Mittel.Punkt. (Februar)
Du hast Nachsicht mit den Sünden der Menschen. Weish 11,24
In der Hoffnung auf Umkehr lässt Gott Gnade vor Recht ergehen.
Diese Botschaft durchzieht die Heilsgeschichte wie ein roter Faden, der mit der Leidenschaft Gottes getränkt ist. Er leidet an seinen Menschenkindern, die er inmitten der Schöpfung sich selbst zum Lobpreis erschaffen hat. Und es leiden auch diese Menschenkinder; sie können sich nicht mehr vollkommen dieser leidenschaftlichen Liebe überlassen, die Gnade vor Recht ergehen lässt, weil sie in einer unheilvollen Geschichte eingespannt sind.
Dass Gott in seiner Leidenschaft für den Menschen am Menschen zu leiden bereit ist, stellt uns der gekreuzigte Herr vor Augen. In der österlichen Bußzeit lädt er uns ein, dieses Drama neu zu verinnerlichen: Der Mensch erweist sich seiner Berufung unwürdig. Als Erblast beschwert die Geschichte von Schuld und Sünde jedes Neugeborene.
Darum können die Lieder der Fastenzeit singen: „Was du, Herr, hast erduldet, ist alles meine Last. Ich, ich hab es verschuldet, was du erlitten hast." Die Dichter finden in den Schlägen, die Jesus treffen, alle Schläge wieder, die je Menschen von Menschen trafen, heute treffen und noch treffen werden. Wer leugnet, damit zusammen zu hängen, stellt sich außerhalb der Menschengemeinschaft. Niemand kann nämlich aus der Menschheit austreten. Das ist die bittere Wahrheit über den Menschen. Darum musste Gott in die Menschheit eintreten, um den Menschen radikal zu reformieren. Es ist Gottes Leidenschaft, die ihn Mensch werden lässt, ohne vorher ein Versprechen den Menschen abzunötigen, sie wollten von jetzt an nur noch göttlich leben.
Die großen Heiligen haben ob dieser Liebesvorgabe geweint. Wir konnten ja leider nicht, mit wenigstens einer kleinen Gruppe im Kloster Helfta zusammenkommen. Dort wären uns die drei Frauen von Helfta und ihre lebendigen Nachfahren als mächtige Zeuginnen der göttlichen Liebe begegnet. Gottes Leidenschaft macht nicht Halt vor den Stop- Schildern, die Menschen ihm und einander aufstellen. Er durchbricht eine Logik, die nach einer falschen Handlung Gesten der Unterwerfung oder „Bauernopfer" sehen will. Mag etwas noch so falsch gelaufen sein: Gott denkt gut vom Menschen und bleibt bei seinem Angebot. „Gottes unendliche Geduld", von der Papst Benedikt XVI. in der Ansprache bei seiner Einführung in den Petrus-Dienst sprach, ist nicht leicht zu verstehen. Warum er die Welt nicht vernichtet hat, nachdem Barbaren Sein Volk im Holocaust zu vernichten trachteten, daran rätseln Theologen und einfache Beter bis zur Verzweiflung über den Gott des Friedens und der Gerechtigkeit. Und über den Menschen, dem Frieden und Gerechtigkeit im Umgang miteinander nicht gelingen wollen.
Erlösung in diesem Kampf hat Gott im Menschen Jesus Christus geschaffen. In ihm hat sich die Sünde totgelaufen. Er ist der treue Zeuge, der mitten unter uns lebt als Auferstandener Herr, der uns täglich persönlich zu einem Neuanfang motiviert. Im Blick auf IHN kann jeder den Grund finden, warum er einen Menschen nicht aufgeben will. Es ist eine Hoffnung, die oft nicht mehr als dornengekrönt wird, „voller Schmach und Hohn." Dennoch wird sie siegen. Gnade darf um Gottes Willen vor Recht ergehen. Manche, die rechtlich gehindert sind in der Kirche warten jetzt darauf, dass man auch ihnen die Hand entgegenstreckt.
Ihr Br. Paulus Terwitte