Mittel.Punkt
Dezember 2008
Das Gewissen des Menschen gibt ihm bessere Auskunft als sieben Wächter auf der Warte. Sir 37,14
Wachet auf, lockt uns die Stimme. Und stell dir vor, nicht alle gehen hin.
Das Adventslied freilich geht davon aus, dass es richtig ist, dem Bräutigam entgegenzugehen. Wegen der Lautstärke der Weckenden? Oder gar wegen ihrer erhöhten Position hoch auf der Zinne? Selbst die Massenbewegung derer, die ihre Lampen nehmen, ist kein Grund, auch selbst aufzustehen. So faszinierend die Bilder von Völkerwanderung sind, die dem Herrn in den Freudensaal folgen: Jeder muss sich zunächst selber vergewissern, ob dieser Weg richtig ist. Nur dann wird die Vielzahl beim Abendmahl im Freudensaal wertvoll.
Das Persönliche zählt mehr als die Konformität in der Masse. Was viele denken, ist noch längst nicht richtig. Keiner kann sich mit dem Fingerzeig auf die vielen um sich herum aus der Verantwortung nehmen.
Die Ankunft dieser einfachen Wahrheit in diese Welt und im Gewissen des Einzelnen erneuert das Antlitz der Erde. Das dieser Advent nötiger denn je ist, erweist sich in den Diskussionen der letzten Wochen um das Gewissen von Abgeordneten.
Klar: Der Demokratie liegen Mehrheitsentscheidungen zu Grunde. Falsch aber ist: Per Mehrheit lässt sich die Wahrheit herausfinden. Daraus ergibt sich ein Spagat, den das Grundgesetz nicht auflöst. Einerseits bestimmt es, dass jene Abgeordnete werden, die die Mehrheit der Stimmen auf sich vereinigen. Andererseits umgibt es jeden Gewählten mit einem hohen Persönlich-keitsschutz: Er ist allein seinem Gewissen verpflichtet. Der Konflikt zwischen Wählern und Abgeordneten mag noch im direkten Dialog zu klären sein; der Wähler kann sich vergewissern, dass sein Abgeordneter sich zwar anders verhält, als er vorher angekündigt hat, dies aber tun zu müssen meint, da er seinem Gewissen ein höheres Gewicht beimisst: Es kann im Lichte neuer Tatsachen zu neuen Ergebnissen kommen. Die Wähler werden mitgehen, wenn sie erkennen können, dass die Meinungsänderung nicht auf selbstsüchtigen Motiven beruht.
Die Schwierigkeit taucht da auf, wo Abgeordnete nicht direkt gewählt werden, sondern über Listen ihrer Parteien in die Parlamente gelangen. Der Wähler muss einer Partei vertrauen, die richtigen Leute aufgestellt zu haben. Die Gewählten ihrerseits scheinen nunmehr indirekt der Partei mehr verpflichtet zu sein als dem Volk - und kommen in eine unlösbare Spannung, wenn sie der grundgesetzlich verbrieften Pflicht nachkommen müssen, ihrem Gewissen zu folgen, und dieses Gewissen es ihnen gebietet, sich in Gegensatz zu der Partei zu stellen, durch die sie in eben diese Gewissenspflicht hineingekommen sind.
Wie können Parteien im Blick auf den beschriebenen Konflikt sinnvoll arbeiten? Wie entkommen sie dem Verdacht, nur noch solche Mitglieder in die Parlamente gelangen zu lassen, die im Falle eines Falles die Parteiräson höher ansetzen als ihre persönliche Gewissensüberzeugung? Allem zugrunde liegt die Frage, welche Kommunikation in den Parteien gepflegt wird. Gratmesser dafür ist, welche Mechanismen sie sich gegeben haben, den Minderheitenmeinungen Gehör zu verschaffen, die weniger hoch auf der Zinne zu finden sind, mehr jedoch bei Hirten. Interessant, dass von Minderheiten weg Gott einen David oder Amos zu Propheten gerufen hat.
Machen wir uns „auf zum Stalle“. Die Stimme des guten Hirten ruft uns. In seinem Krippen-Mindersein entfaltet er Gottes Kraft. Mit ihm müssen wir alles tun, damit Mehrheiten wertvoll sind.
Ihr Br. Paulus Terwitte