Freiheit und Bindung
Was kann man unter Freiheit verstehen? Freiheit erfahre ich, weil ich in der Zeit lebe und erfahre: Ich kann entscheiden, wie ich werden will. Aus den vielen Möglichkeiten darf ich wählen - aber ich muss es auch tun. Und dies im Hinblick darauf, wie ich werden will und was ich sein will.
Natürlich gibt es viele Faktoren, die mich so und nicht anders wählen lassen. Manche meinen gar: Der Mensch ist Sklave seiner Biographie. Niemand kenne sein Unterbewusstes so gut, dass er wirklich frei sei. Wer wüsste schon, was ihn alles treibe!?
Was immer uns auch bestimmt: Die psychischen Motive stehen nicht in Gegensatz zur Freiheit. Freiheit setzt vielmehr diese Motive voraus. Weil sie sich aber formen lassen, kann ich sie auf verschiedene Ziele meiner Wahl hinrichten. Wichtig ist: Ist habe die Pflicht, meine psychischen Motive kennen zu lernen. Wenn ich sie kultiviere, kann ich sie meinen frei gewählten Zielen zuordnen.
Ich bin fähig, dies zu tun oder jenes zu lassen - ganz frei. Nicht Instinkt, nicht Trieb - sondern ich als Peron setze Ziele. Ich plane in aller Freiheit, wie ich gehen will, wohin mein Leben führen soll. Und das ganz konkret: Sosehr die Welt von naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten festgelegt ist - ich kann und muss mich dazu verhalten. Ich bin zwar gebunden an den Lauf der Welt - aber die Größe meines Menschseins besteht darin, dass ich mich dazu frei verhalten kann.
Freiheit hat mit Entscheidung zu tun. Nicht die tausend Möglichkeiten, die ich habe, machen mich frei. Frei bin ich, wenn ich eine davon wähle. Meine Wahl heute bindet mich gegenüber der Zukunft. Ich bin, wozu und worauf hin ich mich heute entscheide. Man will sich also für die Zukunft an diese Entscheidung binden. Entscheidet man sich später dann anders in der gleichen Sache, dann bringt man nachträglich die vormals getroffene Entscheidung um ihren Sinn. Dann bedroht man die Selbstentfaltung und Lebensgestaltung. Man distanziert sich von sich selbst, gefährdet die eigene Sinnorientierung und Entschlossenheit und tendiert zur Resignation.
Bleibt man jedoch gebunden an seinem Entschluss, dann erfährt man eine bleibende Sinnhaftigkeit, man achtet den Wert des eigenen Verhaltens und findet dadurch Hoffnung für die Zukunft. Frei ist, wer Grundentscheidungen seiner Vergangenheit - wenn sie denn nicht irrig waren - in der Gegenwart die Treue hält auf Zukunft hin.
Sie, liebe Leserin, lieber Leser, werden mir jetzt die Realität entgegenhalten. Auf was kann man sich denn heute noch verlassen? So viel verändert sich. Selbst gut begonnene Ehen vermögen nicht zu halten angesichts der Flut von Lasten, die allein von außen auf sie einströmen. Ist da nicht ein Hohn, von der Treue zu sprechen? Habe nicht jene Recht, die sich für frei halten, weil sie alle Bindungen in den Wind schlagen? Flexibilität, Spontaneität - heute so, morgen so ... ??
Meine Antwort darauf: Es mag Menschen geben, die so ganz glücklich leben können. Mir sind jedoch eher jene bekannt, die erleiden, dass sie nicht durchhalten können, was sie einmal auf Zukunft hin begonnen hatten. Und manchmal treffe ich auch jene, die deshalb den Weg nicht mehr gehen konnten, weil sie sich zu starr gebunden hatten. Wir reden hier von Entscheidungen, die nur frei bleiben, wenn sie beweglich bleiben in der Wahl der Mittel, um das letzte Lebensziel zu erreichen; von Entscheidungen, die als Fehlentscheidungen bereut bzw. revidiert werden können, wenn man sie als verfehlt erkennt.
Im freien Akt wähle ich nämlich den Entwurf, den Gott meinem Leben eingestiftet hat. Für manchen klingt das wie ein Widerspruch: Wie kann ich frei sein, wenn ich wählen soll, was vorgegeben ist? Meine Antwort darauf: Wähle den Sinnentwurf deines Lebens, wähle dein Personsein, so wie Gott dich schuf - und du wirst in Bindung an die Quelle der Freiheit vollkommen frei sein.
Das gebeugte Knie und die hingehaltenen leeren Hände sind die beiden Urgebärden des freien Menschen. Das schreibt Alfred Delp aus dem Gefängnis(!). Eine Entscheidung, in der der Mensch über seine Zukunft verfügt, ist dann frei, wenn er sie in Anerkennung und Anbetung Gottes trifft. Gebunden an Gott und gebunden an diese Entscheidung beginnt der Prozess der beständigen nachträglichen Bestätigung (Ratifikation), bis der Mensch das Ziel erreicht. Aus der Einzelentscheidung wird eine Haltung. Sie empfängt täglich neu die Freiheit aus der Hand Gottes, in dem meine Zukunft vollendet werden wird. Gebunden an diesen Gott weiß ich mich frei in der Bindung an meine Entschlüsse.
Bindung ohne Freiheit ist Sklaverei
Freiheit ohne Bindung ist Willkür
Bindung formt die Freiheit
Freiheit adelt die Bindung
Dietrich Bonhoeffer
Br. Paulus Terwitte