Gottes Liebe tun
Überlegungen zum sogenannten "Gebot" der Gottes-, Selbst- und Nächstenliebe
Im Folgenden lesen Sie, warum ich sage: Liebe ist Wille zum Guten und Richtigen. Sie entspringt nicht den Hormonen. Ihre Triebfeder ist das Gehirn. Sie beurteilt, wonach uns gelüstet. Sie formt, was uns erregt. Sie vollendet, was wir beginnen. Sie durchdringt alle Bereiche unserer Existenz mit der Frage: Wozu? Ist das sinnvoll? und: Wirklich? Willst du das wirklich? Die Liebe drängt uns, echt zu sein. Sie fordert uns, das Vordergründige zu durchschauen. Sie öffnet unsere Fixierung auf das Heute für das Gestern und das Morgen. Deswegen sagen wir: Die Liebe ist ewig. Sie kann uns in einem Augenblick alles schenken, was wir brauchen. Wenn wir in ihr bleiben.
Im Evangelium der Liebe lesen wir bei Johannes Jesu Wort: "Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!" (Joh 15,9) Dies ist die Linie, die der Christ nachgeht. Allem voran ist die Liebe des Vaters. Allem voran ist die Ewige Liebe des Vaters zum Ewigen Sohn. Allem voran ist Gott, Ewiger Heiliger Geist, der den Ewigen Vater und den Ewigen Sohn miteinander verbindet. Auch wenn Sie beim Lesen jetzt schon ungeduldig werden: Wer die Liebe erfassen will, wie sie wirklich ist, muss bei der Liebe verweilen, wie sie in Gott herrscht: Vollkommende Hinordnung des Vaters auf den Sohn im Heiligen Geist, vollkommende Hingabe des Sohnes an den Vater im Heiligen Geist, vollkommene Erfüllung des Heiligen Geistes im Ewigen Verbinden des Vaters und des Sohnes. Spüren Sie nach, wie rein der Austausch ist, in dem sich Gott in sich selber aneinander erfreut. Was Sie als Kind vielleicht als lästiges und undurchschaubares Zahlenspiel abgetan haben, können Sie als Erwachsener jetzt aufnehmen: Dass Gott nicht einsam und despotisch für sich ist, sondern Einer, der ganz aufgeht in der Hingabe an den Anderen in sich selber. Die Rede von Vater und Sohn und Heiliger Geist wahrt den Glauben, dass Gott beziehungsreich ist und schön, nie genug hat und nie satt ist, sondern immer in Bewegung und ewig jung.
Verstehen Sie jetzt, warum Jesus sagt: Bleibt in meiner Liebe! Wer sich an ihn hängt, nimmt teil an diesem Beziehungsreichtum in Gott. Durch die Taufe bejaht der einzelne, in der ewigen Bewegung auf Gott zu und in der ewigen Bewegung Gottes auf den Menschen zu zu bleiben. "Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm. (1 Joh 4,16b). Und: "Niemand hat Gott je geschaut; wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollendet." (1.Joh 4,12) Hier wartet auf alle, denen die Taufe als Kind schon geschenkt wurde, die höchstpersönliche Unterschrift unter diese Urkunde zu setzen. Denn so sehr die Liebe geschenkt wird, so sehr muss sie mit dem drängenden Muss der Liebe in Freiheit angenommen werden. So wie in Gott die Liebe frei gegeben und angenommen wird.
In der Hoffnung, dass Sie bis jetzt den Gedankenweg mitgegangen sind, führe ich Sie jetzt noch, sozusagen bevor es praktischer wird, zu der ungeheuerlichen Behauptung schon der frühen Christenheit hin, dass wir durch die Taufe am göttlichen Leben teilhaben. Und damit auch an der göttlichen Liebe. Das ergibt sich aus dem vorher gesagten und muss doch noch einmal festgehalten werden. Durch die Menschwerdung des göttlichen Wortes und durch seinen Tod und seine Auferstehung hat unser Menschsein unverdientermaßen einen Ewigen Platz im göttlichen Leben. Auf gut deutsch gesagt: Es gibt Gott nicht mehr ohne uns. (Hier liegt die Provokation des Christlichen für alle anderen Religionen, weswegen Leonardo Boff, lateinamerikanischer Befreiungstheologe sogar sagen kann: Das Christentum ist keine Religion, sondern das göttliche Leben selbst!) Es gibt Gott nicht mehr ohne uns, weil Gott selbst in das Dunkelste des Menschen hineinging, in die Sünde, dem schrecklichen NEIN zur Liebe, die letztlich den Tod bringt: "Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen. Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung." (Joh 13,1)
Die Auferweckung Jesu ist der Sieg der lebenschaffenden Liebe, die Gott Heiliger Geist dazu drängt, den toten Ewigen Sohn und mit ihm alles Menschliche unumkehrbar zu Gott Vater hin zu erwecken. Und dies ohne Vorleistung aller Menschen, sondern allein aufgrund der Liebe, die Gott Sohn Jesus bewahrt hat bis in den letzten Hass hinein, der ihn schließlich in den Tod fallen ließ.
Wenn Ihnen das alles auch etwas hoch theologisch vorkommen mag: Doch darauf kommt es an, wenn wir nun weiter über die Liebe reden. Sie ist vorgängig gegeben. Wie das Leben selber, das sich nicht selber schuf. Wie die Freiheit, die wir vorfinden als Geschenk, das uns freilich fordert: Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus. (Ex 20,20) Martin Buber nennt schon deswegen das, was uns als Gebote bekannt ist, die Zehn Weisungen. Er übersetzt dann folgerichtig: Deswegen wirst du keine anderen Götter neben mir haben. Und nicht: Du soll keine anderen Götter neben mir haben. Das kann er deswegen, weil er damit die gesamte jüdische Tradition besser ernst nimmt: Vorgängig ist die Erfahrung des Freigesetzt Seins. Wie kann man dann anders, als dankbar gegenüber dem Freisetzer Freiheit bewahren!
Jetzt endlich kommt wir also zu dem sogenannten Liebesgebot Jesu. Hier gilt im Sinne Bubers ebenfalls, dass es sich hier nicht um eine von außen an den Menschen herangetragene Verordnung handelt. Wer einmal bejaht hat, dass Gott Liebesreichtum ist, dem alles entspringt, der wird nicht anders können, als diesem Reichtum folgen zu wollen. Gott öffnet sich vorbehaltlos in sich füreinander aufeinander hin (Sie wissen schon: Der Vater auf den Sohn, der Sohn auf den Vater, beide im Heiligen Geist. Und ich entschuldige mich schon jetzt für diese Formulierung, die manchem die Haare zu Berge stehen lassen wird - aber ohne die Vorstellung vom dreifaltigen Gott kann ich mir Gott nicht vorstellen!) Er lässt den Menschen kraft der Menschwerdung des Ewigen Sohnes daran teilhaben. Und wir Menschen antworten darauf, indem wir uns wesentlich bestimmt sein lassen wollen von dieser vorbehaltlosen Wertschätzung, die Gott uns und allen Menschen entgegenbringt.
Sich selbst zu lieben ist daher kein aktives Tun in dem Sinne, dass man sich mal was Gutes tut. Sich selber lieben meint: Sich grundsätzlich geliebt glauben wollen von Gott. "Euer Leben sei frei von Habgier; seid zufrieden mit dem, was ihr habt; denn Gott hat versprochen: Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht. Darum dürfen wir zuversichtlich sagen: Der Herr ist mein Helfer, ich fürchte mich nicht. Was können Menschen mir antun? (Hebr 13,5f.) Es gehört zum glücklichen Glaubensreifen des Menschen, von Kindlichen Immer-Mehr-Haben-Wollen zum Erwachsenen immer mehr In-Gott-Sein-Wollen zu gelangen. Dies wäre die Liebe zu sich selber, die an Gott Maß nimmt: "Ich ließ meine Seele ruhig werden und still; wie ein kleines Kind bei der Mutter ist meine Seele still in mir." (Ps 13,2)
Daraus ergibt sich wie von selber die Entschlossenheit, in jedem Menschen Gottes Antlitz suchen zu wollen. Da mag sich einer noch so verschließen und mir gar feindlich sein: Ich werde vor allem die Angst in seinen Augen lesen, mir und der Wahrheit, wie es um ihn wirklich steht, begegnen zu wollen. Da mögen mich Gefühle von Abneigung und gar Hass erfüllen: Wenn ich mir wieder bewusst werde, dass die Liebe, die Gott zu mir und seiner Welt hat, nichts auslöschen kann, mobilisiert mich das immer neu, alles aufzugeben, mit dem ich mich (meinen Stolz, meine Ehre und was immer) bewahren will und zu einem Menschen nach Gottes Bild und Gleichnis zu werden, der ganz unabhängig von der eigenen Gefühlslage entschlossen ist, die Selbstsucht aufzugeben und immer das Gut und Richtige wählen zu wollen.
06. Februar 2009