Angesichts der Tatsache, dass 400.000 Fachkräfte in Deutschland fehlen, hat die die Wirtschaft Sorgen, ob das Wirtschaftswunderland auch weiterwachsen wird. So hat wie viele, auch BOSCH eine Stelle für „Personal Recruiting“ geschaffen. Darauf sitzt ein Mann, der dazu beitragen muss, dass junge Menschen den Wunsch bekommen, sich bei Bosch zu bewerben. Der Mann ist aktiv. Er hat zur diesjährigen Hannover Messe jungen Studenten und angehenden Ingenieuren eine Busfahrt mit Messeeintritt und Verpflegung angeboten. In Kaiserslautern stiegen ganze vier Studenten zu, in Frankfurt und Kassel waren es dann zwar mehr, aber der Bus wurde nicht voll. Flyer Druck, Plakatentwurf für die Hochschulen, Bus, freies Essen in Restaurants, Eintrittskarten für die Messe – es war ein stattlicher Betrag, den Bosch dafür eingesetzt hatte. Doch nur wenige ließen sich locken, zum Betrieb zu finden, um dann dort, wie es der Betrieb erhofft, zu bleiben nach der Ausbildung.
Soviel Geld habe ich natürlich nicht, als Personal Recruiting Beauftragter für unseren Orden; ich suche ja jene jungen Männer, die den Wunsch entdecken sollen, Kapuziner zu werden. Und auf dem anderen eher privaten Sektor ist es ebenso: Wenn ich es richtig lese, suchen auch Frauen nach Männern, die bereit sind, früh genug Ja zu sagen. Auch da sagen Umfragen, dass (zu?) viele Männer sich das vor dem 35. Lebensjahr gar nicht vorstellen können.
Für den Beruf ist klar: Das Bleiben bei einer Firma wie etwa BOSCH, um dort dann vierzig Jahre zu bleiben, ist mega-out. Heutzutage muss man eine Karriere anzubieten haben, die viele Firmen durchlaufen hat. Man muss von einem zum anderen gehen. Flexibel sein. Binde dich nicht zuviel ein. Vernetze dich zwar, aber halte dich frei. Für die private Entscheidung gilt Ähnliches.
Frei halten? Ja, was ist das denn, frei sein? Ein evangelischer Pfarrer, der Dienstvorgesetzter und Chef von drei evangelischen Kindergärten bei Darmstadt ist, berichtete mir, dass es für ihn immer wieder eine schmerzliche Erfahrung in seiner Tätigkeit als Vorgesetzter in Kindereinrichtungen ist, dass Kinder von Eltern wie eine Störung gesehen werden. „Wir hatten uns noch soviel vorgenommen, und jetzt muss einer wenigstens immer daheim bleiben …“. Dass es Freiheit sein kann, von der Liebe in die Pflicht genommen zu werden: Diese Vorstellung ist weithin aus der Mode gekommen. Man bringt eher die Freiheitsrechte in Anschlag. Fängt man mit Freiheitspflichten an, wird schnell abgewunken. Wir brauchen vielleicht so etwas wie eine neue Klärung im trüb gewordenen Brunnen der Freiheit.
Niemand kann alles je erleben. Das demütig anzuerkennen ermöglicht der Glaube, dass Gott die Fülle gibt. Niemand kann alles und niemand kann überall (gewesen) sein. Aber Gott, der das Alles ist und der überall Gott ist, kann uns von seinem Reichtum geben. Freiheit heißt dann eben nicht, sich nirgendwo, sondern sich irgendwo niederzulassen, mit klarem Verstand gewählt zwar, aber eben doch wissend um das Endliche in der Wahl.
Wenn es auch Exodus- und Wanderschaftsmotive sind, die heute viele ansprechen: Jesus sagt: „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch.“ Was den Zeitgenossen heute daran eher schreckt, als dass es ihn beruhigt, zeigt ein Liebes-Aphorismus: Sie hat mich in ihr Herz geschlossen; hoffentlich komme ich da wieder raus. Gönnen Sie sich im Urlaub den Blick von außen auf Ihr Leben: Wenn man „mal eben weg“ ist, dann doch auch, um gern (wieder) anzukommen, wo man frei bleiben soll.
Gesegnete Urlaubstage!
Ihr Br. Paulus Terwitte