Von der Berufung (auch) zum Ordensleben
Bewundernswert! Da ist einer mit Leib und Seele bei der Sache: Wie der singt! - als hörte er schon die Engel klingen. Wie die sich um ihr Kinder kümmert! - als wäre es ihr eigenes Leben. Wie der seine Arbeit macht! - als hätte er sie selbst erfunden! Erstaunlich, auf solche Menschen zu treffen. Ich kenne solche. Sie kennen solche.
Es ist gar nicht so selbstverständlich, sich mit Haut und Haaren, Leib und Seele einem gewählten Weg zu verschreiben. Es gibt ja so viele Möglichkeiten. "Vielleicht finde ich noch was Besseres!" sagte mir jüngst ein knapp 30-jähriger auf meine Frage, warum er nach sechs Jahren Freundschaft mit einer Frau nicht die Ehe wage.
Sich einzulassen, sich einem Menschen ganz und gar verschreiben? Kann es nicht doch noch einen besseren Weg, Menschen, ja, Glauben geben? Sollte ich nicht doch noch länger zögern? Und überhaupt: Woher kann ich wissen, ob ich nicht meine Seele an den Teufel verkaufe, wenn ich mich auf dieses oder jenes vollkommen einlasse?
Je größer die Wahl, um so ärger die Qual. Je bunter der Markt, desto froher der Augenblick, aber um so schwieriger die Entscheidung. Was kochen wir denn heute? Wer geht denn heutzutage bitteschön noch mit einem Einkaufszettel los? Nicht der wohlabgewogene Plan, nein, der spontane Entschluss gehört zu dem, was der Zeitgenosse unter "Leben" versteht. Hier ein bisschen, dort ein bisschen - wenn es nur gut tut. Doch ob mir wirklich gut tut, was ich wähle? Oder ob ich eben nicht immer nur die gleiche Langeweile wähle? Täte nicht der Blick in ein Kochbuch gut? (Nur: Welches?)
Nicht ich wählte den Weg, der Weg wählte mich (Dag Hammarskjöld). Das Unvorhergesehene stellt sich mir in den Weg: Anpacken - oder beleidigt schmollen: Wieso denn ich? Das Unausdenkbare schießt mir in den Kopf: Durchdenken - oder stolz beiseite schieben: Mit so was beschäftige ich mich nicht? Das Erstaunliche lässt mich mit offenem Mund dastehen: Mich erwärmen lassen - oder cool bleiben: Dafür gibt es sicher auch bald eine Erklärung?
Sich ans Unvorhergesehene verlieren, im Unausdenkbaren zu neuen Dimensionen vorstoßen (zweifeln, ja, aber lange genug, bitte!), das Erstaunliche nicht beanspruchen, sondern sich davon in Anspruch nehmen lassen. Diese Kunst vermag zu genießen, wer den Schritt ins Geheimnis gewagt hat. In den Raum, den ich mir nicht bereitet habe und überhaupt keiner der Menschen. In eine Dimension, deren Herr nicht ich bin (und nicht sein muss). Zu einem Halt, der mir den Standpunkt gibt, alles zu sehen, weil er erhaben und über allem ist.
Wer diesen Schritt wagen will, braucht seine Übungszeit. Und er braucht einen Übungsraum. Das wäre doch eine schöne Aufgabe von Liebfrauen: Menschen üben hier "Schritte ins Vertrauen". Sie "sind gespannt, was kommt", wenn sie sich auf den Weg machen. Wir haben ja nicht von ungefähr solche Titel über die letzten Predigreihen gesetzt. Uns begegnen hier und außerhalb der kirchlichen Strukturen Menschen, deren Seele schwer ist an Vertrauensvorbehalt. Sie würden ja gerne an Gott glauben - aber ...
"Es soll bei dir keinen geben, der seinen Sohn oder seine Tochter durchs Feuer gehen lässt, keinen, der Losorakel befragt, Wolken deutet, aus dem Becher weissagt, zaubert, Gebetsbeschwörungen hersagt oder Totengeister befragt, keinen Hellseher, keinen, der Verstorbene um Rat fragt. ... Du sollst ganz und gar bei dem Herrn, deinem Gott, bleiben. (Dtn 18,10f.13). Wie aktuell diese Worte klingen! Umgeben von Esoterikläden, -literatur und -gedankengut behaupten wir hier in Liebfrauen: Wer ganz beim Herrn, seinem Gott bleibt, darf seinen Vorbehalt loslassen.
Als ich vor Jahren das Taufbecken der Konzilskirche in Ephesus durchschritt, erfasste mich die Gewissheit, im Strom der Getauften zu stehen, die in der Osternacht Gott geweiht wurden. Sie wollten bewusst teilhaben am Lebensgeheimnis Jesu: Sich ganz von her verstehen, ganz von Gott her kommen, im Denken, Reden und Tun. Und sich ganz auf Gott hin ausstrecken. Sich verlassen: von sich weggehen, von sich wegdenken. Sich verlassen: auch im Sinne von grundsätzlichem Vertrauen in dem Weg, den Jesus mir vorweg geht.
Ganz und gar bei Gott bleiben - mit Haut und Haaren, erkennbar, entschieden, mit Hingabe. Leben als einer, der Gott geweiht ist. In der Komplexität dieser Welt den wählen, der mich wählte - und alles wird durchschaubarer, einfacher, bekommt seine Ordnung.
Nun - so leicht und einfach wird es nicht gleich sein. Geistliches Leben macht das Leben nicht einfacher; aber es bekommt mehr Tiefe, weil das unstete probebohren mal hier und mal da dem Standhalten in Dem weicht, dem ich geweiht bin.
Am Lichtmess-Tag begeht die Kirche als Dank für die Berufung von Mitchristen zum Ordensleben den Tag des Geweihten Lebens. Wurde in früheren Zeiten diese Gruppe von Christinnen und Christen abgehoben von der meist christlichen Umgebung, hat sich der Blick heute gewandelt: Die Christen insgesamt werden wieder tiefer begreifen müssen, wie sehr gottgeweiht sind. Die Lichtmesskerze mag eine Erinnerung auch an die Taufkerze sein: Meine Augen haben das Heil gesehen! Wenn wir Schwestern und Brüder in Liebfrauen als Ordenschristinnen und -christen zu diesem frohen Glauben ermutigen, stimmen wir gern in den Dank der Kirche ein.
Wir laden Sie herzlich ein, mit den Ordensleuten des Bistums Limburg am 2. Februar den Tag des Geweihten Lebens in Liebfrauen um 14.00 Uhr mit einer Vesper zu begehen. Einmal mehr dürften Sie dann erfahren, was viele so gern und oft bei uns verweilen lässt: Menschen, die mit Hingabe singen und beten; die dankbar sind für ihre Berufung zum Leben, zum Christsein, für eine besondere Aufgabe in der Kirche - auf jeden Fall aber zum frohen Leben ganz und gar mit Gott.
Br. Paulus Terwitte