foto: T. Osterfeld

Zur Person Paulus von Tarsus

Paulus stammte aus einer strenggläubigen jüdischen Familie in Tarsus/Kilikien im heutigen Grenzgebiet der Türkei zu Syrien. Von seinem Vater erbte er das römische Bürgerrecht, ließ sich vom Toragelehrten GamalielI. (um 20 – ca. 50 n. Chr.) zum Pharisäer ausbilden und lernte das Handwerk des Zeltma-chers. Genaue Lebensdaten des Paulus lassen sich schwer bestimmen. Ausgangspunkt ist eine Angabe in der Apostelge-schichte 18,12: Paulus wurde gegen Ende seines Aufenthalts in Korinth dem Statthalter Junius Gallio vorgeführt, der dieses Amt von Frühsommer 51 bis zum Frühsommer 52 bekleidete. Nach weiteren Angaben in seinen Briefen sowie in der Apostelgeschichte ergeben sich folgende, in der Forschung teils umstrittene Daten:

Kurz nach der Zeitenwende:

Geburt in Tarsus
Um 30: Tod Jesu
31/32: Berufung des Paulus und Rückzug nach Arabien
33/34: Erster Besuch in Jerusalem (14 Tage bei Petrus); Wirken in Syrien und seiner Heimat Kilizien, Aufenthalt in Antiochia
46/47: Missionsreise mit Barnabas nach Zypern und Südanatolien
47/48: Zweiter Besuch in Jerusalem: Kontroverse mit Petrus und Apostelkonvent
49–52: Missionsreise über Galatien, Philippi, Thessalonich, Athen nach Korinth; Gemeindegründung in Korinth (1,5 Jahre Aufenthalt); 1. Brief an die Thessalonicher, danach Rückkehr über Ephesus nach Antiochia
52–55: Missionsreise über Galatien, Phrygien nach Ephesus, wo er drei Jahre bleibt, auch Gefängnisaufenthalt; die Briefe an die Korinther, Galater, Philipper und an Philemon entstehen.
Winter 55/56: Besuch in Korinth; der Römerbrief entsteht.
56: Reise von Korinth nach Jerusalem, um die Kollekte für die dortige Gemeinde zu überbringen; Gefangennahme
56–58: Gefängnis in Caesarea
58: Überführung nach Rom
58–60: Aufenthalt und Tod in Rom

Blickpunkt 2008 - Kirchenzeitungen der Verlagsgruppe Bistumspresse, Osnabrück

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