Der Mensch in Gemeinschaft, der Mensch voller Freude - ach, die Plakatmacher überschlagen sich in der Ideenfindung. Die Tatsachen sind anders.
Da hat jemand nach Jahren seinen Glauben verloren. Mit wem kann er darüber sprechen? Da ist jemand neu auf Gott gestoßen? Wer belächelt ihn nicht mitleidig? Da erfährt eine Frau, dass ihr Partner eine "Neue" hat. Wohin geht sie mit dem Schmerz? Da ist jemand über Jahre psychisch krank. Wer will mit ihm noch etwas zu tun haben?
Katastrophen im eigenen Leben führen in die Einsamkeit. Dies ist zunächst schrecklich. Wer will schon allein sein. Wer kann es schon aushalten ohne einen Ansprechpartner? Es tut einfach weh, wenn zum Schmerz des Unglücks, dass mich traf, mich auch noch schmerzt, dass die Freunde weggehen. In der Karfreitagsliturgie werden wir Psalmverse hören: Zum Spott geworden bin ich all meinen Feinden, ein Hohn den Nachbarn, ein Schrecken den Freunden; wer mich auf der Straße sieht, der flieht vor mir. (Ps 31,12) Noch schlimmer scheint es jene zu treffen, die sich doch eigentlich für gläubig hielten. Manchmal kann es so schlimm kommen, dass einem auch noch Gott fern zu sein scheint. Wie dann die Umgebung, die von der eigenen Frömmigkeit wusste, reagiert, weiß der Psalmist: Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott, vom Volk verachtet. Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf: "Er wälze die Last auf den Herrn, der soll ihn befreien! Der reiße ihn heraus, wenn er an ihm Gefallen hat." (Ps 22,7-9)
Wie kann die Einsamkeit im Leid bewältigt werden? Die österliche Bußzeit und dann die Tage vor den Heiligen Drei Tagen Karfreitag, Karsamstag und Ostern laden dazu ein, einen Weg in der Einsamkeit zu wählen. Ja, Sie haben richtig gelesen: Es geht um eine Wahl. Die Wahl, wirklich Mensch sein zu wollen - aber als einer, der richtig Maß genommen hat. Mir scheint, dass es daran vor allem fehlt: An einem richtigen Maßstab für das eigene Glück und das eigene Leid.
Die österliche Bußzeit hält für die Suche nach dem maßvollen Lebensglück ein Meditationsbild bereit, dass wir uns für diese Zeit ins Refektorium gestellt haben: Jesus in der Einsamkeit. Geschlagen sitzt er auf einem Stein. Den Kopf in die Hand gestützt. Die Verachtung hat ihn ganz und gar getroffen. Er macht sich seine Gedanken. Es ist der Augenblick der Wahl. Der Wahl in der Einsamkeit.
Dies ist wohl das tiefste Geheimnis: Menschsein heißt einsam sein. Nie versteht mich einer ganz. Nie kann ich ganz aus mir heraus. Nie kann ich selbst den Geliebstesten ganz an mich heranlassen. Davor nicht wegzulaufen, darin zu bestehen und schließlich auch darin zu wachsen - das ist die Herausforderung. In dieser existenziellen Einsamkeit bin ich nicht der passiv Leidende. Ich kann darin wählen und ergreifen - oder sitzen bleiben und eines unpersönlichen Todes sterben.
Obwohl mir Einsamkeit als Mensch aufgegeben ist, kann ich in der Einsamkeit noch wählen. Die Botschaft der österlichen Zeit: Gott selbst hat diese Einsamkeit gewählt. Die grundsätzliche und die im Leid. Und der, den wir da sitzen sehen im Augenblick der Wahl - das ist der uns zur Seite und ins Herz gegebene Bruder. Er kommt uns näher als wir uns nahe kommen können in all unseren Fragen. Er trägt schwer mit an all dem, was unser Leben durchkreuzt. Ich bestaune unser Kunstwerk immer wieder: Hier sehe ich, wer ich bin. Ein einsamer Mensch, der gewählt wurde zum Gefährten dessen, der alle Einsamkeit des Menschen in sich aufnahm und übers Kreuz in die Vollendung führte.
Vielleicht nehmen Sie sich Zeit in diesen Tagen, die Freundschaft mit diesem Bruder, den Gott uns gab, zu pflegen. In Stille, im Betrachten eines Kreuzes mit neuen Augen, mit den Augen der Liebe: "Freundschaft bedarf keiner Worte - sie ist Einsamkeit, frei von der Angst der Einsamkeit." (Dag Hammarskjöld).
Es gehört das einsame Gebet mit zu den Aufgaben der Schule, in die uns diese Zeit nimmt. Ich wünsche Ihnen sehr, dass Sie die Freude einer geglückten Wahl erfahren. Gott führe Sie hinaus aus der lieblosen Einsamkeit in jene, die im entscheidenden Augenblick den Weg wählt, den Er selber für Sie gewählt hat.
Br. Paulus Terwitte