Du sollst ihm deine Hand öffnen Dtn 15,8
Wie ein schattenspendender Baum recken sich Wegkreuze in die Höhe. „Mit seinen Flügeln schirmt dich der Herr!“ (Psalm 91,4) beziehen die Bibelkundigen unter den Christen schon lange auf die ausgestreckten Arme Jesu: Statt die Faust zu ballen angesichts der Gewalt, die ihn ans Kreuz schlägt, bleibt er menschenzugewandt. Und gottzugwandt.
Hier liegt der Grund, warum sich unsere Vorfahren solche Kreuze an die Verkehrswege stellten. Denn in der Hast des Lebens kann man schon mal außer Atem geraten. Und aus der Ordnung kommen. Aus unserem Willen zu einem guten Leben wird eine Zelebration der Privatheit: “Ich mach jetzt nur noch meine Sachen. Sollen die andern doch sehen, wo sie bleiben!“ Aus unserer ausgestreckten Hand wird plötzlich die Faust, mit der wir uns selber retten wollen.
An den Straßenkreuzungen des Lebens brauchen wir solche starken Erinnerungszeichen wie dieses Wegkreuz. Es weist uns darauf hin, dass wir, um uns selber zu retten, die Faust gegen die anderen ballen. Die Nachrichten sind voll von solchen vergeblichen Versuchen der Selbstbeglückung. Topmodells und Superstars träumen vom Aufstieg und können sich doch vor dem Fallen nicht schützen; sie leben nicht lange im Durchlauferhitzer der Aufmerksamkeitsindustrie. Wer rücksichtslos an seiner Karriere bastelte, landete schneller auf dem harten Boden der Realität, als der Dax fallen konnte. So sitzt mancher, der gestern noch einen „bomben(!)-sicheren“ Job zu meinen hatte, heute auf dem Flur der Arbeitsagentur neben denen, für die er nur Wochen zuvor ein abschätziges Lächeln übrig hatte.
Solcherart Fallen gehört zum Menschen. Es führt zur himmelschreienden Sünde einer immer weiter auseinander-klaffenden Schere von arm und reich. Die Sucht nach dem nur eigenen Erfolg macht blind für den erlösenden Beitrag aller zum Wohlstand aller. Solche Untreue zu den Werten, auf die das Zusammenleben der Gesellschaft beruhen, haben ihr Spiegelbild in der Untreue, die im Privaten zum guten Ton verkehrt wird: Es scheint geradezu chic geworden zu sein, das Gefühl über die versprochene Liebe zu stellen oder den augenblicklichen Gemütszustand über die Freiheit der Hingabe eines ganzen Lebens.
Das Kreuz an den Wegen fragt die Vorüberfahrenden, ob sie noch entschieden sind, sich die Bewahrung des wahrhaft Menschlichen etwas kosten zu lassen. Oder, ob sie das Leben billig haben wollen mit all den erbärmlichen Folgen: Der da hängt, wurde ungerecht verurteilt. Der Gute wurde gekreuzigt. Der Wertvolle bespieen. Das Kreuz demonstriert, wozu wir Menschen uns hinreißen lassen. Das Kreuz protestiert dagegen, dass wir uns damit abfinden.
Ostern besingt, dass Gott diesen Gehenkten nicht im Tod ließ. Die Hand Jesu, die sich nicht drängen ließ, zur Faust zu werden, sollte ewig offen bleiben. Und das heißt nicht weniger als: Für jeden geöffnet sein. Damals. Heute. Morgen.
Ostern besingt, dass das letzte Wort nicht der Egoist hat. Dass die größte Tat nicht mit Gewalt vollbracht wird. Dass der letzte Sieg die Menschheit nicht in Überwältiger und Überwältigte spaltet. Darüber zu sprechen wagen Christen, die von Gott das letzte Wort des Gerichts erwarten. Der auferweckte Herr lädt die Menschheit dauerhaft zu der Menschlichkeit ein, die von Gott her nicht mehr totzukriegen ist. Sie bleibt, so sagt es Ostern, ein für alle Mal lebendig. Sie umschließt auch den Verbittertsten und lädt ihn ein, ganz langsam die verkrampfte Faust zu öffnen und Auferstehung zu versuchen.
Gesegnete Ostern!
Ihr
Br. Paulus Terwitte