Unsere Sakristei wird erneuert. Der Durchbruch in der Mauer ist der Anfang. Ich war einen Moment irritiert von der Gewalt der Schlagbohrer. Dann habe ich mir gedacht: Ein wichtiges Bild. Und ich dache an den Vers eines Liedes von Johann Christoph Rube (1665-1746), Schwiegervater des Frankfurter Seniors Heinrich Andreas Walther, über de Ankunft Christi in dieser Welt:
Der Herr bricht ein um Mitternacht,
jetzt ist noch alles still.
O Elend, dass schier niemand wacht,
und ihm begegnen will!
Still war es zwar nicht, als die Männer für den neuen Außenzugang der Sakristei in das Mauerwerk einbrachen. Wohl aber ist mir bei diesem mächtigen "Einbruch" eine andere "Stille" in den Sinn gekommen:
Ich erinnerte mich an eine Schlagzeile aus jüngster Zeit: "Rabenschwarzer Tag für Deutschland" titelte BILD nach Bekanntgabe der neuesten Konjunkturdaten. Die ehemals laut Begeisterten für das Wohlstandswunderland werden stiller. Das Leben in Deutschland wird teurer. Arbeitsplätze, die sicher geglaubt wurden, werden gestrichen. Das Geld reicht nicht. Politische Konzepte werden Makulatur.
Unser Fürbittbuch in Liebfrauen kennt zunehmend auch diese "öffentlichen" Sorgen. Sie färben die "normalen" Lasten des Lebens noch schwärzer. Eine Beziehungskrise, Krankheit oder seelische Not sind noch schwerer zu ertragen, wenn die einst sicheren Koordinaten der Gesellschaft ins Wanken geraten.
Doch nicht alle bekommen das mit:
Wie liegt die Welt so blind und tot!
Sie schläft in Sicherheit
und meint, des großen Tages Not
sei noch so fern und weit.
Andere fühlen sich durch die derzeitige gesellschaftliche Entwicklung bestätigt: Sie beklagen schon lange den Verfall der moralischen Grundprinzipien. Sie sehen jetzt die Folgen: Wo immer weniger Verantwortliche fest sind in Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Zivilcourage oder Maß, da gerät der feste Halt für alle ins Wanken. Eine wirtschaftliche Ordnung ohne Wertekanon frisst ihre Kinder.
Die Propheten des Ersten Bundes finden dafür eine drastische Sprache: "Verfluchtsein, Verwirrtsein, Verwünschtsein lässt der Herr auf dich los, auf alles, was deine Hände schaffen und was du tust, bis du bald vernichtet und bis du ausgetilgt bist wegen deines Tuns, durch das du mich böswillig verlassen hast. Am Morgen wirst du sagen: Wenn es doch schon Abend wäre!, und am Abend: Wenn es doch schon Morgen wäre! - um dem Schrecken zu entfliehen, der dein Herz befällt, und dem Anblick, der sich deinen Augen bietet." (Dtn 28,20.67)
Das Bedrohliche dieser Worte ist unüberhörbar. Doch kommt die Drohung nicht aus der falschen Politik, aus einem namenlosen Schicksal. Hier sprechen nicht die Zahlen für sich und droht nicht ein Kollaps: In diesen Versen droht der lebendige Gott. "Wenn ihr euch nicht an die Worte haltet ...".
Dem Glaubenden ist der Schrecken vor der Welt mit allem, was sie so bedrohlich macht, weniger schrecklich als der Schrecken vor dem lebendigen Gott. Und das ist gut so. Denn vor Zahlen oder Schicksalen gibt es kein Erbarmen, wohl aber von Gott her.
Tage der Unsicherheit wecken Fragen nach wirklichen Sicherheiten. Wir hier in Liebfrauen werden Zeugen davon. Menschen suchen nach einem Halt, den keine Produktion dieser Welt hervorbringt. Wohl aber kann ersehnt werden hinein in die Welt. Die Adventzeit ist der richtige Moment, dieser Sehnsucht Raum zu geben:
Vielleicht aber braucht Gott die Sehnsucht, wo sollte sonst
sie auch bleiben,
Sie, die mit Küssen und Tränen und Seufzern füllt die
geheimnisvollen Räume der Luft -
Vielleicht ist sie das unsichtbare Erdreich, daraus die glühenden
Wurzeln der Sterne treiben -
Und die Strahlenstimme über die Felder der Trennung, die zum
Wiedersehn ruft?
O mein Geliebter, vielleicht hat unsere Liebe in den Himmel
der Sehnsucht schon Welten geboren -
Wie unser Atemzug, ein - und aus, baut eine Wiege für Leben
und Tod?
Sandkörner wir beide, dunkel vor Abschied, und in das goldene
Geheimnis der Geburten verloren,
Und vielleicht schon von kommenden Sternen, Monden und
Sonnen umloht.
Mir sagen Zeilen der Dichterin Nelly Sachs für den Advent sehr zu. Was für die Dichterin ein Liebesgedicht ist, nehme ich für mich als Glaubenslied. Mein Geliebter ist Jesus, mit dem ich aus Sehnsucht zum Himmel für hier schon Welten "gebäre". So pathetisch sich das anhören mag: Ohne den liebevollen Umgang mit dem Erlöser, den wir im Advent erwarten, kann ich nicht lieben inmitten der "Einbrüche", die ich in dieser Welt erleben muss.
Der größte Durchbruch über alle schicksalsmächtigen Einbrüche hinweg kommt von Gott. Adventszeit ist deswegen die höchste Trostzeit. Sie ist nicht zuständig dafür, nur das eigene Wohlgefühl zu nähren, die eigene Stimmung zu heben oder nur für mich eine Zeit der Ruhe zu sein.
Adventzeit ist Unruhezeit. Bei all den Einbrüchen um uns herum will sie aufwecken. Oder besser: Ich werde aufgestört und eingeladen, selber zum Störenfried zu werden:
Weckt ihr einander aus der Ruh',
dass niemand sicher sei?
Ruft ihr einander fleißig zu:
"Seid wachsam, fromm und treu!"?
Eine schöne Vorstellung: Wir rufen einander zu im Advent: Es kommt einer, der alle Einbrüche heilt; Er durchbricht die schmerzlichen Erfahrungen, die wir zu machen haben. Er wird zur Tür, durch die wir in neue Horizonte schreiten:
So wache denn, mein Herz und Sinn,
und schlummre ja nicht mehr!
Blick täglich auf sein Kommen hin,
als ob es heute wär'!
Ich wünsche Ihnen eine Adventszeit voll erneuerter Sehnsucht.
Keiner wird gefragt
Keiner wird gefragt
wann es ihm recht ist
Abschied zu nehmen
von Menschen
Gewohnheiten
sich selbst
Irgendwann
plötzlich
heißt es
damit umgehen
ihn aushalten
annehmen
diesen Abschied
diesen Schmerz
des Sterbens
dieses Zusammenbrechen
um neu
aufzubrechen
Aus: Margot Bickel, Hermann Steigert: Jeder Tag ist Leben
Br. Paulus Terwitte