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Mittel.Punkt. (Mai 2008)

Jesus hat sich selbst kraft ewigen Geistes Gott als makelloses Opfer dargebracht Hebr 9,14

Jörg Kürschner musste man es einfach glauben. Die Gruppe von mehr als zwanzig Mitgliedern folgte seinen Schilderungen gebannt. Er berichtete von seiner Zeit in dem Gefängnis, dass er 1979 von innen kennen lernen musste: Das Stasi- Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen. Was man ahnden wollte: Er hat Bücher mit Texten von DDR-Autoren in die DDR eingeführt.

Das Regionalgruppentreffen in Berlin am 29. April führte uns in einen Teil der deutschen Geschichte, der, wie wir erfuhren, von interessierter Seite durchaus gern verschwiegen werden will: Den Umgang des Ministeriums für Staatssicherheit mit den Bürgerinnen und Bürgern der eigenen Gesellschaft.

Kürschner zeigte uns das U-Boot, ein Gefängnistrakt mit Dunkelzellen in der ehemaligen Großküche des Industriebetriebes, der nach dem Krieg in ein Gefängnis der Sowjets umgebaut wurde. Wir folgten ihm in die Schleuse, in der er selber eingeliefert wurde. Wir sahen die Vernehmungsräume, in denen es durchaus auch die Gut-Menschen unter denen gab, die die Gefangenen vernahmen.

Begleitet hatte mich mein Neffe Johannes, 24 Jahre und nicht der einzige junge Mensch auf dem Gelände. Im vergangenen Jahr waren viele Schulklassen unter den über 220.000 Besuchern. Mich begann während der Führung die Frage zu beschäftigen, ob diese jungen Menschen bereit sein würden, an einem Tag X, der nie kommen möge, willige Helfer von Schergen zu werden? So unangenehm mir diese Frage auch ist: Wer rüstet sie für das Dilemma, dem Berthold Brecht mit seiner Mutter Courage ein Denkmal gesetzt hat?

Sie wollte ihre Kinder aus dem Krieg heraushalten. Als sie jedoch einem Feldwebel eine Schnalle verkaufen will, wirbt ein anderer Werber ihren Sohn Eilif an. Sie stellt die Interessen der Händlerin über die Mutter. Ihr Programm, sich gleichzeitig aus dem Krieg herauszuhalten und am Krieg zu verdienen, kann sie nicht verwirklichen. So sieht sie sich gezwungen, auch dem Krieg etwas zu geben.

Es braucht für die moralische Tat den Entschluss, ihretwegen auch Nachteile in Kauf zu nehmen. Mit Mutter Courage führt Brecht vor, dass diese Wahl nicht einfach ist, sondern vielschichtig.

Einmal mehr durchfuhr mich bei unserem Rundgang die Dankbarkeit, Gott auf der Seite der Opfer zu wissen, da er selber Opfer wurde. Dass Jesus sich zum Opfer gar dargebracht hat, hört man in der heutigen Verkündigung selten. Man mag sich nicht vorstellen, dass Gott ein Opfer nötig habe, um sich mit den Menschen zu versöhnen. Nun, er hat es auch nicht. Aber wir haben es nötig. Wir sollen ein für allemal aufhören, Erlösung, Himmel oder Zufriedenheit mit Gewalt zu holen.

Jesus bleibt für uns entschieden bei Gott. Das störte das selbstzufriedene Kreisen von Systemen und Menschen um sich selber. Und es stört sie bis heute. Es macht sie aggressiv. Es demaskiert ihr Gut-Menschen-Getue.

Am eindrücklichsten war für mich bei diesem Rundgang mit Jörg Kürschner, der nachfolgenden Generation in dieser Gedächtnisstätte begegnet zu sein. Es hat mich zum Gebet geführt. Möge der Geist Jesu, den er am Kreuz aufgab, ihre Herzen erreichen. Nur so werden sie befähigt, nicht Täter oder Täterin zu werden. Und bereit, aus Liebe zur Wahrheit, wenn es sein muss, auch Opfer zu werden.

Ihr Br. Paulus Terwitte

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