Das Portal zum Menschen Bruder Paulus
« Februar - 2012 »
SMDMDFS
 010203
04
05
06
08
09
1011
12
13
14
15
16
1718
19
20
2122232425
26272829 
Sie befinden sich hier: Aufgaben Autor Bibel im Medienzeitalter - Interview im Buchjournal Fruehjahr 2003

Bibel im Medienzeitalter

Interview im Buchjournal 1/2003

Sie sind Guardian, das heißt Leiter des Liebfrauen-Klosters in Frankfurt, erster TV-Mönch und Priester mit einer eigenen Talksendung und kommentieren seit knapp zwei Jahren täglich die Schlagzeile der Bildzeitung auf Ihrer Homepage. Was treibt Sie an?
Ich schreibe meinen biblischen Kommentar zur Schlagzeile der Bildzeitung, weil ich ein schlagfertiger Mensch bin, weil ich die Sprachspiele liebe, weil ich den Boulevard liebe, weil ich Grenzgänger bin. Weil Gott mich so geschaffen hat.

Was hat die Bildzeitung mit der Bibel zu tun?
Wenn Sie so wollen, ist das, was ich im Internet tue, praktische Bibel-Anwendung. Der Sinn meines Kommentars zu dem, was die Bild-Zeitung macht, ist, dass ich sage: All das, worüber berichtet wird, sind urmenschliche Emotionen, die Sie in jedem Dorf wieder finden können und die Bild-Zeitung ist der aufgeblasene Dorf-Klatsch, wo aus einer Mücke ein Elefant gemacht wird. Die Bibel kennt diese urmenschlichen Erfahrungen und ich tue nichts anderes, als mich zu fragen: Welches Bibelwort wird in mir wach durch das Thema, dass die Schlagzeile hinausposaunt.

Wie ist die Resonanz?
Überraschend groß, aber der Prediger Kohelet würde sagen "Es ist alles Windhauch". Man kann in tausend Sendungen auftreten und auf tausend Fotos zu sehen sein- mir ist wichtig, dass der Same des Wortes Gottes ausgesät wird.

Der da wäre?
Die Grundbotschaft heißt: Das Grundkonzept dieser Welt ist in Jesus Christus Mensch geworden. Gott hat uns in Jesus Christus den Kernpunkt dieser Welt geschenkt.

Das Grundkonzept dieser Welt ist...
…warum die Welt geschaffen wurde. Sie wurde geschaffen, damit Jesus geboren werden konnte. Die Bibel sagt, auf ihn hin ist die ganze Schöpfung. Und damit auf uns hin. Der Mensch, der an Gott glaubt und daran, dass Jesus wiederkommt, ist ein ausgespannter Mensch, der einen Lebensbogen hat. Dieser Spannungsbogen trifft auf alles zu. Es ist die Spannung, dass ich von Gott herkomme und durch die Geburt in dieses Leben trete bis hin zum Tod und durch ihn hindurch in die Vollendung. Die Geburt ist nicht der Anfang und der Tod nicht das Ende.

Was steht am Anfang?
Der Wille. Dass es dich gibt. Gott hat dich gewollt. Du bist der einmalige Ausdruck Gottes, den nur du geben kannst, aus seiner Ewigkeit für diese Zeit. Und alles, was du erlebst ist gut und sinnvoll, damit du das bist, wozu Gott sich dich ausgedacht hat.

Glaube als Therapie?
Wenn Jesus der Heiland ist und das keine verstaubte Vokabel sein soll, dann könnte man sagen, derjenige Mensch wird heil, der gelernt hat, dass seine Biografie gewollt hat. Darunter können wir die Logotherapie von Viktor Frankl packen. Derjenige Mensch wird heil, der sein Leben und alles, was er darin erfahren hat, als Aufgabe annimmt, um es zu einer vollendeten Gestalt hinzuführen. Darunter können wir die Gestalttherapie buchen. Und derjenige wird wirklich Mensch, der es lernt, sich loszulösen, von Vater, Mutter, Sohn und Tochter, Äcker und Wälder, wie Jesus sagt, um zu einer ganz neuen freien Sinnbestimmung zu kommen. Stichwort hier: Siegmund Freud.

Als was sehen Sie sich? Therapeut, Guru, Missionar?
Ich möchte Mut machen. Und den Menschen nahe bringen, dass Gott sie gewollt hat. Insofern bin ich natürlich ein Missionar, der sich zu erkennen gibt als einer, der selber hin zu einem menschlicheren, emotionaleren und reiferen Leben missioniert wurde. Ich glaube, die Ankunft Gottes in meinem Leben hat mich für mich selber erschlossen.

Was kann uns die Bibel heute lehren?
Die Bibel ist voller Geschichten, in denen unaufrichtige Menschen zur Umkehr und Ordnung gerufen wurden. Sie enthält zum Teil schrecklich blutrünstige Geschichten, wie die der Makkabäer, in denen es im um Hinrichtungen und brutalen Kindermord geht. Die Bibel enthält das gesamte Menschheitswissen, das Gute wie das Böse. Wer die Bibel liest, muss bereit sein, sein Leben zu verändern. Dafür muss ich die Bereitschaft haben, mein Herz an Gott zu hängen, Entscheidungen in einer neuen Weise zu fällen. Dazu muss ich mich zum Beispiel fragen, wofür ich mein Vermögen einsetze. Oder, wenn ich eine einsame Nachbarin habe, mich verpflichten, einmal im Monat bei ihr vorbeizuschauen. Die Bibel als das Buch der Bücher kann ich nur lesen, wenn ich eine wache Ahnung habe, dass es einen verbindenden Faktor namens Gott gibt, der mich einlädt, über den Tellerrand meines Lebens zu schauen. Und nicht nur in meinen Teller alles hineinzuschaufeln, was ich kriegen kann. Es gibt viele religiöse Analphabeten in unserer Gesellschaft, die manche Sinnsysteme gelernt haben, nur nicht das einfache Sinnsystem aus der Bibel: dass der Mensch geschaffen ist, Gott zu lieben, sich selbst und den Nächsten. Dieses Grundstrickmuster tragen die Menschen einfach nicht mehr in sich selbst. Mein Ziel ist, diese Trias in die heutige Sprache zu übersetzen. Im persönlichen Gespräch, von der Kanzel aus, über das Internet, über das Fernsehen.

Kann man Glauben lernen?

Man kann dem Glauben zustimmen. Ich sage manchem, der mich fragt, wie er zum Glauben kommen kann: Gehe in unsere Liebfrauen-Kirche in die Anbetungskapelle, kniee dich eine Woche lang jeden Tag eine halbe Stunde hin und sage: "Gott, du bist groß und ich bin dein Geschöpf". Versuche zu ertragen, dass jemand über dir ist und versuche, dich ihm hinzugeben. Wenn wir uns nicht als Rechthaber und Rechte-Inhaber der Welt betrachten würden, sondern als Empfänger von Gnade, dann würden wir vieles leichter nehmen können.

Welche ist Ihre Lieblingsgeschichte in der Bibel?
Ein Stelle, in der es um Maria geht, die übrigens nicht zu den offiziellen Marienlesungen gehört. Als die Mutter und die Verwandten Jesu ihn suchen, weil sie denken, er ist von Sinnen, sagt einer von den Jüngern zu Jesus, dass seine Mutter und Brüder draußen stünden. Darauf antwortet Jesus: "Wer ist schon meine Mutter, wer sind meine Brüder? Alle die das Wort Gottes hören und es befolgen, sind für mich Vater und Mutter, Schwestern und Brüder". Jesus emanzipiert sich, richtet sich gegen das "Hotel Mama". Er weist die Mutter zurück, die sich erlaubt, zu glauben, er sei verrückt geworden und die erzieherisch tätig wird. Unter dem Kreuz sieht er sie wieder und er kümmert sich auch um sie, aber sie ist jene Mutter, die ein neues Verhältnis zu ihm finden muss. Und wir müssen ein neues Verhältnis zueinander finden, zu den Menschen, die wir lieben. Niemand darf unser Gott sein. Was für eine Freiheit würde unter die Menschen kommen, wenn sie sich sagen würden: "Du bist das Geschenk, das Gott mir für mein Leben gemacht hat." Und wenn du mal ganz anders bist, als ich mir das gedacht habe, dann beschwere ich mich bei dem, der mich dir gab, aber dich will ich achten.

Eine schwierige Aufgabe…
Das ist die Freiheit, nach der die Menschen sich sehnen: dass sie ohne Erwartung geliebt werden, einfach um ihrer selbst willen. Das ist nur möglich, wenn zwischen Mann und Frau der Dritte im Bunde ist. Dies gilt nicht nur für Mann und Frau als Ehepaar, sondern für jegliche Form von Verhältnis. Wenn ich jemand anderen nicht so toll finde, wird es Zeit, dass ich mich in eine Reihe mit dem anderen stelle und mich frage, was der wohl an mir nicht so toll findet. Überheblichkeit und Stolz gehören zu den sieben Todsünden. Die Bibel ist in dieser Hinsicht ein ewiges Trainingsbuch. Und ich erhoffe mir von Gott, der heute mein Gott sein will, dass er sich mir gegenüber als so stark erweist wie er sich den Menschen in der Bibel gegenüber erwiesen hat.

Die Bibel als Resonanzboden, der Muster und Schwingungen der Urgeschichte bis in die heutige Zeit überträgt?
Es gibt nichts, was es nicht schon in der Bibel gab. Sie ist nicht umsonst das Buch der Bücher.

Was raten Sie Menschen, wenn sie sich für die Bibel interessieren?
Die Bibel ist eine Sammlung von - salopp ausgedrückt - Lagerfeuergesprächen. Glaubensgemeinschaften sind Erzählgemeinschaften. Deshalb sollte die Bibel in der Gemeinschaft gelesen werden. Deshalb kommen die Menschen in der Kirche zusammen, um das Wort Gottes zu hören.

Ich würde jedem raten, der die Bibel liest, sie auch ins Spiel zu bringen. Man kann zum Beispiel als Paar die Bibel nach dem ökumenischen Bibelleseplan lesen. Oder sie Freunden vorlesen. Oder im Jahr der Bibel in der Familie zum Frühstück jeweils einen Vers des Philipper-Briefes lesen. Wie einen Fortsetzungsroman, bei dem man gespannt ist, was als nächstes kommt. Damit schafft man Rituale, und Rituale stärken.


Lesetipp:

Zur Einführung: Einheitsübersetzung des Neuen Testamentes, beginnend mit dem Lukas-Evangelium, gefolgt vom Philipperbrief, anschließend den Brief an die Galater, dann Markus.
Für Fortgeschrittene: Jerusalemer Bibel in der Einheitsübersetzung.


Br. Paulus Terwitte

Letzte Aktualisierungen

*  05.02.2012 12:38 - Medienresonanz
*  03.02.2012 12:55 - Newsletter Nr. 76 - 3. Februar 2012
*  03.02.2012 12:42 - Beheimatet im Unterwegssein