Das Portal zum Menschen Bruder Paulus
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Sie befinden sich hier: Medien Medienresonanz 09. April 2009 Offenbach Post - Interview zum Abschied aus Dieburg

09. April 2009 - Interview Offenbach Post

1. Es brechen jetzt die letzten Tage an als Kapuziner in Dieburg. Sind Sie wehmütig?

Bruder Paulus:
Die Herzlichkeit der Aufnahme in Dieburg hat mich überzeugt, dass die Leute nicht auf die Person schauen. Sie nehmen jeden Bruder so, wie er ist: Kein Fanclub, keine Lobby für Einzelne. Da haben die Brüder in den letzten Jahrhunderten offensichtlich ein gutes Zeugnis gegeben. Ich gehe nicht gern von diesem geschichtsträchtigen Ort für uns Kapuziner.
 
2. Sie nehmen Abschied vom Rhein-Main-Gebiet. Wie haben Sie die Menschen hier erlebt, zeichnen Sie sich gar durch eine besondere Offenheit gegenüber Glaubensfragen aus?

Bruder Paulus:
Man darf da sicher nicht verallgemeinern. Mir ist aufgefallen, wie selbstverständlich multikulturell man hier ist. Das hat für mich auch eine religiöse Komponente: Vielen Mitbürgern aus anderen Kulturen ist es schlichtweg selbstverständlich, an Gott zu glauben. Und wer in Gott Halt findet, der hat Kraft zu einer Toleranz, die dem anderen sein Recht lässt, den ihm eigenen Weg zu Gott zu suchen. Offensichtlich wirkt eine solche Offenheit ansteckend.
 
3. Was hat sich denn in den letzten Jahren im religiösen Leben der Region am meisten verändert?

Bruder Paulus:
Zu der Selbstverständlichkeit, die eigene Religion zu pflegen, ist das typisch Deutsche hinzugetreten, darüber nachzudenken. Ich habe den Eindruck, dass der Dialog mehr eingefordert wird, aber noch zu einseitig von uns Deutschen. Die Experimentierfreude der Christen hat zugenommen, ihre Mitmenschen neugierig auf das Evangelium zu machen. Und dann ist da noch ein Kapuzinerbruder gewesen … (lacht)
 
4.  "Wir reden uns ein, dass das Eigentliche noch aussteht und wir uns deswegen auch hier und heute nicht zu engagieren brauchen." heißt es in Ihrem neuen Buch "Das Leben findet heute statt! Ein Anschlag auf die Vertröstungsgesellschaft". Welchen Rat geben Sie Menschen - ist es nicht gerade jetzt Zeit, voller Hoffnung ans Werk zu gehen?

Bruder Paulus:
Genau darum geht es mir in meinem Buch! Wir müssen aufhören, uns einzureden, wir könnten die Erneuerung auf Morgen verschieben. Jeder hat doch Fähigkeiten, mit denen er sich einbringen können muss. Daraus entsteht ein Anspruch an Arbeitgeber wie Arbeitnehmer. Im Mittelpunkt muss das menschliche Miteinander stehen, für das wir unsere Ansprüche verändern können müssen. Arbeitsplätze werden sich ändern, Firmen eine neue Gestalt erhalten. Wir brauchen eine Allianz der Erneuerung, die sich für das Gemeinwohl interessiert und dieses durch den eigenen Beitrag fördern möchte. Mit einem Wort: Weg vom Ego und hin zum Verein, zur Partei, zur Gewerkschaft, zum Arbeitsgeberverband, zur Handelskammer. Wir haben Gott sei Dank manches Recht im Statt, aber eben auch die Pflicht, durch eine angemessene Selbstbeteiligung den Staat zu formen.
 
 
5. "Das christliche Abendland ist gerade dabei, diesen Namen (Jesus) zu verspielen", sagen  Sie.
Wichtig ist Ihnen, christliche Positionen in der gesellschaftlichen Diskussion zu Gehör zu bringen. Ist dies schwieriger geworden?


Bruder Paulus:
Es gibt in unseren Landen eine bemerkenswerte Geschichtsvergessenheit . Sie führt uns geradewegs in  ein neues Heidentum. Die Folgen sind gravierend. Wo Gott nicht mehr gefürchtet wird, gibt man auch auf sein Ebenbild nur noch soviel, wie man daran verdienen kann. Es ist doch bedenklich, wenn manche Betriebe lieber die Schwerbehindertenzulage zahlen als einen Schwerbehinderten einzustellen. Hinzu kommt: Die Menschen haben spürbar mehr Angst. Es will mir gar nicht in den Kopf, dass Astro- und Kartenlegesendern soviel Geld zugetragen wird. Ihr magisch sich gebende Brimborium spielt mit den Unsicherheiten der Leute, sie könnten verflucht oder sonstwas sein. Die geradezu apokalyptischen Bilder, mit der die Finanzkrise beschworen wird, würden durch eine ordentliche Hoffnung auf den wiederkommenden Christus die erstarrten Hirne wieder in Bewegung setzen: Am Ende werden nicht die fünf reichsten Menschen der Welt oder irgendein Konzern siegen; das alles wird untergehen und am Ende, so hoffen Christen, wir Gott mit den Menschen als Sieger dastehen. Deswegen feiern wir ja Ostern: Der Mensch – das Menschliche – wird von Gott zum Sieg geführt!
 
6. Es gibt in der öffentlichen Debatte immer das Wort vom Gutmenschen. Ich meine, bei Ihnen muss man sagen, Sie verzichten auf Vieles. Woher kommt das? Wenn ich ein Werbemanager wäre, würde ich jetzt sagen: "Das ist das perfekte Marketing, wenn ein Mönch sich so verkauft..." Was sagen Sie?

Bruder Paulus:
Wenn Sie Frau und Kinder und eigenen Besitz sowie Selbstbestimmungsrecht für den Aufenthalt meinen, mag das hinkommen. Das habe ich freiwillig zum Lebensprogramm gemacht, weil Jesus so gelebt hat. Ich folge nicht einer Philosophie, sondern einem Menschen. Besser gesagt: Dem Menschen schlechthin. Ich bin ohne diese Freundschaft mit Gott, die mir Jesus schenkt, gar nicht verstehbar. Wenn ich dann hin und wieder auch mal gut bin, danke ich Gott, dass es so ist. Ich erfülle nicht mehr als meine Pflicht und setze die Talente ein, die mir Gott gegeben hat. Die sogenannten Gutmenschen sollten sich merken, dass ihre Mitmenschen schlauer sind, als manche meinen. Man merkt doch sofort, ob einer vom Herzen her so lebt oder nur auf einen Effekt aus ist. Die Bibel bewahrt über meinen Namenspatron eine schöne Erinnerung auf, die mir schon als 20-jähriger an die Tür meiner Klosterzelle geheftet wurde: Paulus stand auf dem Marktplatz und sprach alle an (Apg 17,17).
            
 
7. Wird sich Ihr Arbeitsauftrag im Orden jetzt entscheidend verändern.

Bruder Paulus:
Der Grundauftrag bleibt: Ich soll junge Männer aufmerksam machen auf die Möglichkeit, als Kapuziner ein erfülltes Leben für Gott und die Menschen zu führen. Wir werden zusammen mit der bayerischen Kapuzinerprovinz schon vor der Vereinigung zu einer einzigen Ordensprovinz in Deutschland auf fränkischem Boden ein Zeichen setzen, dass das Ordensideal des Heiligen Franziskus Zukunft hat. Die neue Gemeinschaft wird auf dem Käppele, dem wichtigsten fränkischen Wallfahrtsort, an die dortige Kapuzinertradition anschließen, aber auch nach Akzenten suchen, die der Nachwuchssuche zuträglich sind. Meine Aufgabe wird es sein, weiterhin per HR4, Sat1 und N24, mit Büchern, Interviews oder durch die Teilnahme an Talksendungen im Fernsehen die Frohe Botschaft für die Menschen von heute zu verkünden, immer in der Hoffnung, an meinen Arbeitsorten den einen oder anderen zu treffen, der das Zeug hat, mein oder der Nachfolger anderer Kapuziner werden für die Zukunft des Ordens und zum Wohl der Mitmenschen in den kommenden Generationen.
 

Peter Schulte-Holtey, Offenbach Post,  09. April 2009

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