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Sie befinden sich hier: Medien Medienresonanz 11. April 2009 Main-Echo - wer gehört werden will, muss richtig auftreten

Wer gehört werden will, muss richtig auftreten

Bruder Paulus Terwitte Nach drei Jahren Dieburg wechselt der »Wanderer zwischen den Welten« nach Würzburg - Am Sonntag 12. April - Verabschiedung

Vor drei Jahren wurde der Kapuzinermönch Br. Paulus Terwitte nach Dieburg beordert, um hier eine Berufungspastoral aufzubauen. Jetzt verlässt er die kleine Stadt schon wieder, um im Würzburger Kapuzinerkloster Käppele die neue Schwerpunkt-Gemeinschaft »Berufungspastoral« zu leiten. Am Sonntag wird Bruder Paulus in der um 17 Uhr beginnenden Ostervesper in Dieburgs Klosterkirche verabschiedet. Über seine pastorale Aufgabe, die Zeit in Dieburg, die Probleme der Kirche sprach Bruder Paulus mit unserem Redakteur Siegfried Schikora.

Nach nur drei Jahren wechseln Sie von Dieburg nach Würzburg. Auch dort geht es um die Nachwuchsförderung, die Berufungspastoral. War Dieburg der falsche Standort oder können Sie eine positive Bilanz ziehen, wie immer man das auch messen will?

Die Kapuziner sind nie allein. Wir versuchen, jedem Kloster eine spezielle Aufgabe zu geben. So wurde vor drei Jahren Dieburg ausgewählt für den Schwerpunkt Nachwuchspastoral. Dies war eine geradezu logische Entscheidung, weil in Dieburg noch ein normales Klosterleben herrscht, in dem die Gebetszeiten und Liturgiezeiten gelebt werden, die Brüder sich zurückziehen können. Dies alles haben die Gäste erfahren können, haben mitten unter uns gelebt. Dieburg liegt mitten in Deutschland, der Bahnhof ist hinter dem Kloster, das passt alles.


Und trotzdem gehen Sie weg?


Ich gehe weg, weil sich 2010 die rheinisch-westfälischen und die bayerischen Kapuziner zusammenschließen. Diese Vereinigung wird thematisiert mit dem Überthema "Berufspastoral". Das ist ein Neuanfang. Die Entscheidung pro Würzburg basiert darauf, dass Würzburg neben München und Altötting ein traditioneller Kapuziner-Standort ist. Andere Standorte werden aufgelöst.

In einer Fernsehsendung im NDR zu Beginn Ihres Dieburger Wirkens haben Sie gehofft, hier viele Leute zu finden,die Sie unterstützen. Wie sieht diesbezüglich ihre Erfahrung aus?

Ich habe schon in vielen anderen Klöstern gelebt, aber noch kaum eine solche Verbundenheit der Bevölkerung mit dem Kapuzinerkloster erlebt wie in Dieburg. Und das ist nicht personengezogen. Die Menschen in Dieburg haben eine unaufgeregte Zuneigung zu uns. Sie wissen, was sie an uns haben. Sie leben sogar unsere Gebetszeiten mit. Wenn ich vom Bahnhof komme, habe ich das Gefühl, ich komme nach Hause. Ein schönes Gefühl. Auch versucht die Pfarrgruppe hier nicht, die Kapuziner in ihre eigene Struktur einzuverleiben.Wenn es stimmt, dass in Dieburg ein Drittel der Menschen nicht der Kirche angehören, wäre allerdings auch für diese eine Art Berufungspastoral denkbar.
Vielleicht sollte man etwas für diese Menschen in Dieburg tun.

Ihre Gottesdienst-Gemeinde im Dieburger Kloster besteht zum großen Teil aus älteren Gläubigen, während Ihre Predigten aber sehr oft auf junge Menschen hinzielt. Ist das auf Dauer frustrierend und vielleicht auch ein Grund für Ihren Weggang?

Nein, nein - ich bin mit der Berufungspastoral beauftragt worden, auch um die Erfolglosigkeit der Kirche zu erleiden.
Wenn eine Pfarrei beispielsweise 80 Firmlinge anschreibt und 15 melden sich, dann ist das schon ein Problem. Aber man soll nicht nur nach Zahlen fragen, wir müssen den spirituellen Auftrag Gottes auch in die Provinz hineintragen. Niemand soll rumgekriegt werden. Vielmehr muss man bewusst machen, dass die Menschen von Gott berufen sind. So ist auch jede Predigt eine Erfahrung des heiligen Geistes. Obwohl ich schon mal frage, warum jetzt und hier? In Frankfurt hätte ich am Wochenende 1800 Menschen erreichen können, hier sind es vielleicht 200. Andererseits erreiche ich mit der Sendung »So gesehen« etwa 1,8 Millionen. Ich bin also ein Wanderer zwischen den Welten - und das gefällt mir!

Während man in der Kirche erfährt, dass manches, wie etwa die Anzahl der Gottesdienste oder auch die Präsenz von Priestern, zurückgefahren wird, sind Sie nicht nur tätig als Priester und Seelsorger, sondern auch als Buchautor, Fernseh-Moderator, Kommentator, gefragter Diskussionspartner. Hat Ihr Tag 30 Stunden, sind Sie ein »Hans Dampf in allen Gassen«?

Ich bin ein Kind des Marktes. Mein Papa hat auf dem Markt Obst und Gemüse verkauft, war ein Ökonom. Aber einer, der nicht nur verkaufen will, sondern auch, weil es Spaß macht. Und ich verkaufe halt gerne. Mein Problem: Ich kann nicht nein sagen. Eigentlich wollte ich jetzt die Kartage mit meinen Brüdern in Dieburg verbringen, aber da ruft eine Gemeindereferentin aus dem Sauerland an. Sie will junge Leute einladen zu einer Art Jugendkirche an einem Ort, an dem sonst nur gesoffen wird. Das ist eine Aufgabe, da habe ich einfach Spaß dran.

Sie geben Statements ab zum Uri-Geller-Wahn, zu Papst-Verunglimpfungen, zu pornographischen Internet-Seiten. Sie haben zu allem etwas zu sagen. Wäre nicht auch die Politik ein Gebiet für Sie?

Ich denke schon. Aber ich bin, wir alle sind Politiker. Auch wenn man den Mund hält und wegschaut, dann ist das politisch. Man muss das Evangelium ernst nehmen, den Ruf Gottes hören aufzubrechen. Die Selbs tzufriedenheit ist gefährlich, und das gilt für Atheisten genauso wie für Christen. Immer, wenn ich das Kloster mit dem Koffer verlasse, frage ich, wohin mich Gott heute wohl führt. Ich bin in seiner Mission unterwegs,bin ein Missionar. Das darf natürlich nicht zur Zelebration einer Ego-Manie werden.

Genau das wird Ihnen aber oft vorgeworfen?

Seit ich Priester bin, höre ich diesen Vorwurf. Das tut schon manchmal weh. Aber das ging allen Propheten so, und das muss Grund sein für eine Gewissenserforschung. Wer gehört werden will, muss richtig auftreten. Das gefällt mir übrigens so an der Dieburger Fastnacht, bei den Sitzungen und den Umzügen. Da wird richtig aufgetreten, das hat was von großer Spielfreude. Das ist ja so was von schön. Die Kirche heute ist aber wohl auftrittsschwach. Ich habe beispielsweise nichts gelesen von einer Äußerung der Kirche zu Opel. Und das gilt nicht nur für die da oben, auch für alle anderen. Jeder Laie ist von Gott berufen, sein Umfeld zu gestalten. Da gebe ich den evangelischen Brüdern recht, wenn sie sagen, bei den Talkshows sieht man nur noch Würdenträger. Als ob einfache Menschen nichts zu sagen hätten.

Angesichts des Priestermangels ist bei vielen Gläubigen das Thema »Frau als Priesterin« immer noch aktuell. Sind in der katholischen Kirche »vor Gott alle Menschen gleich« nur bis zu einem gewissen Punkt oder wie erklären Sie heute Menschen den Standpunkt der Kirche, »aus Treue zum Herrn« Frauen als Priesterinnen abzulehnen?


Meiner Würde als Mann tut es keinen Abbruch, dass ich keine Kinder gebären kann. Und der Würde einer Frau tut es keinen Abbruch, dass sie keine Kinder zeugen kann. Wenn Gott Männer berufen hat, ist das nicht gegen die Würde der Frauen und schon gar nicht gegen die Gleichberechtigung. Es gibt viele Beispiele für Frauen, die - angefeuert von den Sakramenten - ihren permanenten Gottes-Dienst in Familie und Pfarrei leben. Aber da muss ein neues Kapitel aufgeschlagen werden: Warum wollen wir Priester - oder von mir aus auch Priesterinnen? Ich hab da kein Problem mit. Wir müssen wegkommen von der Vorstellung, dass das Priesteramt ein erstrebenswertes Amt ist. Wen Gott will, den wird er berufen. Und dass muss die Gemeinde erkennen, sie muss ihn dann auch hinführen. Im Übrigen ist die Taufe ein Emanzipations-Sakrament. Mit ihr hat jeder den Grund in der Tasche, in die Welt zu gehen. Das muss man deutlich machen; die Menschen müssen Lust dazu kriegen, die Frohe Botschaft zu verkünden und zu leben.

Sie nutzen für Ihr priesterliches Wirken die modernen Medien wie kaum ein anderer Ihres Standes, verschicken Abendgebete auf Handys, regen Beichtzeiten-Suchmaschinen an. Ist dies für Sie nur ein Versuch oder haben Sie damit positive Erfahrungen gemacht, junge Menschen zu erreichen?

Auch wenn man den Mund hält und wegschaut, dann ist das politisch. Ich freue mich, dass ich etwa alle zwei Tage eine Mail kriege, wo jemand den Mut findet, einen Hauptamtlichen anzusprechen. Ich habe damit schon viele,viele Menschen in Empfang genommen an der Schwelle der Kirche. In der Kirche werden große Konzepte entwickelt für seelsorgerische Begleitung. Davon halte ich nicht so viel. Ich bin mehr ein Emmaus-Typ: Ich trete in das Leben der Menschen oder sie treten in meines, ich gehe ein Stück mit ihnen und verschwinde dann wieder - meist für immer. Ein Mail-Kontakt dauert meist wirklich nur eine, zwei Mails lang.

Und warum werden solche Möglichkeiten von anderen Priestern zu wenig oder gar nicht genutzt?

Vielleicht bin ich ja zu sehr der Zeit angepasst, mache nur das, was man überall macht. Gottes Mühlen mahlen ja so was von langsam. Der Papst sprach von der Geduld Gottes, unter der wir leiden. Ich möchte einfach, dass Gottes Saat aufgeht. Aber man muss es immer wieder deutlich machen: Es geht nicht darum,jemanden herumzukriegen. In den drei Jahren Dieburg bin ich 90 Interessenten für ein Klosterleben begegnet,von denen 70 Prozent um die 40 Jahre alt sind. Etwa zwölf von ihnen haben drei, vier Tage mit uns gelebt. Zwei sind in den Orden eingetreten, zwei weitere werden dies 2010 tun. Bei den Kapuzinern darf nur noch eintreten, wer höchstens 35 Jahre alt ist. Wir müssen den jungen Menschen begreiflich machen, dass das Leben heute anfängt. Viele nehmen sich selbst nicht ernst, aber das Leben ist nicht unendlich, wir müssen es in die Hand nehmen, nicht aufschieben. Ich habe von einer Talentbörse gehört, bei der geraten wurde, Lehrer zu werden. Und dann gab es eine Lehrerschwemme. Nein, jeder hat in seinem Herzen ein Geheimnis, dem man nicht davonlaufen kann. Wir müssen mehr auf unser Herz achten, auch wenn es der Umwelt unvernünftig erscheint. Viele junge Menschen, die heute etwa ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren,tun das nicht, um ihre Entscheidung aufzuschieben,sondern um diese klarer erkennen zu können.Sie stellen sich gewissermaßen ihrem Lebens-Vokativ. Haha, das Wort habe ich gerade erfunden.

Die Erfahrungen vieler Gläubigen in der jüngsten Vergangenheit lassen darauf schließen, dass die Amtskirche die Mitsprache der oft auch als »priesterliches Volk« bezeichneten Laien wieder zurückschrauben will. Hat das II. Vatikanum in Bezug auf die Beteiligung von Laien nicht das gebracht, was sich Papst Johannes XXIII. erhofft hatte?

Ich sag das mal aus der Perspektive eines Priesters. Ich habe sechs Jahre in der DDR gelebt, und da hat mir ein Direktor in Gera mal gesagt: "Die Leute sind wie Kaninchen, denen man die Stalltür geöffnet hat. Die gehen nicht raus." Alle Getauften und Gefirmten haben die Erlaubnis, sich auf den Weg zu machen. So langsam sieht man auch - dank des Priestermangels - in manchen Gemeinden ein wachsendes Selbstverständnis für das Eigenleben. Und in der Kirche werden immer mehr synodale Gremien installiert. Nein, das Mittun der Laien als priesterliches Volk wird nicht zurückgeschraubt.

Aber die Kirche ist keine demokratische Einrichtung. Laien können mitdiskutieren und sich artikulieren. Aber manchmal kann es auch sein, dass die Kirche handelt nach dem Motto "Es zieht uns zu viel, machen wir die Tür zu?" Nein, in der Kirche gibt es ganz sicher keinen Rechtsruck. Manchmal ist sie zu ängstlich. Oft hört man den Satz »Der Mensch ist hoffnungslos religiös«.

Was sagen Sie Menschen, vor allem jüngeren, die erklären, an einen Gott zu glauben, aber von der Kirche nichts wissen wollen?

Ziel kirchlichen Lebens ist, den Glauben an Gott zu befeuern - und nicht, Mitglieder zu gewinnen. Und wenn einer an Gott glaubt, ist dieses Ziel schon erreicht. Gott ruft uns, neue Gemeinschaften zu bilden. Und das kann ich in der Kirche verwirklichen - nicht, weil ich Hauptamtlichen helfen will. Die Kirche macht den Fehler, unter dem Zahlenwahn, der Zahlenangst zu leiden. Sie ist statistik-gläubig. Jesus spricht immer nur von zweien, dreien. Wir Kapuziner sind hier in Dieburg gerade fünf. Und Paulus spricht im Römerbrief zu den 200 Mitgliedern der Christengemeinde - in einer Millionenstadt Rom. Aber die Kirche hat sich selbst zuzuschreiben,dass sie den Eindruck der Menschheits-Verleugnung erweckt, Andererseits schleppen viele Familien ihre Kinder jeden Sonntag zum McDonalds-Frühstück, andere quälen sich im Fitnessstudio, wieder andere gehen zum Fußballtraining. Das wird zwar als Spaß verkauft, aber alles andere im Leben wird dafür hintenangestellt. Bestimmten Regeln muss man sich einfach unterwerfen. Das gehört wohl zum Menschen dazu und bedeutet keine Einengung.

Sind Sie selbst katholisch, weil »hineingeboren« oder nach Abwägung aus Überzeugung. Warum glauben Sie an Gott? Könnten Sie sich vorstellen, auch einer anderen mono-theistischen Religion anzugehören?

Hineingeboren oder Überzeugung? Ich habe mich für Gott entschieden. In der Taufe hat Gott mit mir einen Vertrag abgeschlossen, und den habe ich im Alter von 16 Jahren ratifiziert. Und dieser Vertrag ist ein Freiheitsbrief. Wir Christen leben in Freiheit, und deshalb ist die Kirche auch so streng, weil sie das ernst nimmt. Ein Fisch kann sagen, er glaube nicht an das Wasser - aber er lebt davon. Und die ganze Schöpfung ist ein Loblied auf den Schöpfer. Die Kirche macht den Fehler, unter Zahlenangst zu leiden. Sie ist statistikgläubig.

Und Sie haben noch nie gezweifelt?

Zweifel? Nein, das gibt es für mich nicht. Die Frage ?Gibt es Gott?? ist hochmütig. Selbst das Leid ist ein Kampf auf Gott hin. Alles wird vollendet. Wir müssen uns nur bemühen, nichtauf Morgen hin zu leben. Grundsätzlich halte ich es für unaufgeklärt, nicht an Gott zu glauben. Derzeit stehen die Zeichen wieder auf Sturm. Das Christentum ist keine Religion. Wenn es wahr ist, dass Gott Mensch geworden ist, dann bin ich - man darf das fast gar nicht sagen - vergöttlicht. Religiöse Menschen sehnen sich nach Gott, und Gott will nicht ohne Menschen sein. Ich gestehe aber zu: In der Liebe zu Gott gibt es schwarze Löcher. Das Charakteristikum der Liebe ist: Sie hat sich am meisten bewährt, wenn man sich an ihren Grenzen wähnt.

Main Echo, 11.-13. April 2009

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